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Doppelte Abiturjahrgänge Kinos zu Hörsälen

 ·  An vielen Hochschulen wird es noch enger werden. Denn die großen westdeutschen Bundesländer entlassen doppelte Abiturjahrgänge. Studienanfänger sollten sich gut informieren.

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An vielen deutschen Hochschulen wird gebaut und renoviert. Es werden Container errichtet und Räume angemietet. Zusätzliche Lehrkräfte werden eingestellt, das Lehrdeputat der Professoren vorübergehend erhöht. Die Hochschulen bereiten sich auf den Ansturm der doppelten Abiturjahrgänge vor. In Niedersachsen und auch in Bayern werden in diesem Jahr so viele Studienanfänger wie noch nie erwartet. Denn gleich zwei Jahrgänge machen Abitur. Die einen verlassen das Gymnasium nach neun Jahren (G9), die anderen nach acht (G8). Mit viel Interesse werden vor allem die Hochschulen in den anderen großen westdeutschen Bundesländern verfolgen, was in Bayern und Niedersachsen geschieht. In Baden-Württemberg werden im nächsten Jahr die doppelten Jahrgänge Abitur machen, in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2013. Hessen entlässt sowohl 2013 als auch 2014 zwei Abiturjahrgänge.

Zwar haben in den vergangenen Jahren schon im Saarland, in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zwei Jahrgänge gleichzeitig die Gymnasien verlassen und keine größeren Erschütterungen verursacht. Die Erfahrungen in diesen Ländern besagen für die großen Flächenländer freilich wenig. In Hamburg und im Saarland sind die Schüler- und Studentenzahlen wesentlich geringer, und in Ostdeutschland ist ohnehin noch genügend Platz an den Hochschulen.

„Zur Not“ auch mal bis 22 Uhr

Trotz der Anstrengungen der Hochschulen wird es vielerorts dennoch räumlich enger werden. So weist die Uni München darauf hin, dass sie schon seit Jahren „sehr stark ausgelastet“ sei. Und das, obwohl man seit 2006 die Zahl der Unterrichtsräume um rund 200 auf 840 erhöht hat. Die TU München hat in Garching zwei „Interimshörsäle“ mit 450 und 350 Plätzen angemietet und ihre Hörsaalbelegung komplett verändert. Und falls man so den erwarteten Anstieg der Erstsemesterzahl von 50 Prozent nicht bewältigen kann? „Wir haben es geprüft - wir können Kinos als Hörsäle anmieten“, sagt Sprecher Ulrich Marsch. Die Uni Bayreuth hat ihre rechts- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät baulich erweitert. Dennoch werde es „mit Sicherheit“ enger werden, heißt es. Im Wintersemester werde man erstmals Räume für die Lehre anmieten.

An der TU Braunschweig werden vor allem Hörsäle saniert. Allein in den Audimax wurden 4,5 Millionen Euro investiert. Die Uni Hannover glaubt, keine zusätzlichen Räume mieten zu müssen. Dafür werde derzeit „intensiv am Stundenplan und an der Raumbelegung gearbeitet“. Es werde wohl vereinzelt Veranstaltungen am sehr frühen Morgen, am Abend und am Samstag geben. Eine bessere Ausnutzung der Räume planen viele Hochschulen. An der TU Braunschweig wird abends „zur Not“ auch mal bis 22 Uhr unterrichtet werden, und die Labore müssen auch an den Samstagen genutzt werden.

Optimismus in Bayern

Dass es in den nächsten Jahren an den Hochschulen im Westen Deutschlands räumlich enger werden wird, ist sicher. Unbekannt ist, ob die Studenten stärker um die Studienplätze kämpfen müssen. Es sind zwar in großem Umfang zusätzliche Plätze geschaffen worden. Dabei ist auch berücksichtigt worden, dass wegen des Aussetzens der Wehrpflicht einige tausend Abiturienten früher an die Hochschulen drängen werden. Die bange Frage lautet aber, ob Politik und Hochschulen richtig eingeschätzt haben, wo und in welchen Fächern die zusätzlichen Plätze benötigt werden. Sollten sie sich verschätzt haben, dann werden sich an einigen Hochschulen und in einigen Fächern die Aufnahmebedingungen (noch) weiter verschärfen, und einige Schulabgänger können nicht das gewünschte Fach oder am gewünschten Ort studieren.

Optimismus verbreitet der Sprecher des bayerischen Universitätsverbandes, Dieter Heinrichsen. Die diesjährigen Studienanfänger müssten nicht befürchten, eine schlechtere Ausbildung als ihre Vorgänger zu erhalten, sagt er. Zurückhaltender äußert sich in Niedersachsen der Chef der Landeshochschulkonferenz und Präsident der TU Braunschweig, Jürgen Hesselbach. „Wir wissen nicht wirklich, was geschieht“, sagt er. Skeptisch ist Manuela Stock, Abiturientenberaterin der Bundesagentur für Arbeit (BA) in München. „Kein Mensch hat derzeit realistische Zahlen“, meint sie. Schwer einzuschätzen sei zum Beispiel, wie viele Schulabgänger den Studienbeginn verschöben. In ihren vielen Gesprächen hat Stock in diesem Jahr von besonders vielen Abiturienten gehört, dass sie nach dem „Wahnsinnsdruck“ zunächst einmal eine Auszeit nehmen wollten. „Vor allem G8-Schüler haben gesagt: Wir waren die Versuchskaninchen, wir mussten alles ausbaden; jetzt gehen wir erst einmal für ein Jahr ins Ausland“, erzählt sie. Ein solches Verhalten brächte zwar in diesem Jahr eine Entlastung; im nächsten Jahr würde es dann aber entsprechend voller werden.

