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Deutsche Sprache : Lesen Sie mal Ihre Abituraufsätze!

  • -Aktualisiert am

Vorsicht, Sprachwächter, selbsternannter Bild: fotolia.com

Niedergang der Sprache? Tatsächlich fallen Germanisten beim Grammatiktest durch, müssen noch Referendare den Konjunktiv büffeln. Dennoch: Junge Erwachsene sind heute sprachkompetenter als vor 40 Jahren.

          Im April kam es an den Tag: „Germanistikstudenten mit Grammatiklücken“ titelte auch die F.A.Z. In Bayern wurden Studienanfänger im Fach Deutsch getestet. Das Ergebnis: Mehr als zwei Drittel erreichten nicht den Kenntnisstand von Fünft- und Sechstklässlern. 77,5 Prozent der Getesteten in Erlangen zum Beispiel erkannten „käme“ nicht als Form des Konjunktivs Imperfekt, 86,6 Prozent fiel bei „dort“ nicht ein, dass es ein Adverb ist (lesen Sie über die Lage an Bayerns Universitäten: Germanistikstudenten mit Grammatiklücken). Und das in Bayern. Eine bittere Wahrheit.

          In den Leserkommentaren auf FAZ.NET zeigte sich das, was der Darmstädter Linguistikprofessor und Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Wiesbaden, Rudolf Hoberg, einen „Topos seit dem Altertum“ nennt. Sprachwächter des Deutschen, in der Regel vermutlich jenseits der 50 und Angehörige der Mittelschicht, beklagten einen „fundamentalen Bildungsniedergang der jungen Generation“, machten den „Aderlass des Sprachunterrichts seit den Siebzigern“, die Vernachlässigung des Lateinischen in den Lehrplänen oder gar mangelnde Grammatikkenntnisse als „Zeichen innerer Nachlässigkeit“ verantwortlich für die miesen Testergebnisse der Deutschstudenten.

          TV-kopiertes Kurzdeutsch?

          Früher war also alles besser. Die jungen Leute waren sprachkompetenter, Schrift- und Umgangssprache säuberlicher getrennt, man benutzte weniger Fremdwörter, kannte sich in klassischer, Kultur tragender deutscher Literatur besser aus, konnte sich gewählt und präzise schriftlich wie mündlich äußern, nicht nur mit diesem TV-kopierten Kurzdeutsch, bei dessen Wahrnehmung sich dem Sprachliebhaber die Nackenhaare aufstellen. Klingt richtig. Stimmt aber nicht.

          Hier gilt: Kein Grund zur Besorgnis
          Hier gilt: Kein Grund zur Besorgnis : Bild: fotolia.com

          Denn noch nie waren die Sprachfähigkeiten der angehenden Akademiker so gut wie heute. Der Wortschatz ist größer und differenzierter geworden, die Sätze sind länger, die jungen Menschen können mit abstrakten Inhalten gut umgehen. Nicht einfache Wörter und Kurzformen, wie oft unterstellt, werden vermehrt benutzt, sondern komplexe, längere Worte und Wortbildungen. Die Abiturienten unterscheiden sehr genau zwischen Schriftsprache und gesprochener. Fremdwörter werden viel, aber die so heftig beklagten Anglizismen nur in verschwindend geringem Maße verwandt.

          „Das Niveau hat sich erhöht“

          Das alles kann man beweisen. Getan haben es die Linguisten der Universität Darmstadt im Rahmen mehrerer Untersuchungen. Hannelore Grimm verglich in ihrer Doktorarbeit („Veränderungen der Sprachfähigkeiten Jugendlicher“, erschienen 2003 bei Peter Lang in Frankfurt) Abituraufsätze von den vierziger bis in die neunziger Jahre. Ein langfristiges Projekt in Darmstadt untersucht den Wandel von Sprachnormen Deutschsprechender nach dem Krieg. Zurzeit leitet Rudolf Hoberg Untersuchungen von Diplomarbeiten aus den Sechzigern im Vergleich mit solchen aus den Neunzigern. „Das Niveau hat sich erhöht“, fasst der Professor zusammen. Die Erkenntnisse - auch die der von Grimm untersuchten Abiturarbeiten - ließen sich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auf Studienanfänger der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts übertragen.

