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Gastbeitrag : Der Akademisierungswahn und seine Folgen

  • -Aktualisiert am

Vollbesetzung an der Gutenberg-Universität in Mainz Bild: dpa

Immer mehr junge Menschen scheitern in ihrem Studium - oder sie quälen sich durch die falschen Fächer. Gleichzeitig herrscht anderswo Mangel, und die Ausbildung wird geringgeschätzt. Das ist unverantwortlich.

          Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau organisierte jüngst einen „Beratungstag für Studienzweifler“. Ziel dieser Aktion ist es, Studierende von den Vorteilen einer dualen Ausbildung zu überzeugen und ihnen Angebote jenseits der akademischen Ausbildung an Universitäten und Hochschulen zu machen. Mit dem Aktionstag reagiert die Kammer auf einen Skandal, der schleichend und mit besten Absichten dahergekommen ist, der aber sowohl die Gesellschaft als auch eine Reihe von jungen Menschen teuer zu stehen kommt. Denn im Zuge der Diskreditierung von praktischer Ausbildung und eines Akademisierungswahns studieren immer mehr junge Menschen, die entweder an Universität oder Hochschule scheitern oder, wenn sie sich bis zum Abschluss durchquälen, am Ende garantiert nicht ihrer Qualifikation gemäß eingesetzt werden können und insofern besser etwas anderes gemacht hätten.

          Laut einer IHK-Umfrage konnte im Kammerbezirk Halle-Dessau im vergangenen Jahr die Hälfte der befragten Ausbildungsbetriebe nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Gründe dafür waren keine oder keine geeigneten Bewerber. Die deutsche duale Berufsausbildung mit ihrer einzigartigen Kombination aus schulischer und betrieblicher Ausbildung wird zwar weltweit bewundert und ist ein entscheidender Standortvorteil Deutschlands im internationalen Wettbewerb sowie ein Erklärungsfaktor für eine hierzulande unterdurchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit. Wertgeschätzt im eigenen Lande wird sie aber offenkundig nicht.

          Scheindebatte der OECD als Auslöser

          Angesichts des demographischen Wandels konkurrieren Unternehmen zunehmend um geeignete Bewerberinnen und Bewerber. Die Politik setzt aber an diesem offenkundigen Bedarf an (nicht-akademischen) Fachkräften vorbei vollkommen falsche Anreize. Dies fing damit an, dass die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine Scheindebatte über die sogenannte Akademisierungsrate - also den Anteil von Hochschul-Absolventen an der jüngeren Gesamtbevölkerung - losgetreten hat. Die OECD unterstellte, dass Deutschland im internationalen Vergleich deutlich zurückliegt und sprach von einer „Akademisierungslücke“. Etwa ein Viertel der 25- bis 34-Jährigen erreicht in Deutschland einen akademischen Abschluss, im OECD-Schnitt sind es etwa 40 Prozent. Dass aber die duale Ausbildung in Deutschland Berufe abdeckt, die in anderen Ländern formal einen akademischen Abschluss als Voraussetzung erfordern und zu teilweise besseren Jobchancen und höherer Berufszufriedenheit führen kann, wird dabei vollkommen unterschlagen. Im Ergebnis ist ein gesellschaftspolitisches Klima entstanden, in dessen Folge zu viele junge Menschen an die Universitäten und Hochschulen gehen - und zudem das Falsche studieren. Die jahrelange Fixierung auf Akademisierungsquoten als Gradmesser der Bildungsqualität war mithin ein klassischer Fehlanreiz. Der ehemalige SPD-Staatsminister und Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin prägte dafür den Begriff „Akademisierungswahn“.

          Um es für das Land Sachsen-Anhalt zu illustrieren: An den diversen Hochschulen des Landes sind - mit steigender Tendenz - fast 55 000 Studierende eingeschrieben. Im Jahr 2000 waren es noch rund 38 000. Seit Jahren werden die Hochschulen von der Politik unter Druck gesetzt, die Studienplatzangebote auszuweiten, und diese werden unter anderem mit Mitteln aus dem Hochschulpakt (bei dem auch Bundesmittel fließen) zu diesem Zweck finanziell geködert. Den Klagen der Kammern und Unternehmen wird weitestgehend mit Gleichgültigkeit oder wohlfeilen Absichtserklärungen begegnet.

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