Möglichst breit bewerben

Der Abiturientenberater der BA in Hannover, Stefan de Greef, hat in den vergangenen Monaten bei den Schülern der letzten Gymnasialklassen zwei Verhaltensmuster beobachtet. Die einen hätten verdrängt, was nach dem Abitur komme. Die anderen hätten hingegen der Tatsache ins Auge geblickt, dass es 2011 besonders eng an den Hochschulen werden könnte, und konsequent das Ziel verfolgt, ein gutes Abitur zu machen. Manche hätten sich schon seit der 10. Klasse auf die Zeit nach der Schule vorbereitet. Falls zu wenige Studienplätze zur Verfügung stehen, dann wird dies nach Ansicht von Fachleuten vor allem an den Unis der Fall sein und dann naturgemäß in den zulassungsbeschränkten Studiengängen. Rund die Hälfte der etwa 9000 Studiengänge in Deutschland ist zulassungsbeschränkt. Besonders harte Numerus-clausus-Fächer und überall im Land zulassungsbeschränkt sind Medizin, Psychologie und Pharmazie. Hinzu kommen viele Studiengänge, für die die Hochschulen eigene NCs festlegen. Fast immer gilt dies für Sozialpädagogik und oft für BWL. Beliebt und häufig überlaufen sind zudem Jura, Medienwissenschaften und internationale Studiengänge.

In dieser unsicheren Zeit rät Beraterin Stock den Schulabgängern, sich gut über die vielen verschiedenen Studiengänge, die es inzwischen gebe, und ihre Zulassungsbedingungen zu informieren. Die Unis legten ihre Verfahren zur Eignungsfeststellung selbst fest; entsprechend unterschiedlich gewichteten sie Numerus Clausus, das Auswahlgespräch und Motivationsschreiben. Genauso wie ihr Kollege de Greef aus Hannover empfiehlt sie, sich breit zu bewerben.

Möglichst mobil sein

„Weil die NCs oft ortsspezifisch sind, erhöht Mobilität die Chancen“, erklärt de Greef. Vor allem mit einem weniger guten Abiturdurchschnitt sollte man zudem erwägen, von zu Hause wegzugehen, zum Beispiel in die neuen Bundesländer, wo es genügend Plätze gebe. Und für die Überbrückung von Wartesemestern gebe es sinnvolle Möglichkeiten: das „Freiwillige Soziale Jahr“, das „Freiwillige Ökologische Jahr“, Auslandsaufenthalte und bei längerer Wartezeit eine Berufsausbildung.

Ein Studium im Ausland oder an einer privaten Hochschule komme hingegen wegen der oft hohen Studiengebühren nur für wenige in Frage. Von Niedersachsen aus kann man wohl am ehesten in die Niederlande gehen, wo die Studienbeiträge anders als zum Beispiel in Großbritannien tragbar sind. Für bayerische Schulabgänger kann Österreich eine Option sein.

Freie Studienplätze einschließlich guter Berufsaussichten gibt es indes in naturwissenschaftlichen, mathematischen und technischen Fächern. De Greef warnt aber davor, ein Studienfach nur zu wählen, weil es zulassungsfrei sei. „Das Fach muss passen; sonst führt das in eine biographische Krise, und der Abbruch ist programmiert.“

Wenn es eng wird

Das oberste Gebot lautet, sich an vielen Hochschulen zu bewerben und - vor allem wenn der Abiturschnitt nicht so gut ist - zu erwägen, von zu Hause fortzugehen. Viele freie Plätze gibt es in Ostdeutschland.

Wenn es im Traumfach nicht klappt, sollte man nach ähnlichen Studiengängen Ausschau halten.

Freie Plätze gibt es oft in den mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. Die Hochschulen informieren darüber umfassend. Doch sollte man nur studieren, was einen interessiert.

Man kann auch an einer privaten Hochschule studieren; vor allem im wirtschaftlichen Bereich existiert ein großes Angebot. Allerdings ist auch dort der Andrang groß. Und das Studium kostet oft viel Geld. Freilich kann es sich später auszahlen und durch Kredite finanziert werden. Ähnliches gilt für ein gebührenpflichtiges Studium im Ausland.

Sollte man den gewünschten Studienplatz nicht sofort bekommen, dann kann man Wartesemester sinnvoll überbrücken: zum Beispiel mit freiwilligen sozialen Aktivitäten, Auslandspraktika, Sprachenlernen oder einer Berufsausbildung.

„Das Fach muss passen; sonst führt das in eine biografische Krise und der Abbruch ist programmiert.“ Stefan de Greef, Abiturientenberater

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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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