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E-Learning Das www-Studium

21.01.2007 ·  In Berlin wohnen und in Heidelberg studieren. Außerhalb von Raum und Zeit. Alles digital. Alles virtuell. E-Learning sollte die Lehre an den Universitäten revolutionieren. Technisch geht das. Praktisch nicht.

Von Dorte Huneke
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Studieren im World Wide Web, das versprachen Internet-Pioniere Ende der neunziger Jahre. Skeptiker fürchteten bereits den Ausverkauf der Hörsaaltradition. Was ist aus den Visionen geworden? Rein technisch ist das www-Studium heute möglich: Per Internet das Vorlesungsverzeichnis durchblättern. Für Seminare anmelden. Lehrmaterialien herunterladen. An Online-Diskussionen teilnehmen. Live-Chats mit Studierenden an Universitäten in Australien und Afrika führen. Creditpoints erwerben an Universitäten im In- und Ausland.

Abschied von hochtrabenden Visionen

Tatsächlich hinfahren an die Alma Mater müsste man im Grunde erst für die mündliche Abschlussprüfung. „Aber wollen Sie das wirklich?“, fragt Andreas Heisel. Der Diplom-Physiker ist der erste www-Berater der Universität Heidelberg und Geschäftsführer des vor einem Jahr eingerichteten E-Learning-Centers. „Was Ende der neunziger Jahre ausgedacht wurde, ist längst passé“, urteilt Heisel. Hochtrabende Visionen sind auf dem Boden der Tatsachen gelandet.

„Einige Szenarien waren in der Tat besorgniserregend.“ Zum Beispiel die vollständige Verlagerung der Hochschule in den virtuellen Raum. Das hätte bedeutet, dass es nur noch Fernuniversitäten gibt. „E-Learning wird die Präsenzlehre niemals vollständig ersetzen“, sagt Heisel. Das sind Visionen von gestern.

Heute regiere „reiner Pragmatismus“. Die eigentliche Herausforderung liege darin, webbasierte Instrumente zu entwickeln, die das bestehende Lehrangebot ergänzen und bereichern. In den Geisteswissenschaften sieht das beispielsweise so aus: In einem virtuellen Seminarraum tauschen Studierende in Diskussionsforen Wissen und Meinungen aus. Sämtliche Lehrmaterialien sind online verfügbar.

Im virtuellen Seminarraum

Am Anglistischen Seminar der Universität Heidelberg bietet Dorothea Fischer-Hornung bereits seit fünf Jahren Veranstaltungen im virtuellen Raum an. „Wir sind ja alles Amateure“, sagt die Philologin. Soll heißen: Es wurde viel herumexperimentiert auf einem Feld, das für alle Beteiligten Neuland bedeutet. Mit ihrem ursprünglich in Kooperation mit der Universität Stuttgart entwickelten Projekt „American Cultural Studies Online“ gehört sie zu den Ersten am Markt. Da der virtuelle Seminarraum überall auf der Welt zugänglich ist, bietet er zudem Gelegenheit für internationale Begegnungen. Am Anglistischen Seminar in Heidelberg fanden bereits Parallel-Veranstaltungen mit walisischen, italienischen, schweizerischen und russischen Universitäten statt.

„In einer Diskussion mit russischen Studierenden zum 11. September wurde deutlich, dass aktuelle Ereignisse dort ganz anders wahrgenommen und eingestuft werden“, erklärt Fischer-Hornung. „Diese Erkenntnis war für die Studierenden hierzulande sehr bereichernd.“ Wann, wie oft und wie lange sich die Studierenden im virtuellen Seminarraum aufhalten, bleibt ihnen selbst überlassen. Es gibt keine Anwesenheitspflicht. Vorgegeben ist lediglich, dass jeder Kursteilnehmer pro Woche eine bestimmte Zahl an selbstverfassten Beiträgen ins Netz stellt. Zu den neuen Freiheiten gesellt sich ein höheres Maß an Selbständigkeit. Es wird stärker eigenständig gearbeitet.

Die Studenten korrigieren einander

Daran müssen auch die Dozenten sich erst gewöhnen. „Anfangs habe ich mich viel häufiger in die Diskussionen eingemischt“, sagt Fischer-Hornung. „Inzwischen halte ich mich weitestgehend raus.“ Meist helfen oder korrigieren sich die Studierenden relativ schnell untereinander und schlichten Streitereien selbst.

