15.03.2009 · Die Abiturientenzahl wird in den nächsten Jahren kräftig steigen. Noch sind sich Bund und Länder nicht einig, wer Hunderttausende neue Studienplätze finanzieren soll. Jetzt drängt die Zeit.
Von Julia WittenhagenEin Blick in die Zukunft, auf das Antwortschreiben einer bayerischen Hochschule auf eine Studienbewerbung im August 2013: "Wegen absoluter Überfüllung unserer Studiengänge bitten wir Sie, sich in einem ostdeutschen Bundesland oder in einem der nächsten Jahre zu bewerben." Klingt abwegig? Abwarten. In den nächsten fünf Jahren drängen die Kinder der "Babyboomer-Generation", der geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1955 und 1965, geballt an Deutschlands Hochschulen - eine Nagelprobe für das Versprechen, dem akademischen Nachwuchs genügend Bildungsangebote zu machen.
Die sogenannten Doppeljahrgänge verstärken das demographische Hoch zusätzlich: Jedes Bundesland hat demnächst einen Sommer zu verkraften, in dem Abiturienten des traditionellen neunjährigen Gymnasiums und solche aus den neuen, achtjährigen Abiturklassen gleichzeitig mit der Schule fertig werden. So schnellt in Bayern die Zahl der Absolventen 2011 voraussichtlich von 56.500 auf 90.600, in Nordrhein-Westfalen zwei Jahre später von 119.700 auf 176.500 hoch. Diese Spitzen werden sich zwar nicht unmittelbar in Erstsemesterzahlen niederschlagen, weil sich die Einschreibungen erfahrungsgemäß über drei und mehr Jahre nach dem Schulabschluss verteilen.
Bbeachtlicher Studentenberg
Dennoch ist der Studentenberg beachtlich: Verließen 2005 rund 400.000 Studienberechtigte die deutschen Schulen, werden es 2013 laut Kultusministerkonferenz bis zu 492.000 sein. Selbst 2020 wird die Zahl wegen einer "wachsenden Studierneigung" noch nicht wieder auf das Niveau von 2005 gesunken sein. Es hilft also kein Wegducken und Klagen: Studienplätze müssen her. "Sonst wird bald deutlich über die Hälfte der Studiengänge mit Numerus clausus versehen nur den Besten vorbehalten sein", warnt Thimo von Stuckrad vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Begonnen habe die Auslese mangels Kapazitäten schon.
Es gibt allerdings auch einen Gegentrend: In den ostdeutschen Bundesländern leeren sich die Hochschulen rapide, denn hier ist die demographische Entwicklung wegen des "Nachwendeknicks" in der Geburtenstatistik und der Abwanderung in den Westen genau gegenläufig. Deshalb haben die Bundesländer, deren Aufgabe die Hochschulfinanzierung ist, gegensätzliche Interessen. Warum etwa soll Thüringen Studienplätze für Hessen und Bayern vorhalten, wenn die eigene Klientel schrumpft? Um den Konflikt zu lösen, haben Bund und Länder schon 2007 den sogenannten Hochschulpakt 2020 zum "Ausbau und Erhalt der Studienplätze" geschlossen. Er gewährt den ostdeutschen Bundesländern und den Stadtstaaten, die traditionell viele Studenten aus den Flächenländern ausbilden, Pauschalen für den Erhalt ihrer Hochschulkapazitäten und verpflichtet die westlichen Bundesländer, bis 2010 insgesamt 91.000 zusätzliche Studienanfängerplätze zu schaffen. Der Bund übernimmt die Hälfte der geschätzten Kosten von 5500 Euro je Platz und Jahr - aber nur für Plätze, die nachweislich besetzt wurden. Das Risiko liegt also bei den Ländern.
Konstruktionsfehler des Vertrags
Bildungsforscher von Stuckrad weist außerdem auf Konstruktionsfehler des vom Bund mit 565 Millionen Euro ausgestatteten Vertrags hin. "Die Mittel sind zu gering, zeitlich befristet und kopfabhängig", kritisiert er. "Das schafft keine Planungssicherheit für Neueinstellungen oder Neubauten - also echten Kapazitätsausbau." Deshalb trödelten gerade die großen Flächenländer bei der Umsetzung. Außerdem wurde, obwohl der Name des Pakts anderes vermuten lässt und der wahre Ansturm der Erstsemester erst im nächsten Jahrzehnt bevorsteht, zunächst nur bis 2010 geplant. Deshalb wird nun schon über eine Verlängerung verhandelt, den sogenannten Hochschulpakt II. Überlagert werden die Gespräche von den aktuellen Konjunkturhilfen: Bund und Länder haben sich gerade zu zügigen Baumaßnahmen in Kindergärten, Schulen und Hochschulen verpflichtet; 6,5 Milliarden Euro dafür kommen aus Berlin, die Länder legen 25 Prozent obendrauf. Bevorzugtes Ziel soll die "energetische Sanierung" sein. Die Investitionen sind mehr als willkommen - in Köln etwa wurden im vergangenen Frühjahr marode Hörsäle aus Sicherheitsgründen sogar gesperrt, weil Lampen von der Decke zu fallen drohten.
