03.02.2008 · Von unternehmerischer Kultur wird an den deutschen Hochschulen gesprochen wie von einem Allheilmittel. Wie verändert sich der Alltag von Studenten und Professoren, wenn sie um sich greift? Ein Beispiel aus München.
Von Sebastian BalzterAuf diese Idee hatten sie gewartet, die Chefs des Münchner Flughafens genauso wie die Unternehmerförderer der Technischen Universität, die ihre Büros nur eine Viertelstunde entfernt vom Flughafen auf dem Garchinger Campus haben. Mit dem Konzept, das Camilla Malcher und ihre drei Kommilitonen in deren Businessplan-Seminar erarbeitet hatten, rannten sie überall offene Türen ein. Jetzt sind die 3,5 Quadratmeter großen Schlafkabinen, unter dem Markennamen "Easy Sleep" entwickelt für gestresste Manager und erschöpfte Transferpassagiere, fast marktreif. Mitte dieses Jahres sollen die ersten in der Sicherheitszone von Franz Josef Strauß International aufgebaut werden.
Von der 31 Jahre alten früheren Architektur-Studentin - im "Easy Sleep"- Team ist sie die Älteste - können Deutschlands Hochschulen lernen. Sie und ihre Mitstreiter verkörpern den unternehmerischen Geist, dem sie sich in den vergangenen Jahren reihenweise verschrieben haben. Taufrisch ist der Gedanke nicht. Als sein Vater gilt der inzwischen emeritierte amerikanische Hochschulforscher Burton Clark. 1998 hat er beschrieben, was seiner Meinung nach eine unternehmerische Universität ausmacht: ein starkes Management, Geldquellen jenseits der öffentlichen Haushalte, in Forschung und Lehre bewegliche Fakultäten, ein Umfeld wissenschaftsnaher Einrichtungen sowie auf allen Ebenen ein unternehmerisches Selbstverständnis.
10 Millionen Euro im Budget, schnelle Entscheidungen
Was das bedeutet, ließe sich in Hessen besichtigen, wo die Technische Universität Darmstadt und die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt seit kurzem die Autonomie proben. Oder in Nordrhein-Westfalen, wo die Regierung ihren Hochschulen per Gesetz Selbständigkeit verordnet hat. Oder in Bremen, wo die Jacobs University als Stiftungshochschule neue Wege geht. Flaggschiff der Entwicklung aber ist die TU München. Ihr Zukunftskonzept mit dem Titel "The Entrepreneurial University" hat ihr in der Exzellenzinitiative das Elitesiegel gebracht.
Im Ausguck dieses Flaggschiffes sitzt Günter Schmidt-Gess. Er ist 35 Jahre alt, hat in Princeton über ein zeitphilosophisches Thema promoviert und führt nun in München die Geschäfte des neuen "Institute for Advanced Study". Das Institut soll ein interdisziplinäres Wissenschaftlerparadies werden, in dem bis zu 40 Fellows ein Jahr lang denken, diskutieren und experimentieren, frei von Bürokratie und Lehrverpflichtungen. "Wir sind eine Art Angel Investor für neue Ideen der Forschung", beschreibt Schmidt-Gess das Vorhaben. Knapp 10 Millionen Euro im Jahr kann die Institutsspitze dafür ausgeben - und mitunter sehr schnell über dieses Geld verfügen. "Wenn etwa die Humboldt-Stiftung ihre Stipendien um 10.000 Euro aufstockt, ziehen wir nach", berichtet Schmidt-Gess. "An einer Universität alten Stils wäre so eine Entscheidung vielleicht nie getroffen worden. Wir brauchten dafür nur einen Vormittag."
Limnologie als Hoffnungsträger
So hoffen die Münchner, im internationalen Wettbewerb um die innovativsten Köpfe auf den spannendsten Feldern der Forschung bestehen zu können. Die ersten Profiteure sind Astronomen, Medizintechniker, Teilchenphysiker und Neuronenforscher. In anderen Fächern löst das nicht nur Begeisterung aus. "Nichts ist so heilig wie alte Pfründe", sagt Schmidt-Gess dazu. Er selbst aber glaubt daran, dass nur Hochschulen mit dem Mut zur Profilbildung in Zukunft oben mitspielen werden in den geschriebenen und ungeschriebenen Rankings der akademischen Welt. Die TU hat das zum Prinzip gemacht. 10 Prozent aller frei werdenden Professuren werden nicht einfach neu besetzt, sondern von den schwächeren zu den stärkeren Fächern verlegt.
Stark können so auch Fächer werden, denen man das auf den ersten Blick nicht zutraut. Die Limnologie zum Beispiel. Professor Arnulf Melzer hat seine gewässerkundliche Station draußen im oberbayerischen Iffeldorf in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut - und dabei voll auf Eigeninitiative gesetzt. Studenten und ein Professor, die auf der Baustelle selbst Hand anlegen, das gefällt der Wirtschaft. Das gesamte Material für den jüngsten Ausbau der Station, berichtet Melzer, haben Unternehmen kostenlos gestellt. Melzers Talent für solche Coups ist offensichtlich. Chef-Fundraiser der TU ist er schon seit 1999 - damals wusste man noch längst nicht an allen deutschen Universitäten, wie man Fundraising schreibt. 135 Millionen Euro haben Melzer und seine Mitarbeiter seitdem eingeworben, je ein Viertel von Stiftungen und Privatspendern, den Rest von der Industrie.