Auf Eigenregie basieren auch zahlreiche auf verschiedene Fachbereiche zugeschnittene computergestützte Lehr- und Lernprogramme. Die englischen Termini lauten: Computer Assisted Instruction (CAI), Computer Assisted Learning (CAL), Computer Based Learning (CBL), Computer Based Training (CBT) oder Web Based Training (WBT).

Am Institut für Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft der Universität Bremen trainieren Linguistikstudierende an einer computergestützten, interaktiven, multimedialen Linguistikwerkbank. Wohlgemerkt als Ergänzung zu den weiterhin stattfindenden Grundkursen. Das Angebot umfasst unter anderem interaktive Übungsprogramme, didaktisch aufbereitete und assoziativ verknüpfte Originaltexte sowie eine Visualisierung schwieriger abstrakter Begriffe und komplexer Abläufe.

Der entscheidende Unterschied zur Arbeit mit dem Lehrbuch: die Werkbank ist intelligent. Was in diesem Fall heißt, das Programm ist in der Lage, neues Wissen aufzunehmen, einen Wissensspeicher anzulegen, neue Problemstellungen zu generieren und vor diesem Hintergrund individuelle Lösungsvorschläge zu evaluieren. Der englische Fachbegriff für solche wissensbasierten Lehr- und Lernprogramme lautet „Intelligent Computer Aided Instruction“ (ICAI) beziehungsweise „Intelligent Tutorial System“ (ITS).

Generation E-Praktikum

E-Learning steht also nicht in Konkurrenz zur traditionellen Lehre, sondern bietet zusätzliche Instrumente zur Einübung und Vertiefung „real“ vermittelter Inhalte. „Das eine geht nicht ohne das andere“, sagt Fischer-Hornung. Während des Semesters absolvieren die Studenten praktische Trainingseinheiten, die häufig unmittelbar auf die berufliche Praxis vorbereiten. Die Generation E-Praktikum stellt sich vor. Angehende Mediziner zum Beispiel versetzen sich per Video oder Bildübertragung in die Situation eines diagnostizierenden Arztes, simulieren selbständige Untersuchungen und stellen Diagnosen oder verordnen eine Therapie. Wenn sie ihre Entscheidung getroffen und eingetippt haben, wird diese automatisch mit der des real behandelnden Arztes verglichen.

Auch der Aspekt lebenslanges Lernen spielt eine Rolle. Auf digitale Angebote in der Fort- und Weiterbildung setzen die Industrie- und Handelskammern. „Der Vorteil von E-Learning liegt in der Anpassbarkeit und der Kommunikation zwischen Teilnehmern und Dozenten“, sagt Jan Kuper, Referatsleiter an der IHK-Online-Akademie in Berlin. So schnell wie erhofft habe sich E-Learning zwar nicht entwickelt. „Aber inzwischen wächst es im Allgemeinen und bei uns stetig.“

Neue Medien in der Präsenzlehre

Der Trend gehe aber mittlerweile zum sogenannten „blended Learning“: zur Integration der neuen Medien in die Präsenzlehre. „Der Anteil der reinen WBTs wird weiter zurückgehen“, schätzt Kuper. In Zukunft werden die digitalen Trainingsprogramme seiner Prognose nach stärker als Ergänzung zu bestehenden Produkten gebucht werden.

Grundsätzliche Vorbehalte gegenüber dem Einsatz neuer Medien in der Lehre gibt es aber nach wie vor. „In der Regel werden diese aber von denjenigen gehegt, die kaum Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt haben“, sagt Fischer-Hornung. Darum ist es wichtig, dass es Ansprechpartner gibt, die das technische Know-how zur Umsetzung von Ideen liefern und Fragen beantworten.

Seit das E-Learning-Center der Universität Heidelberg existiert und im Sommersemester 2006 eine E-Learning-Plattform und webbasierte E-Learning-Instrumente einführte, beobachtet Heisel ein rapide ansteigendes Interesse auf Seiten der Lehrenden. Langsam komme zusammen, was zusammengehöre.

Das Deutsche Netzwerk der E-Learning-Akteure vergibt seit 2006 den Deutschen E-Learning-Innovations- und Nachwuchs-Award für erfolgreiche und erfolgversprechende E-Learning-Anwendungen in Wirtschaft, Hochschule, öffentlicher Verwaltung und Schulen. Mehr zum Deutschen Netzwerk der E-Learning-Akteure e.V. unter www.d-elan.de

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