          So seien die jungen Studenten und Abiturienten schreibfreudiger. Das lässt sich aus den Ergebnissen der Grimm-Arbeit ablesen, die Aufsätze sind deutlich länger bei gleichen Prüfungsbedingungen. Der Satzumfang hat tendenziell zugenommen. Laut Grimm ist er mit dem von renommierten journalistischen Texten oder modernen Autoren vergleichbar. „Nicht erkennbar sind Merkmale einer Umgangssprache, die sich vorwiegend in kurzen Sätzen äußert“, schreibt die Linguistin.

          Substantiv auf dem Vormarsch

          Und auch der Wortschatz ist nicht kleiner als „früher“. Abiturienten verwendeten heute bedeutend mehr Wörter, belegt die Linguistin und schließt auf eine größere Differenzierung, weil mehr Formulierungsalternativen zur Verfügung stünden. Das Substantiv sei auf dem Vormarsch, auch bei den Abituraufsätzen. Seinen Anteil in den Texten der Neunziger-Jahrgänge vergleicht sie mit dem von F.A.Z-Leitartikeln. Der Anteil der Anglizismen (Sprachfestival: Unser geliebtes Deutsch) in Abituraufsätzen sei dagegen klein.

          Kein Grund also zur Besorgnis. Es sind wohl eher die Manager, die von „Business-Opportunitäten“ und „Future-Denken“ sprechen und schreiben (Managersprache: Wild wucherndes Wirtschaftskauderwelsch). Abiturienten seien konservativ bei der Wahl ihrer Ausdrucksweise, folgert Grimm: keine jugendsprachliche Lexik im Abituraufsatz.

          Es ist also sogar besser geworden, nicht etwa schlechter. Warum, erklärt Professor Rudolf Hoberg (Abiturjahrgang 1956): Es liegt an den allgegenwärtigen Medien. Permanent werde sprachlich kommuniziert, von der Zeitung über den Computer bis zum Handy. „Es wurde noch nie so viel gelesen“, sagt er, man müsse sich nur mal den Buchmarkt anschauen. Die Pauschalvorwürfe gegen „das Fernsehen“ als Lesekiller lässt der Linguist nicht gelten. „Es ist ja nicht wahr, dass früher ohne Fernsehen überall ständig gelesen wurde.“ Rainer Wimmer, Deutschprofessor an der Universität Trier (Abiturjahrgang 1962), setzt noch eins drauf: „So viele sprachkompetente junge Leute hat es noch nie gegeben.“ Die Pisa-Ergebnisse beeindrucken die Fachmänner wenig. „Pisa untersucht nur den Zustand heute und macht keine historischen Vergleiche“, argumentiert Hoberg, „früher war er vermutlich genauso schlecht.“

          Besser heißt nicht gut

          Dass es besser ist, heißt nämlich nicht, dass es gut ist. Rainer Wimmer vermisst unter den Studienanfängern einen reflektierten Umgang mit der Sprache, so ließen sich auch die schlechten bayerischen Testergebnisse erklären. Das heißt, vielfach könnten sich die Studenten zwar gut ausdrücken, mündliche Präsentationen werden schließlich schon in der Oberstufe eingeübt, aber sie wüssten nichts über die Sprache, die sie sprechen. Ein Teil seiner Germanistikstudenten, weiß Hoberg aus Erfahrung, studiere das Fach aus Verlegenheit, nicht aus leidenschaftlichem Interesse an Sprache und Literatur. Erst während der Zeit an der Universität und durch den beständigen Umgang mit der Sprache begännen die jungen Leute, sich für die Materie zu interessieren. Unauffällige Studenten produzierten dann am Ende gute, sprachlich starke Magisterarbeiten.