Neue Studienplätze aber werden mit dem Konjunkturpaket nicht geschaffen, weshalb die Kultusminister an ihren Forderungen festhalten. Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart beispielsweise rechnet bis 2020 mit 160 000 Studierwilligen zusätzlich. In Hamm/Lippstadt, Mülheim/Bottrop und Kleve/ Kamp-Lintfort werden deshalb drei neue Fachhochschulen gegründet, acht Fachhochschulen bekommen neue Niederlassungen. "Wir brauchen etwa das Fünffache der 450 Millionen Euro, die die 26.000 zusätzlichen Anfängerplätze aus dem Pakt I bis 2010 kosten", überschlägt Pinkwart. "Dabei setzen wir darauf, dass der Bund auch bei der Fortsetzung des Hochschulpaktes zu seiner Verantwortung steht."
Doch noch scheint eine Einigung fern. Das Bundesbildungsministerium veranschlagt 275.000 zusätzliche Plätze für Studienanfänger. Viel zu wenig, kritisieren einige Bundesländer und manche Experten (lesen Sie auch das Interview Bildungsforscher: „Schon lange absehbarer Ansturm“). Bei der Pauschale von 5500 Euro je Student und Jahr ist es nicht anders. "Sie bleiben hinter dem amtlichen Wert von 7300 Euro zurück", bemängelt Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Sie bringt zudem die Frage nach der Studienqualität in die Diskussion. "Bislang berücksichtigt der Hochschulpakt nicht die nach der Bologna-Reform erforderliche Verbesserung der Betreuungsrelation." Aus Personalkosten, Ausbau und Sanierung leitet sie einen Gesamtbedarf von 3 Milliarden Euro Hochschulinvestitionen im Jahr ab, garantiert bis 2020. "Damit die Hochschulen auch hochqualifiziertes Personal einstellen können."
Die Wirtschaft lechzt nach Absolventen
Selbst wenn Wintermantels Wünsche erfüllt würden und die Hochschulen für ihre Angebote aus dem Vollen schöpfen könnten, eine Garantie für die Deckung der studentischen Nachfrage wäre das nicht. "Wir haben derzeit 3500 Studienanfänger, könnten aber 4800 aufnehmen", berichtet etwa der Präsident der Leibniz Universität Hannover, Professor Erich Barke. Denn in den Naturwissenschaften, bei den Bauingenieuren und den Elektrotechnikern sind jede Menge Plätze frei - das sind aber genau die Fächer, die landauf, landab ausgebaut werden, weil die Wirtschaft nach ihren Absolventen lechzt. Die Länder gingen dabei zu dirigistisch vor, kritisiert Thimo von Stuckrad vom CHE. "Eigentlich müsste man die Entscheidung über den Ausbau den Hochschulen selbst überlassen." In Hannover etwa sind die Fächer Biologie, Germanistik und Sonderpädagogik überfüllt. Was tun? Die Uni werde Räume anmieten und Mitarbeiter anstellen, sich aber weder Neubauten noch zusätzlich Professoren auf Lebenszeit leisten, da der Bedarf ja nur kurzfristig ansteigt, erläutert Erich Barke seine Pläne. "Wir werden ab 2011, wenn in Niedersachsen der Doppeljahrgang ansteht, in den Fächern mit Überlast 1000 bis 1500 zusätzliche Plätze schaffen und gehen davon aus, dass es dafür Sondermittel aus dem Pakt gibt", sagt er ganz pragmatisch. Idealistisch dagegen klingt, was Bianka Hilfrich aus dem Vorstand des Freien Zusammenschlusses von Studentenschaften (FZS) fordert. "Wir hoffen, dass dieses Mal nicht nur im Schnellschuss x Plätze für Jahrgang y geschaffen werden", sagt sie. "Sondern dass Bildungsausgaben wirklich als Investition in die Zukunft verstanden werden."
Fachkräftemangel schwankt
Felix Struening (ABSOLVENTA)
- 16.03.2009, 13:59 Uhr