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Die Lehre lernen Nachhilfe für Professoren

19.05.2008 ·  Die Lehre ist für viele Wissenschaftler lästige Pflicht. Andere würden sich gerne verbessern. Helfen lassen sich aber nur wenige - weil das nicht zum guten Ton gehört und die Angebote nicht bekannt sind.

Von Sebastian Balzter
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Der Freitagnachmittag ist kein dankbarer Termin, erst recht nicht im großen Hörsaal VI der Frankfurter Universität. Die 17 Reihen mit Klappstühlen sind dicht besetzt, die "Einführung in die Volkswirtschaftslehre" ist eine Pflichtveranstaltung für Erst- und Zweitsemester, die hier das Abc ihres Fachs lernen sollen. Vorne am Pult gibt sich Georg Stadtmann alle Mühe, ihnen den Unterschied zwischen Güter- und Faktormärkten deutlich zu machen und die Rolle des Sachverständigenrats einzugrenzen. Dass ihm nach einer guten Stunde der Kragen platzt, liegt nicht an mangelndem Engagement oder gutem Willen.

Eingangs lässt sich der junge Privatdozent viel Zeit für eine Wiederholung, er setzt klar gegliederte Folien ein, sucht den Dialog mit den Studenten. Aber die in der letzten Reihe sind so weit weg, dass Stadtmann sie kaum erkennen kann. Einer dort hinten organisiert mit dem Mobiltelefon sein Wochenende. Ein anderer nutzt die Rückkehr von der Toilette zum provokanten Schaulaufen vor dem gesamten Plenum. Da wirft Stadtmann ihn aus der Vorlesung. Nachher grübelt der Nachwuchswissenschaftler darüber, ob das die richtige Entscheidung war. Glücklich wirkt er nicht dabei. "Ich bin motiviert, den Stoff allen zu vermitteln", sagt er. "Aber mit 500 Hörern funktioniert das einfach nicht. Man müsste die Vorlesung fünfteln, um ordentliche, intensive Lehre möglich zu machen."

Grübeleien in der akademischen Republik

Ähnliche Grübeleien beschäftigen seit ein paar Monaten die akademische Republik. Aber nicht Studenten ohne Benimm haben die Debatte um die Hochschullehre ausgelöst, sondern nackte Zahlen: Die Studienabbruchquote beispielsweise, die im Durchschnitt bei etwa 20 Prozent, in den neuen Bachelor-Studiengängen der Fachhochschulen nach einer Studie des Unternehmens Hochschul-Informations-System sogar bei knapp 40 Prozent liegt. Nicht einmal 50 Prozent aller Professoren wiederum machen in Seminaren und Vorlesungen häufig einen gut vorbereiteten Eindruck, hat eine Umfrage der Konstanzer AG Hochschulforschung ergeben. Und durch die Exzellenzinitiative fließen 1,9 Milliarden Euro in die Stärkung der Spitzenforschung - die Lehre geht dabei leer aus.

Die Mehrheitsverhältnisse an den Hochschulen legen eine andere Verteilung nahe. Für die zwei Millionen Studenten zählt zumindest in den ersten Semestern vor allem die Lehre; die Karriere der 160.000 hauptberuflichen Wissenschaftler aber hängt vor allem von der Forschung ab. "Viele Dozenten konzentrieren sich nicht darauf, dass die Studenten im Mittelpunkt stehen sollten", kritisiert Imke Buß vom Vorstand des freien Zusammenschlusses von Studentenschaften. Doch das System, in dem Lehre "Verpflichtung" und "Belastung" genannt wird, setzt wenig Anreize für Didaktiker: Auf dem universitären Arbeitsmarkt sind Publikationen in renommierten Zeitschriften die gängige Währung, nicht gute Evaluierungen und einfallsreiche Lehrkonzepte. Nur wenigen gelingt der Spagat, beides zu leisten. "Je forscher die Forschung, desto leerer die Lehre", dieser Kalauer hat seinen Sitz im Leben.

Im Wochentakt Vorschläge

Im Wochentakt melden sich jetzt die hochschulpolitischen Experten mit Vorschlägen zu Wort, wie sich daran etwas ändern lassen könnte. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) etwa nimmt die Studenten in die Pflicht, "sich nicht als Konsumenten, sondern als Akteure" zu verstehen und Verantwortung für die Qualität der Lehrveranstaltungen zu übernehmen, außerdem fordert sie, um das Betreuungsverhältnis zu verbessern, von der Politik einen mit jährlich 2,6 Milliarden Euro bestückten "Pakt für die Lehre". Wie weit Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, belegt die vergleichsweise bescheidene Summe von 10 Millionen Euro, auf die sich - nach zäher anderthalbjähriger Diskussion - der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Kultusminister der Länder zur Ausstattung eines gemeinsamen Wettbewerbs für die Lehre geeinigt haben. Erst vor zehn Tagen hat Arend Oetker, der Präsident des Stifterverbands, vorgeschlagen, mit den Erlösen aus dem Börsengang der Bahn eine "Stiftung Lehre" zu bestücken. Auch das Bundesbildungsministerium mischt in der Debatte mit und stellt 12 Millionen Euro extra zur Verfügung; das Geld fließt aber gar nicht in die Lehre - sondern in die Forschung über die Lehre. Noch nicht abgeschlossen hat sein Grübeln über das Thema schließlich der Wissenschaftsrat, der sich zwar schon für die Einführung sogenannter Lehrprofessuren ausgesprochen, die Bekanntgabe weiterer Empfehlungen aber wiederholt vertagt hat.

