06.04.2010 · Mit Hilfe moderner Technik können sich Fernstudenten vor dem Bildschirm fast wie im Hörsaal fühlen. Das so genannte „Live-E-Learning“ ermöglicht, dass Studenten und Dozenten sich im Internet treffen - auch wenn der eine in Afrika sitzt und der andere in Europa.
Von Nadine BösFalls die Frisur von Managementdozentin Iris Wunder einmal nicht sitzt, hat sie trotzdem kein Problem damit, vor ihre Studenten zu treten. „Wenn ich einen Bad Hair Day habe, schalte ich einfach die Kamera aus“, sagt Wunder. „Lästig ist allerdings, wenn ich vergesse, vor der Vorlesung meinen Hund aus dem Zimmer zu schicken und der zwischendurch zu bellen anfängt.“
Iris Wunder unterrichtet ihre Studenten nicht im Hörsaal, sondern in virtuellen Klassenräumen. Für die Universität Duisburg-Essen hält sie beispielsweise eine Online-Vorlesung in „Educational Media“. Weil die Kursteilnehmer fast durchweg berufsbegleitend studieren, haben sie kaum Zeit, an die Uni zu kommen. „Also komme ich zu ihnen auf den Bildschirm“, sagt Wunder. Die Dozentin leitet außerdem einen Management-Grundlagenkurs für Fernstudenten der Open University Business School in Großbritannien. „Da hatte ich schon gleichzeitig Leute aus Moçambique, Malta, Jamaika und England zusammensitzen“, erzählt sie. In solchen Fällen wirft sie zum Einstieg am liebsten eine kleine Landkarte in ihren virtuellen Diaprojektor und lässt die Studenten am Computer anklicken, wo sie sich gerade befinden. „Das führt einem schön vor Augen, was es für ein Aufwand gewesen wäre, sich persönlich zu treffen.“
Fortschritt und Rückschritt zugleich
Möglich werden die virtuellen Vorlesungen quer durch die Welt mit Hilfe moderner Kommunikationsprogramme. Sie heißen „Adobe Connect“, „Elluminate“, „Wimba“ oder „Dimdim“ und sind für Web-Konferenzen aller Art nutzbar. Die Funktionsweise im Fernstudium ist überall ähnlich: Der Dozent und die Studenten treffen sich zu einer verabredeten Uhrzeit über das Internet in einem virtuellen Raum. Sie sind über Mikrofone und Kopfhörer miteinander verbunden und können auf Wunsch zusätzlich Webcams einschalten. Auf den Bildschirmen kann der Dozent, ähnlich wie in Powerpoint, eine Folienpräsentation abspielen. So kann er zum Beispiel Schritt für Schritt zeigen, wie eine mathematische Formel am schnellsten aufzulösen ist. Über verschiedene Knöpfe können die Studenten sich zu Wort melden und Fragen stellen, Rückmeldungen zur Vorlesung geben oder Bescheid sagen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Parallel zur Vorlesung läuft ein Internet-Chat zwischen Studenten und dem Dozenten.
„Das sogenannte Live-E-Learning hat in den letzten zwei Jahren im Fernstudium gewaltig an Bedeutung gewonnen“, sagt Burkhard Lehmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für das Fernstudium an Hochschulen. Lehmann schätzt, dass derzeit 5 bis 10 Prozent der deutschen Fernvorlesungen ausschließlich über solche Programme im Internet übermittelt werden. Die große Mehrheit der Anbieter kombiniere dies jedoch mit klassischen Lehrmethoden, sagt Lehmann. Die Online-Vorlesungen sieht er nicht ausschließlich positiv. „Ein Fernstudium ist ja gerade dafür da, dass sich die Studentengruppen nicht zur gleichen Zeit zusammenfinden müssen, sondern jeder selbst entscheiden kann, ob er nachts um drei Uhr lernt oder lieber morgens um sieben in der Bahn.“ Deshalb seien die Sitzungen im Internet zwar ein technischer Fortschritt, könnten für die Organisation eines Fernstudiums aber durchaus ein Rückschritt sein. „Sich in diesen digitalen Welten zu bewegen ist zweifellos faszinierend“, sagt Lehmann. „Wir dürfen aber nicht vergessen, die Studenten dorthin mitzunehmen.“
Manchmal ist die virtuelle Welt die einzige Möglichkeit für ein Treffen
Als Ergänzung zu Studienbriefen, Büchern und Internetforen gewännen die Live-Programme aber durchaus an Bedeutung, wie Markus Jung beobachtet hat. Der Branchenfachmann betreibt das Internetportal „Fernstudium-Infos.de“, wo sich Fernlerner aus ganz Deutschland über Angebote und Methoden informieren und austauschen. „Die Studenten sind vor allem dann begeistert über virtuelle Vorlesungen, wenn sie ihnen zusätzliche Präsenzveranstaltungen ersparen“, sagt Jung. „Viele Fernstudiengänge sehen neben den Studienbriefen gelegentliche Treffen vor, für die man weite Fahrten in Kauf nehmen und Wochenenden opfern muss.“ Da könne ein Treffen im Internet eine praktische Alternative sein.
Manchmal sei die virtuelle Welt gar die einzige Möglichkeit, sich während eines Kurses überhaupt einmal gesehen und gehört zu haben, ergänzt Dozentin Iris Wunder. „Es gibt durchaus Kurse, die persönliche Treffen gar nicht mehr vorsehen.“ Man dürfe auch nicht vergessen, dass in virtuellen Hörsälen oft Menschen zusammenkommen, die sonst gar keine Möglichkeit hätten, eine Vorlesung zu hören. „Wer mit gebrochenem Bein im Bett liegt oder ein Baby hüten muss, kann dank der Technik trotz allem teilnehmen.“
Echte sind mir lieber oder nur Online-Vorlesungen
Stefan Vieregg (Kuselianer)
- 06.04.2010, 22:22 Uhr
Alternative: Mikogo
Alexander Müller (alexander345)
- 08.04.2010, 19:48 Uhr