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Designstudium Unter Künstlern

05.02.2010 ·  Die Burg Giebichenstein in Halle gilt als einer der besten Orte, um Kunst und Design zu studieren. Wer sich an dieser Hochschule einschreibt, macht es aus Leidenschaft - und ohne zu wissen, was danach kommt.

Von Julia Löhr
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Unbestimmt. Um dieses eine Wort ist Katrin Storz in den vergangenen Monaten unermüdlich gekreist. Sie hat Literatur gewälzt, Begriffe wie „Zufall“ und „Sehnsucht“ auf Pappen geschrieben. Entwürfe gezeichnet und wieder verworfen, Tage und Nächte an der Nähmaschine verbracht. Jetzt wird es ernst: In einem Raum mit knarzenden Holzdielen ist ein Laufsteg aufgebaut. Dahinter eine Leinwand, auf der dunkle Farbenspiele wabern, seitlich und davor etliche Sitzreihen. Bestimmt hundert Menschen drängen sich erwartungsvoll in dem Raum, zur Diplompräsentation von Katrin Storz. Was im Studiengang Modedesign bedeutet: zur Modenschau.

Es wird dunkel, die Musik geht an, ein Dutzend Models - alles Kommilitoninnen - präsentieren Storz' Kollektion. Enge Oberteile kombiniert mit weiten Röcken, matte Stoffe mit glänzenden Pailletten, alles in Grau, alles unbestimmt eben. Eine Viertelstunde dauert die Modenschau, dann erhebt sich einer der Professoren aus der Prüfungskommission in der ersten Reihe, lobt die edlen Materialien, die sensible Verarbeitung. Ein „sehr gut“ bekommt Storz schließlich. Erleichtert, die kurzen gelockten Haare zerstrubbelt, die Wangen gerötet, stößt sie mit einem Glas Sekt auf den Erfolg an. Und nun? „Erst mal sacken lassen“, sagt die Siebenundzwanzigjährige.

Unbestimmt, dieser Begriff kennzeichnet nicht nur die Mode von Katrin Storz, er trifft auch die Stimmung an dieser Hochschule ziemlich gut. Die „Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle“ ist ein Kleinod in der deutschen Hochschullandschaft. Es ist kein Ort, an dem Absolventen mit bestimmten Fertigkeiten für den Arbeitsmarkt produziert werden. Den Lehrenden und den Lernenden geht es vor allem um eines: um Kunst. Was nach dem Studium kommt, kümmert beide Seiten wenig. „Wer hierher kommt, macht das, weil er sich dazu berufen fühlt“, sagt Rektor Ulrich Klieber, seit 1995 an „der Burg“, wie die Hochschule überall nur genannt wird.

„Wir wollen nicht, dass sich unsere Studenten anpassen“

Was das bedeutet, wird einem schnell klar, wenn man sich mit Thomas Greis unterhält, einem der Professoren für Modedesign. „Mode kann man in jedem Kaff studieren“, sagt er. „Aber nirgendwo so wie hier.“ Während er eine Zigarette nach der anderen raucht, reiht er Sätze aneinander wie: „Wir haben einen künstlerisch-konzeptionellen Ansatz.“ „Wir reden selten über Trends.“ „Wir wollen, dass unsere Studenten offen bleiben.“ Sie sollen selbst herausfinden, was für sie Mode ist. Kleidungsstücke entwerfen, die sie nicht unbedingt selbst anziehen würden. Zum Beispiel zum Thema „Stars in der Manege“. Was könnte die Queen tragen, wenn sie Pferde dressieren würde? Was Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz, wenn er als Magier aufträte? Über solche Fragen zerbrechen sich die Studenten ein Semester lang den Kopf. Gemeinsame Projekte mit Unternehmen - kürzlich entwarfen Studenten etwa neue Arbeitskleidung für BMW - sollen Ausnahmen bleiben. „Wir wollen nicht, dass sich unsere Studenten anpassen“, sagt Greis. „Die sind ohnehin schon viel zu angepasst.“

Das Interesse an den Studienplätzen ist groß. In der Malerei, dem beliebtesten Fach, waren es zuletzt 150 Bewerbungen für fünf Plätze. Wer den Zuschlag bekommt, entscheidet sich jedes Jahr Ende März in einer mehrtägigen Auswahlveranstaltung. Rund 1100 Studenten sind im Moment insgesamt eingeschrieben, 60 Professoren und 110 weitere Mitarbeiter kümmern sich um sie. Die Stimmung auf der Burg ist familiär, die Ausstattung kann sich sehen lassen. Im Computerpool glänzen i-Mac-Rechner von Apple um die Wette. Jeder Student hat seinen eigenen Arbeitsplatz in einem der Ateliers, zugänglich Tag und Nacht.

