http://www.faz.net/-gyl-7bctz

Den Islam studieren : Ein Gott, zwei Perspektiven

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Allahs Wort und ein Stück Geschichte: Die Hochschulen erforschen den Koran aus zwei Blickwinkeln. Über islamische Theologie, einen Namensstreit und feine Unterschiede.

          Der Weg zu einer neuen Beschäftigung mit dem Islam führt an einem Café namens Struwwelpeter entlang und hinauf in den ersten Stock. Vorbei an Seminarräumen, mündet er in einen fensterlosen Hörsaal im Hauptgebäude der Frankfurter Goethe-Universität. Es ist Donnerstagmittag und sommerlich schwül. Langsam treffen die ersten Studenten ein: Acht Männer und elf Frauen werden an der Vorlesung „Hadithwissenschaft“ teilnehmen. Schon jetzt hallt ein buntes Sprachengemisch durch den Raum: Türkische Worte gesellen sich zu deutschen Sätzen, dazwischen Gelächter. Drei Wörter bestimmen die vorletzte Sitzung des Semesters: matruk, munkar und mawdu. Sie sind Gradmesser für die Glaubwürdigkeit der überlieferten Hadithe, kurzer Texte über die Handlungen des Propheten Mohammed. „Die Hadith-Kritiker sahen sich als Ärzte“, sagt Dozent Daniel Birnstiel, „sie klassifizierten die Hadithe als ,sahih’ - gesund, ,hasan’ - gut oder ,da’if’ - krank“.

          Studienfächer, die sich mit dem Islam beschäftigen, haben verschiedene Gesichter. Diese Szene stammt aus dem noch jungen Studiengang „Islamische Studien“ in Frankfurt. Hier lernen künftige islamische Religionslehrer ihr Handwerk - bekenntnisorientiert. Theologen, die hier lehren, sehen den Koran als Offenbarung. Nicht zu verwechseln ist das Fach mit Studiengängen, die „Orientalistik“, „Arabistik“ oder „Islamwissenschaft“ heißen und sich ebenfalls mit dem Islam beschäftigen - nicht bekenntnisorientiert. Die Professoren dieser Studiengänge betrachten den Islam „von außen“, sehen etwa den Koran als historisches Dokument. Lange Zeit war letzterer Weg, den Islam zu studieren, der einzige, der in Deutschland angeboten wurde. Das änderte sich mit dem Willen der Politik, islamische Religionslehrer und Imame an deutschen Hochschulen auszubilden. Mittlerweile gibt es mit Münster/Osnabrück, Frankfurt/Gießen, Nürnberg/Erlangen und Tübingen mehrere Zentren für islamische Theologie. Eine Gruppe von Gutachtern hatte diese im Auftrag des Bundesbildungsministeriums als Standorte auserkoren. Außer den Islamwissenschaften gibt es nun auch die bekenntnisorientierte Theologie. Welchen der beiden Blickwinkel ein Studiengang einnimmt, ist dem Namen oft nicht gleich anzusehen. Denn in einigen Bezeichnungen taucht das Wort „Theologie“ gar nicht auf. Stattdessen heißen die Bachelor-Studiengänge wie in Frankfurt „Islamische Studien“ oder wie in Erlangen „Islamisch-Religiöse Studien“. Eine Empfehlung des Wissenschaftsrates sei das gewesen, rechtfertigt Ömer Özsoy, Professor für Koranexegese an der Goethe-Universität, die Entscheidung. Entgegen der Empfehlung des Rates haben die meisten Hochschulen den Namen dennoch in Islamische Theologie umgeändert.

          Spagat zwischen göttlicher Lehre und weltlicher Wissenschaft

          Das junge Fach versucht sich derzeit in einem Spagat zwischen göttlicher Lehre und den weltlichen Wissenschaften, an denen es angesiedelt ist. Doch der kleine Unterschied ist längst zum Politikum geworden. Wissenschaftler, die bisher die Religion und Kultur des Islams erforscht haben, protestierten gegen die starke Ähnlichkeit mit dem Namen „Islamwissenschaft“. In der Marburger Erklärung verlangten sie gar die Umbenennung der neuen Studiengänge in „Islamische Theologie“: „Das vom Wissenschaftsrat geforderte Fach muss als das benannt werden, was es dem Inhalt nach ist“, heißt es da. Andernfalls würden die Grenzen zwischen den beiden Fächern verschwimmen. Harry Harun Behr, Professor für islamische Religionslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg, hat dafür Verständnis. „Ob man nun ,Islamische Studien’ oder ,Islamwissenschaft’ ins Englische übersetzt, das Ergebnis ist das Gleiche: ,Islamic Studies’“, räumt er ein. Doch nicht nur der Gleichklang der Bezeichnungen sorgt für Ärger, auch die Angliederung an Kulturwissenschaftliche Fakultäten, denen sie auch selbst angehören, stört die Islamwissenschaftler. Dies sei ein Angriff auf das Selbstverständnis dieser. Zwischen den Zeilen blitzt die Furcht durch, mit der Theologie in einen Topf geworfen und zugunsten der Lehrerausbildung weggekürzt zu werden. Professor Behr aus Erlangen spricht von einer Identitätskrise der Islamwissenschaften, Hans-Thomas Tillschneider, Islamwissenschaftler der Universität Bayreuth, von einem Kampf um die Deutungshoheit.