          Auch Thomas-Michael Seibert, er ist Vorsitzender Richter am Landgericht Frankfurt und Professor an der Goethe-Universität für Methodik und Rechtstheorie, muss mit seinen Studenten und Referendaren immer und immer wieder üben, Schriftsätze in den Konjunktiv zu setzen, und ihnen erklären, warum es eine sprachliche Herabsetzung sein kann, wenn man Konjunktiv Imperfekt, den sogenannten Irrealis, benutzt. Aber vor 30 Jahren sei der Konjunktiv auch schon ein Problem gewesen, sagt Seibert (Abiturjahrgang 1968). „Und unsere Ansprüche an die Argumentationsfähigkeit der Studenten sind gestiegen, wir erwarten viel.“

          Nur wenige Studenten sprachlich richtig gut

          Doch nur 30 Prozent eines Studienjahrgangs hätten die wirkliche sprachliche Kompetenz zum Studium, urteilt Rainer Wimmer. Und nur zehn Prozent seien sprachlich richtig gut, produzierten während des Studiums eigene Texte, im Journalismus oder in der Literatur. Wimmer unterrichtet Germanisten. In anderen Studiengebieten sei die Situation traditionell noch schlechter, ist seine Einschätzung, zum Beispiel in den Naturwissenschaften, Jura oder BWL. Hier werde der sprachliche Ausdruck gar nicht gefördert, bedauert er. Dies sei auch ein Massenphänomen, ist der Linguist überzeugt. In den sechziger Jahren machten sieben Prozent eines Jahrgangs Abitur, heute sind es 30 bis 35 Prozent, angestrebt würden 50 Prozent. Das heißt, man greife automatisch in traditionell bildungsfernere Schichten hinein, in denen sprachliche Schulung in der Familie im Gegensatz zur bildungsbewussten Mittelschicht früherer Dekaden nicht so gepflegt werde.

          Ein gutes Gefühl für Sprache, für einen Spitzenjuristen unerlässlich, müsse man auf die Uni bereits mitbringen und sich dann selbst weiterbilden, klagt Seibert, denn „die Ausbildung hier war schon immer schlecht“. Statt Übungen in Kleingruppen gebe es Frontalvorlesungen - „ein Strukturproblem“, das allen Versuchen, die juristische Ausbildung zu reformieren, widerstanden habe.

          Zehnjährige hadern mit der Grammatik

          Keine Chance auf eine stärkere Sprachbildung sieht Rudolf Hoberg bei der Verwirklichung derzeitiger Bildungspläne. Am Grammatikunterricht hapere es tatsächlich schon in den Schulen. „Zehnjährigen war der Sinn von Grammatik immer schwer zu vermitteln“, erklärt der Linguist. In den höheren Klassen werde Grammatik dann nicht genug unterrichtet, und schon sei die Lücke da. Schulen müssten stärker in die sprachlichen Grundlagen gehen, rät er.

          Später beim Studium führe das sich jetzt durchsetzende Bachelor- und Masterstudium zu einem verschulten, nivellierenden System, „dem kleinsten gemeinsamen Niveau, alle gleichmäßig, alle oberflächlich“, die Abbrecherquote soll ja zurückgehen. Die heutigen Studenten, schätzt der Professor, müssten ihr Studium viel berechnender anpacken, den möglichen Job immer im Hinterkopf, Humboldt ade. Aufwendige Sprachpflege hat bei dieser Effizienz keine Priorität. „Sprache wird als reines Instrument gesehen“, ergänzt Germanist Wimmer. Nach Hobergs Meinung differiert die Sprachkompetenz von Geisteswissenschaftsstudenten auch kaum von der der Naturwissenschaftler oder Juristen, sogar zwischen Studierenden und Nichtstudierenden sieht der Linguist wenig Unterschiede. Spitzenbegabungen gebe es immer und überall - und eben auch sehr, sehr viel Mittelmaß, „so wie vor 40 Jahren“. Selbsternannten Sprachwächtern sei also empfohlen: Lesen Sie mal Ihre eigenen Abituraufsätze.

          Das Klagelied vom schlechten Schüler

          Die Klage über die ungebildete Jugend hat eine lange Tradition, belegen lässt sie sich seit der Antike. Der Autor Gustav Keller hat für sein Buch „Das Klagelied vom schlechten Schüler“ (Verlag Asanger, 1989) von den Babyloniern über die Römer bis zu den computergestützten Lehranstalten Kaliforniens recherchiert. Und er kam immer zu demselben Ergebnis: Die Jüngeren taugen nichts - sagen die Älteren. Seit 5000 Jahren werden mangelnde Lernlust und Leistungsbereitschaft kritisiert, wird Konzentrations- und Merkvermögen getadelt, der jugendliche Umgang mit Sprache gerügt.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 01.09.2007 Seite C6

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