"Ich hatte einen Mathematikprofessor, der eine ganze Vorlesung lang nur Beispiele aus seinem Buch durchgerechnet hat", berichtet Imke Buß aus ihrem eigenen Studium an der Universität Göttingen. Beispiele von sturem Ablesen und Desinteresse an Fragen aus dem Publikum hat auch Benjamin Gildemeister parat, der Asta-Vorsitzende an der Universität Hamburg. Eine Chance sieht er nun aber im anstehenden Generationswechsel an den Fakultäten. "Ich bin guter Dinge", sagt er. "Der Wille zur Veränderung ist da."

Wie belebend die Lehre sein kann

Schon jetzt lässt sich besichtigen, wie belebend Hochschullehre für Studenten und Dozenten sein kann. In Halle zum Beispiel, mittwochmorgens um 8.30 Uhr. Eigentlich auch ein undankbarer Termin, aber dann beginnt in Hörsaal 22 die Familienrecht-Vorlesung von Rolf Sethe, den Stifterverband und HRK gerade mit dem "Ars legendi"-Preis für "erstklassige Lehre" ausgezeichnet haben. Sethes Tricks? Er traut sich das Gespräch zu, auch in einem vollbesetzten Hörsaal; er bleibt dazu nicht an der Tafel, sondern geht durch die Reihen; er lässt nicht nur die Eifrigen zu Wort kommen, sondern fordert gezielt zur Beteiligung auf - immer mit der Chance zur Weitergabe des Mikrofons; er stellt sein Skript vollständig ins Internet, um es dann nicht mehr herunterzubeten, sondern mit den Studenten darüber zu reden; er wechselt alle 30 Minuten die Methode, weil auch das beste Lehrgespräch, der beste Praxisfall, die beste Gruppenarbeit ermüden; er plant komplett forschungsfreie Wochen für die Vorbereitung seiner Vorlesungen ein; und er hat sich von dem Ziel verabschiedet, in ihnen möglichst viel Wissen abzugeben. "Stattdessen geht es mir um adressatengemäße Hilfe zum Selbstlernen", erläutert Rolf Sethe selbst das Prinzip.

Ein Naturtalent ist der 48 Jahre alte Juraprofessor nach eigener Aussage jedoch nicht, das macht sein Beispiel noch interessanter. Zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere, vor 16 Jahren, nahm er an einem Anfängerkurs in Hochschuldidaktik teil, der ihm die Augen öffnete. "Danach habe ich meinen Unterricht total umgestellt", sagt Sethe. Anschließend gehörte er einem Arbeitskreis an, dessen Mitglieder untereinander hospitierten - ein unerhörter Vorgang an deutschen Hochschulen, wo Professoren die Lehre von Kollegen sonst höchstens in deren Antrittsvorlesung wahrnehmen. "Supervision ist leider überhaupt nicht verbreitet", stellt Sethe fest. "Dabei lernt man dadurch enorm viel. Aber sie verlangt natürlich gegenseitiges Vertrauen."

Didaktikseminare? Coaching?

Didaktikseminare am Anfang der wissenschaftlichen Karriere und individuelles Coaching in ihrem weiteren Verlauf, diese Hilfsmittel wären nach Sethes Einschätzung für viele Kollegen sinnvoll. "20 Prozent sind einfach gut", schätzt er. "Bei 20 Prozent sind Hopfen und Malz verloren. Aber 60 Prozent könnten lernen, wie man lehrt." Am nächsten dürften dieser Quote zurzeit die baden-württembergischen Hochschulen kommen. Deren Didaktikzentrum hat seit 2003 rund 6500 Wissenschaftler geschult und 350 das "Baden-Württemberg-Zertifikat" verliehen, ein Markenzeichen für Lehrqualifikation. Im Kern vermitteln die rund 60 vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland aber überall dasselbe, ob im Südwesten oder im Nordosten: Es geht um die Stärkung der professoralen Fähigkeiten zur Interaktion und um die Steigerung der studentischen Motivation. Doch die Kurse sind vielerorts weder populär noch bekannt. "Von solchen Programmen speziell für Nachwuchswissenschaftler habe ich noch nie gehört", sagt etwa Georg Stadtmann, der sich vor zwei Jahren habilitiert hat.

Ein Rektor, der Wert darauf legte, könnte seine Hochschullehrer zu solchen Fortbildungen sogar verpflichten, findet Rolf Sethe. Er selbst wird dafür nicht mehr streiten, er wechselt ins Ausland, nach Zürich. "Weniger Verwaltung, mehr Zeit für Forschung und Lehre" , so fasst er die Gründe dafür zusammen. Außerdem stehen bald nur noch sechs statt acht Stunden in der Woche auf seinem Stundenplan. Wenn weniger Lehre der Weg zu besserer Lehre ist, hat Georg Stadtmann jedoch noch bessere Karten: Im dänischen Odense, wo er im Sommer seine erste feste Stelle antritt, sind sogar nur drei Stunden in der Woche vorgeschrieben.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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