Zwei Drittel der Studenten haben sich für einen Designstudiengang eingeschrieben, die Übrigen für ein künstlerisches Fach. Während die Kunststudenten auf dem eigentlichen Burggelände residieren, das der früheren Handwerkerschule ihren Namen verlieh, liegt der Campus Design eine Viertelstunde Fußmarsch durch ein Villenviertel entfernt. Nicht nur räumlich sind die beiden Bereiche getrennt, auch der geistige Austausch könnte größer sein, berichten Professoren und Studenten mit leisem Bedauern. Jeder Fachbereich verfügt über sein eigenes Grundlagenstudium. Während die Designer nach dem Bachelor- und Mastersystem studieren, gilt für die Künstler weiterhin die Diplomstudienordnung.

„Man kann künstlerische Arbeiten nicht nach Punkten abrechnen“

Eine, die ihren Arbeitsplatz in der Burg selbst hat, ist Sabine Golde, Professorin für Buchkunst. Sie ist eine große Verfechterin des fünfjährigen Diplom-Studiengangs. „Man kann künstlerische Arbeiten nicht nach Punkten abrechnen“, sagt sie. Insgesamt 30 Studenten betreut Golde derzeit. Einmal in der Woche trifft sie sich mit jedem Jahrgang zur Besprechung. An diesem Tag ist das zweite Studienjahr dran, ein überschaubarer Kreis. Golde brüht für sich und die drei Studentinnen einen Tee namens Beduinenschreck auf. Ein Buch stellt jeder angehende Buchkünstler innerhalb eines Semesters her. Zwei Stunden berät das Grüppchen nun über die Fortschritte der einzelnen Arbeiten. Die Schrift halbfett oder doch dreiviertelfett? Blocksatz oder Flattersatz? Das Papier 250 Gramm schwer oder doch nur 200 Gramm? Anschließend werkelt jeder wieder eine Woche weiter.

„Kunst war immer mein Traum. Ich hab' mich nach der Ausbildung noch nicht fertig gefühlt“, beschreibt Kristina Heinrichs, 25 Jahre alt und gelernte Buchbinderin, was sie dazu bewogen hat, noch ein Studium hinterherzuschieben. Sie ist aus Mannheim nach Halle gezogen, finanziert sich mit einer Mischung aus Bafög, Jobben in den Semesterferien und Unterstützung der Eltern. Über das, was danach kommt, womit sie später Geld verdienen wird, macht sie sich wenig Gedanken. „Den Plan fürs Leben gibt es ohnehin nicht“ - diesen Satz sagen die Studenten hier oft, wenn man sie nach ihrer beruflichen Zukunft fragt.

Viele machen sich am Ende selbständig

Einige Mode-Absolventen arbeiten heute für Häuser wie Boss oder Jil Sander, eine Innenarchitektin ist im Büro von Norman Foster in London. Doch die meisten Absolventen der Burg machen sich nach dem Abschluss selbständig, versuchen - ganz Künstler - sich mit einer Mischung aus Auftragsarbeiten und eigenen Projekten zu behaupten. Kurse für Existenzgründer gehören zum Curriculum, ein Transferzentrum soll den Übergang in die Arbeitswelt erleichtern. Im Mai eröffnet zudem das Designhaus Halle, wo Absolventen der Hochschule, aber auch andere Designer unter einem Dach ihrer Arbeit nachgehen können.

Der Hochschule liegt viel daran, dass ihre Kreativen nach dem Abschluss nicht alle das Weite suchen, nicht alle nach Berlin ziehen, dem kreativen Schmelztiegel des Landes, der auch auf die Burg-Studenten eine große Anziehungskraft ausstrahlt. „Halle gewinnt auf jeden Fall durch die Burg“, findet Johanna Wagner, eine 22 Jahre alte Studentin der Innenarchitektur, die ursprünglich aus Nürnberg kommt. So hip wie Berlin sei die Stadt natürlich nicht, aber dadurch lenke einen auch nicht so viel vom Studium ab. Und nach dem Abschluss habe Halle ebenfalls seine Vorteile: „Man kann sich hier viel leichter einen Namen machen als in Berlin.“

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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