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Amerikanische Elitestudenten : Fleißkärtchen für Führungskräfte

Studenten am Campus der Universität Yale: Für den ehemaligen dortigen Professor William Deresiewicz sind sie „Schäfchen“. Bild: AP

Ein ehemaliger Yale-Professor hat sich die amerikanischen Elitestudenten vorgeknöpft. Und übersieht dabei, dass er selbst einmal Teil des elitären Uni-Systems war.

          Es gibt Siege, über die man nicht froh werden kann. William Deresiewicz ist der Verfasser des Artikels, der in der hundertjährigen Geschichte der Zeitschrift „The New Republic“ die meisten Leser erreicht hat. Der Auszug aus dem jüngsten Buch des Autors wurde im Internet mehr als zwei Millionen Mal aufgerufen. Als Deresiewicz sich an der Universität Princeton Fragen zu seinen Thesen stellt, versichert er, dass er mit der Aufmachung nichts zu tun hatte. Die Redaktion habe die Schlagzeile und das Titelbild des Heftes gemacht. „Schicken Sie Ihr Kind nicht auf die Ivy League! Eine bessere Erziehung - und ein besseres Leben - gibt es anderswo.“ Dahinter die brennende Fahne der Universität Harvard. Soll man sich darüber wundern, dass der Autor keine Absprache über die Einrichtung des Vorabdrucks traf, dessen Brennstoffgehalt ihm bekannt sein musste?

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Deresiewicz kultiviert in Princeton eine Aura der Weltfremdheit. Er gibt zu verstehen, dass er beim Abbruch seiner akademischen Laufbahn das Beste am alten Gelehrtenethos in die Freiheit des Kritikerdaseins gerettet hat. Für ihn sind äußere Erfolge bedeutungslos. Zehn Jahre lang lehrte er Literaturwissenschaft in Yale. Er schied aus, als ihm die Lebenszeitstelle versagt blieb. Die Selbstdarstellung als Opfer zynisch zündelnder Redakteure beglaubigt in Princeton eine Fiktion, ohne die der Termin im Haus der American Whig-Cliosophic Society kaum möglich gewesen wäre: Deresiewicz kann so tun, als hätte er die Studenten, die den Sprung zu einer privaten Spitzenuniversität schafften, gar nicht beleidigt.

          Der Debattierclub, der seine Existenz auf den frühen amerikanischen Präsidenten James Madison zurückführt, verbreitet eine ähnliche Rekordmeldung wie die „New Republic“. Seit sechzig Jahren hat es nicht mehr so viele Voranmeldungen gegeben. Der Gastredner am 26. April 1954 war Senator John F. Kennedy. Deresiewicz verzichtet ausdrücklich auf eine Zusammenfassung seiner Thesen. Das ist eigentlich eine Unhöflichkeit. Ein Autor darf nicht voraussetzen, dass jeder im Saal ihn gelesen hat. Doch genau das sagt Deresiewicz. So kann er vermeiden, die Formulierungen zu wiederholen, die die Titelbildredakteure der „New Republic“ inspirierten.

          Künftige Führer, nicht künftige Lehrer

          „Excellent Sheep“ heißt das bei Simon and Schuster verlegte Buch. Wer es nach Harvard oder Princeton schafft, soll das heißen, erwirbt tatsächlich die Exzellenz, die mit Spitzengehältern vergütet wird, und zahlt dafür mit der Verkümmerung jedes Antriebs zur Selbständigkeit. Um das Maliziöse des reichlich plumpen Bildes von den hochqualifizierten Schafen auszukosten, muss man wohl dem Kult ausgesetzt sein, der in den Auswahlprozeduren des amerikanischen Bildungssystems zum Lob der „leadership“ zelebriert wird. Führungserfahrung müssen schon die Bewerber um einen Studienplatz nachweisen. Diese Anforderung produziert ein soziales Engagement, dessen Zeitaufwand genauestens kontrolliert wird, damit alle anderen Kästchen im Erwartungsprofil der Aufnahmeausschüsse abgehakt werden können.

          Steven Pinker, Psychologe in Harvard, erzählte in seiner Replik auf Deresiewicz in der „New Republic“, in seiner Universität würden neu berufene Professoren darüber aufgeklärt, dass Harvard „die zukünftigen Führer der Welt“ heranziehen wolle, nicht „die zukünftigen Universitätslehrer der Welt“. Nach Pinkers Schätzung wird in Harvard nur jeder zehnte Student wegen seiner kognitiven Leistungen ausgewählt. Pinker mokiert sich darüber, dass auf dem Campus einer Prestigeuniversität auch Aktivitäten ein Bildungswert zugesprochen werde, die überall sonst als Freizeitvergnügungen gelten würden. Insbesondere irritiert ihn, dass so viele Studenten so viel Zeit in die Musik stecken. Pinker formuliert ein Desiderat der empirischen Bildungsforschung: Warum stellen die großen Bankhäuser lieber einen Bariton mit Harvard-Diplom an als den besten Finanzwissenschaftsabsolventen einer Staatsuniversität?

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