24.000 Adressen in der Datenbank
Auf der Rangliste der eingeworbenen Drittmittel, zu denen auch diese Spenden zählen, liegen die Münchner auf Platz drei in Deutschland. Gut ein Viertel des Etats von 440 Millionen Euro kommt nicht aus dem Staatshaushalt. Das Geheimnis dieses Erfolgs? "Das Feuer für die Wissenschaft, das man in sich trägt und sehen lässt", sagt Melzer. "Jeder muss Phantasie entwickeln und ran an die Unternehmen!"
Ethische Skrupel überlässt der Süßwasser-Experte in diesem Punkt anderen. Schließlich sollen die Spenden Forschung und Lehre und damit nicht zuletzt den Studenten zugute kommen. Dass ein Career-Service sie beim Übergang ins Berufsleben unterstützt, versteht sich fast von selbst. Das wichtigste Sprungbrett aber stellen sich die Münchner Studenten selbst auf: 180 Unternehmen und 10.000 Talente werden sich im Sommer auf der Industrie- und Kontaktmesse IKOM präsentieren. Organisiert wird sie von 95 TU-Studenten. Steffen Schmitz, der zum Leitungsteam gehört, schwärmt von der guten Zusammenarbeit mit der UniLeitung: "Wir bekommen volle Rückendeckung. Die zuständige Vizepräsidentin kann ich jederzeit anrufen." Wenn die Absolventen dann ihren Job gefunden haben, will die TU sie nicht aus den Augen verlieren, auch das gehört zum guten Ton an den Universitäten - in Amerika schon lange, in Deutschland seit einigen Jahren. 24.000 Adressen hat Julia Meyer vom Studenten-Service-Zentrum in ihrer Alumni-Datenbank gespeichert. "Das ist die große TUM-Familie", sagt sie dazu.
Stoiber und Klatten im Hochschulrat
Besserer Service für die Studenten, engere Vernetzung mit der Wirtschaft, größere Entscheidungsfreiheit bei der Vergabe von Mitteln, herausragende Wissenschaft - so stellt sich TU-Präsident Wolfgang Herrmann seine unternehmerische Universität vor. Dazu gehört auch, dass er selbst an ihrer Spitze mehr Befugnisse hat als ein traditioneller Rektor. Er hat auch andere Aufgaben: Wenigstens 30 Prozent seiner Aufmerksamkeit müsse ein Uni-Präsident dem Spendensammeln widmen, sagt Arnulf Melzer, sonst solle man es lieber ganz bleiben lassen. Wichtigstes Kontrollorgan der Hochschulleitung ist nicht mehr der universitätsinterne Senat, sondern der zur Hälfte extern besetzte Hochschulrat. Ihm gehören zum Beispiel Edmund Stoiber und die BMW-Erbin Susanne Klatten an.
Die neuen Strukturen und Nomenklaturen erinnern an die Organisationsform von Kapitalgesellschaften, nicht nur in München. Andere Hochschulen wie die Leuphana-Universität in Lüneburg versuchen, sich mit umfassenden Marketing-Konzepten völlig neu zu entwerfen. Und die wachsende Zahl der privaten Hochschulen zeigt, dass sich auch in Deutschland mit akademischer Bildung Gewinne erzielen lassen. Wie weit das gehen darf, darüber diskutieren Bildungsforscher und -politiker.
„Arbeitstage wie ein Produktmanager“
Anian Kammerloher sorgt sich derweil darüber, welche Position in der neuen Hochschulwelt für die Studenten vorgesehen ist. "Lehre und Forschung sind keine Waren, Studenten sind keine Kunden", formuliert der 25 Jahre alte Medizinstudent und Vorsitzende des TU-Fachschaftenrates seinen Grundsatz. Die Situation in München sei zurzeit zwar gut, weil der Präsident ein offenes Ohr für die Studenten habe. Gerade erst sind wieder 500.000 Euro bewilligt worden, die der Fachschaftenrat in eigene Projekte zur Verbesserung der Lehre stecken darf. "Aber mit anderen Personen an der Spitze könnte sich das alles sehr schnell ändern." Strukturell seien die Studenten nun schlechter vertreten als vorher. Außerdem ließen die neuen Bachelor-Studiengänge für hochschulpolitisches Engagement kaum noch Zeit.
"Ich habe Arbeitstage wie ein Produktmanager", beschreibt Camilla Malcher ihren neuen Alltag. Nebenbei belegt sie einen MBA-Studiengang. Die Noten leiden unter ihrem Unternehmertum, räumt sie ein. Dafür winken andere Erfolge. Die drei TU-Studenten, die im WM-Sommer 2006 einen schwarzrotgoldenen Cocktail auf den Markt brachten, haben damit schon mehr als eine Million Euro umgesetzt.
Das Alphabet der TU München:
- Die Technische Universität München mit ihren mehr als 21.000 Studenten und 4500 Wissenschaftlern hat sich nicht nur ein unternehmerisches Leitbild gegeben, sondern auch eine „Wortmarke“: Sie heißt, kurz und knapp, TUM - im Internet zu finden unter: www.tum.de. Ein Bündel von Projekten nimmt sie im Namen auf:
- InnovaTUM ist das Konzept, nachdem frei werdende Professorenstellen in Zukunftsfächer wandern.
KontakTUM ist der Name des Alumni-Netzwerks der Hochschule.
- StudiTUM heißt das Programm, das dem Fachschaftenrat nun zum zweiten Mal 500.000 Euro zur Verbesserung der Studienbedingungen durch eigene Projekte zur Verfügung stellt.
- UnternehmerTUM heißt die gemeinnützige GmbH zur Förderung von unternehmerischen Talenten und unternehmerischen Ideen.
Nicht vergessen: Mit der Kommerzialisierung der Unis ...
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 03.02.2008, 12:56 Uhr