Eine fünfstündige Klausur ist kein Pappenstiel - vor allem, wenn gleich mehrere in der Woche geschrieben werden. Dann reiben sich Studenten die verkrampften Handgelenke, dehnen ihre Finger und fragen sich, warum man Prüfungen noch immer mit dem Stift schreiben muss. Doch die Revolution ist schon auf dem Weg: An immer mehr Fachbereichen werden Klausuren inzwischen getippt.
Die Uni Bremen zum Beispiel experimentiert seit 2004 mit der elektronischen Klausur. Inzwischen sind dort zehn von zwölf Fachbereichen für diese Art der Prüfung angemeldet. Dafür leistet sich die Hochschule einen eigens eingerichteten Prüfungssaal mit Bildschirmen und Rechnern, in dem nun 4000 Prüfungen im Jahr geschrieben werden, wie Jens Bücking berichtet, der das Multimedia-Zentrum der Universität leitet. Wirtschaftswissenschaftler stießen die Idee an, denn in einem Massenstudiengang verringern automatisierte Prüfungen den Personalaufwand - zumal der Bologna-Prozess die Zahl der Prüfungen steigen ließ.
Etwa 300.000 Euro verschlang die Technik in Bremen
Das inzwischen preisgekrönte Bremer Projekt hat Schule gemacht: Auch in Berlin, Münster, Mainz und Duisburg-Essen wagen Universitäten die digitale Prüfung. Davon haben auch die Studenten etwas: Sie bekommen ihre Prüfungsergebnisse viel schneller als vorher, und ihre Arbeiten werden jetzt detaillierter ausgewertet. In Bremen können sie die Prüfungen ihrerseits sogar am Rechner kommentieren. So erhält der Dozent, ob es ihm gefällt oder nicht, eine Rückmeldung und kann seine Aufgaben entsprechend verbessern.
Allerdings müssen die Hochschulen dafür zunächst tief in die Tasche greifen: Etwa 300.000 Euro verschlang die Technik in Bremen, wo die Deutsche Forschungsgesellschaft als Investor einsprang. Etwa genauso viel hat die Uni ihrerseits zusätzlich in den Bau des Zentrums investiert. Hinzu kommen laufende Kosten für drei Vollzeit-Mitarbeiter, die in den Prüfungsperioden den Ablauf überwachen. Die digitale Aufbereitung der Fragen kostet zwar Zeit, die jedoch durch die elektronische Korrektur wieder gespart werden kann. Jens Bückings Fazit: „Es lohnt sich - aber nur, wenn große Prüfungsmengen zu bewältigen sind.“
Mehr Technik - mehr Fehlerquellen
Die Befürchtung, dass sich findige Kandidaten auf technischem Wege bessere Ergebnisse erschleichen könnten, hält Bücking für unbegründet. „Jacken und Taschen kommen auf die Seite, wie bei jeder anderen Prüfung“, berichtet er. Die verwendete Software verhindere, dass Kandidaten sich ihre Antworten zusammengoogeln. Durch eine zufällige Folge der Fragen könne sogar ein wechselseitiges Abgucken wirksam verhindert werden.
Je mehr Technik im Spiel ist, desto größer sind aber auch die Fehlerquellen im Prüfungsablauf: Zu einem Glücksfall der unerwünschten Art geriet etwa die erste elektronische Klausur am rechtsmedizinischen Institut der Charité in Berlin: Ein Computerabsturz führte dazu, dass 150 Kandidaten ihre Scheine ohne Leistung erhielten. „Die Technik ist den Kinderschuhen inzwischen aber entwachsen“, beruhigt Klaus Wannemacher vom Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS) zu diesem Fall aus dem Jahr 2004. Probleme sieht er eher auf juristischer Seite: Prüfungsunterlagen müssten meist über Jahre archiviert werden, und die elektronische Verarbeitung berge datenschutzrechtliche Herausforderungen. Prozessfreudige Studenten könnten sich nach Wannemachers Einschätzung einen Wiederholungsversuch erstreiten, falls das Prüfverfahren nicht einwandfrei ist.
Als schwerwiegende Hürde erweist sich jedoch, was der Bremer Strafrechtsprofessor Felix Herzog „konservatives Beharrungsvermögen“ nennt. Er prüft zwar schon in den ersten Semestern das Wissen seiner Studenten elektronisch ab, im Staatsexamen jedoch beugen sich die Kandidaten noch immer über Papier. Nicht nur in den Prüfungsämtern, auch unter Studenten gebe es Bedenkenträger, sagt Herzog. „Jede Veränderung führt zu Widerständen.“ Manch ein Student beschwere sich gar über mangelnde Fairness, weil er langsamer tippe als andere. „Ich habe aber überhaupt keine Bedenken, auch das Examen am Rechner schreiben zu lassen“, sagt Herzog. Ähnlich sieht es Gerhard Struck, sein Fachkollege aus Hamburg. Die handgeschriebene Klausur nannte er kürzlich in einem offenen Brief gar „anachronistisch“ - der Füllfederhalter in der Klausur entspreche ganz und gar nicht der späteren Berufspraxis eines Rechtsanwalts.
Wie so oft...
(Ribozym)
- 05.12.2009, 14:36 Uhr
Na endlich!
Farid Schwuchow (souprise)
- 05.12.2009, 23:51 Uhr
