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Digitalisierung : Misstraut den Tablets!

Geliebtes Gerät - auch (oder vielleicht gerade?) in deutschen Klassenzimmern. Bild: dpa

Das iPad soll die Schulbildung verbessern. Wenn es doch so einfach wäre! Denn ist es wirklich besser, wenn Kinder von Maschinen lernen, und nicht von Menschen? Eine Gegenrede.

          Vor wenigen Wochen war in diesem Ressort zu lesen, dass die Digitalisierung des Schulunterrichts in Deutschland vortrefflich vorangeht. Zwar ein paar Jahre zu spät - in den Niederlanden oder der Türkei sei man schon fortschrittlicher -, aber immerhin. Die Vorteile seien groß: Die Schüler können sich Filme auf dem Schoß ansehen, den Unterricht filmen, einander filmen, Laborexperimente filmen, Tafelbilder abfotografieren, Laborexperimente abfotografieren, aus alldem multimedialen Content (zum Beispiel Filme) schneiden, sie üben en passant den Umgang mit dem Internet und erlangen Multimedia- und Computerkompetenzen. Dies ist die Gegenrede. Denn die Bedeutung der Technik wird überschätzt - was nicht heißen soll, dass Schulen auf Tablets verzichten und sich auf Abacus-Rechner und Schulbücher in Schwarzweiß beschränken sollten.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Wie es klingt, wenn zu große Erwartungen in „Tabletklassen“ gesetzt werden, dafür lieferte in der vergangenen Woche die Initiative „Digitale Bildung neu denken“, die Lehrer im tabletbasierten Unterricht schult, mit folgender Meldung ein Beispiel: „Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt davon ab, wie wir die Potentiale und Talente der Menschen fördern. In diesem Zusammenhang spielen Bildung als Grundlage unserer Wissensgesellschaft und ihre aktive Gestaltung sowie Weiterentwicklung eine zentrale Rolle. Die fortschreitende Digitalisierung wird in den nächsten Jahren unser Verständnis von Bildung nachhaltig verändern.“

          Je früher das Tablet benutzt werde, desto höher die „Qualität der Bildung“. Der Finanzier der Initiative: Samsung Electronics. Ein Nachteil der Tablets ist zum Beispiel, dass sie keine Augen haben. Ein Lehrer oder eine Lehrerin hat hingegen Augen. Man kann mit ihnen Blickkontakt aufnehmen und wird diese Lehrer schließlich mögen, ablehnen oder ihnen gleichgültig gegenüberstehen. Viele Studien aus der Lernpsychologie zeigen, dass nonverbale Kommunikation, die Blicke und Stimmlagen, entscheidend sind für den Lernerfolg. In Deutschland weisen Publizisten wie Gerald Hüther seit Jahren auf den Zusammenhang von menschlicher Beziehung, Lernmotivation und Lernerfolg hin. In den kommenden Tagen erscheint ein weiteres Buch: „Die Lüge der digitalen Bildung“ (Redline). Die Aussage der Autoren Gerald Lembke und Ingo Leipner: Möglichst wenig Computer bis zum 12. Lebensjahr, da diese die Kinder aus der Wirklichkeit herausreißen: „Kinder und Jugendliche entwickeln ein bulimieartiges Lernverhalten“, heißt es darin, Inhalte würden schnell und kontextfrei auswendig gelernt, in der Prüfung „ausgekotzt“ und sofort wieder vergessen. Im tabletbasierten Unterricht mehr, als ohnehin.

          Filmen, chatten, googlen lernen sie sowieso

          Gerade Kinder lernen von Menschen besser als von Computern. Eine Studie der Universität Kalifornien im Journal „Computers in human behavior“ zeigte, dass eine Schülergruppe von Elf- bis Dreizehnjährigen, die im Waldcamp ohne Internet und Bildschirme beschult wurde, besser abschnitt als eine Tabletklasse, wenn es um die korrekte Deutung nonverbaler Signale ging - wie Gesten, Stimmlagen. Und die lernen die Kinder offenbar nicht so gut, wenn man versucht, dies mittels Tablet zu vermitteln. Andere Studien zeigen, dass Kinder mit häufigem Tabletkonsum sich sprachlich schlechter entwickeln.

          Filmen, fotografieren, chatten, twittern, googeln und so weiter lernen die Schüler sowieso. Sie verbringen jeden Tag Stunden damit. Sie können es besser als die Lehrer. Die wissen im Idealfall dafür mehr, sie haben in ihrem Leben klügere Bücher gelesen und können besser denken. Es sollte daher nicht ihre Aufgabe sein, Schüler zu Multimediaredakteuren auszubilden, auch wenn das bequemer ist und dadurch Samsung, Medion und Apple ein paar zehntausend Tablets mehr verkaufen könnten.

          Die Lehrer sollen selbstverständlich einen reflektierten Umgang mit Medien vermitteln. Einen kritischen Umgang mit Internetquellen zum Beispiel. Das geht aber, ohne einmal auf einen Monitor zu schauen. Darauf kommt es überhaupt nicht an. Denn gerade Urteils- und moralisches Distinktionsvermögen lernen Schüler nicht von Maschinen, auch nicht von Bildungstechnokraten, sondern nur von Personen, denen sie vertrauen. Wem sie vertrauen. Und das Vertrauen hängt weniger vom akademischen Abschluss ab, sondern erst mal zum Beispiel von der Stimme, der Mimik, dem Blick des anderen, später von den Erfahrungen miteinander. Sympathie mit der Lehrperson und intrinsische Motivation am Inhalt sind entscheidend für den Lernerfolg. Ein guter Lehrer tritt über den Unterrichtsstoff mit dem Schüler in Beziehung. Tablets sind hierfür total untalentiert.

          Weil sie Bilder und Töne übermitteln können und Interaktivität, sind sie für ältere Schüler eine faszinierende Ergänzung zum Schulbuch, zum Fernseher oder zur Tafel, aber man soll sich keinen Quantensprung in der „Qualität der Bildung“ davon versprechen. Der Autor Tomasz Kurianowicz schrieb kürzlich für die „Neue Zürcher Zeitung“, auf dem Spiel stehe letztlich die Empathie: „Natürlich, es kostet Zeit und Mühe, ein Kind zu beschäftigen, sich mit ihm auszutauschen und reale Konversation zu betreiben. Viel einfacher ist es da, ihm ein iPad in die Hand zu drücken und sich der Verantwortung zu entziehen.“ Den Verlust von Empathie und Urteilsvermögen versuchen die Bildungstechnokraten sogar in eine Kompetenz umzudeuten. Doch wenn sich die Lehrer wie Roboter benehmen, müssen sie sich nicht wundern, wenn sie eines Tages ganz von Robotern ersetzt werden.

          Quelle: F.A.Z.

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