          Auch an der Uni Erlangen-Nürnberg existiert der nicht bekenntnisorientierte Islam-Studiengang, der hier „Orientalistik“ heißt schon länger als die Theologie. Konflikte zwischen beiden Fächern habe es hier nie gegeben, sagt Harry Behr. Vielmehr gebe es eine Kooperation. „Wir hatten das Glück, dass wir beides neu hochziehen konnten, weil auch in der Orientalistik neue Professuren ausgeschrieben waren“, sagt der Theologe. Doch ganz spurlos ist die Kritik nirgendwo vorbeigegangen. „Es sind Stimmen laut geworden, die sich in zwei Tendenzen aufteilen: die, welche die Theologie kategorisch ablehnen, und die, welche die Nomination kritisieren“, bestätigt auch Özsoy.

          Große Personalsorgen

          Hans-Thomas Tillschneider aus Bayreuth hat noch einen anderen Kritikpunkt: die zu schnelle Einführung der islamischen Religionslehre. Er stellte jüngst die wissenschaftliche Qualität einiger Beiträge in Frage und sprach von einer „infantilen Theologie“, die den Koran deute, ohne an Denktraditionen anzuknüpfen. Ins Visier nahm er das Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ des Religionspädagogen Mouhanad Khorchide aus Münster. „Die islamische Theologie wurde gegründet, um die Hinterhofmoscheen auszutrocknen, doch wie es aussieht, kommt nun die Hinterhofmoschee an die Universität“, so sein Fazit. Auch von konservativen Muslimen wurde Khorchide gerügt - diesmal für seine liberale Auslegung des Korans. Schon unter seinem Vorgänger Sven Kalisch, der als Erster für die Ausbildung islamischer Religionslehrer zuständig war, geriet der Lehrstuhl ins Wanken. Studenten boykottierten dessen Vorlesungen, und einige Muslime unterstellten ihm, vom Glauben abgefallen zu sein, nachdem er die Existenz Mohammeds angezweifelt hatte.

          Und es gibt noch weitere Sorgen: An den noch jungen Islamstudien-Zentren muss in sehr kurzer Zeit sehr viel qualifiziertes Personal her. „Wir rekrutieren Sprach- und Kulturwissenschaftler genauso wie Islamwissenschaftler. Ansonsten importieren wir islamische Theologen aus arabischen Ländern“, erklärt Harry Behr aus Nürnberg den Umgang mit dem Problem. Oft seien fehlende Sprachkenntnisse die Hauptschwierigkeit - und die Konkurrenz: Vier Standorte buhlen nun um die wenigen geeigneten Wissenschaftler der jungen Disziplin.

          Strittig: Die Rolle der Verbände

          Der Einfluss der Verbände ist ein anderes strittiges Thema. Im Grundgesetz ist die Mitsprache von Religionsgemeinschaften bei inhaltlichen Fragen festgehalten. Das ist in der katholischen Theologie nicht anders. Doch anders als in der katholischen Kirche fehlt es dem Islam an einer Stimme, die für alle Strömungen sprechen könnte. Damit die Lehrerausbildung starten konnte, hat man sich darum vielerorts mit muslimischen Beiräten beholfen, in denen Vertreter verschiedener Verbände sitzen. Diese wiederum vertreten jedoch nur etwa 15 Prozent der deutschen Muslime. Verfassungsrechtler zweifeln an der Rechtmäßigkeit dieser Übergangslösung, unter anderem, weil die Gruppen neben religiösen auch politische Interessen hätten. Man bastle sich einen Islam zusammen und ignoriere die Unterschiede zwischen Schiiten und Sunniten.

          Der Weg zur Gleichberechtigung der Religionen ist ein steiniger. Doch Harry Harun Behr sieht die islamische Theologie in Deutschland auf guten Pfaden. Während in manchen Ländern die Religionsgelehrsamkeit eher verwaltet werde, entstehe hierzulande eine interessante Art von islamischer Theologie. In der Praxis kann das aussehen wie in Frankfurt an einem Dienstagvormittag in Hörsaal V. „Gott“, „Engel“, „Prophet“ schreibt Professor Ömer Özsoy mit gelber Kreide an die Tafel. Es geht um die Rolle des Propheten bei der Offenbarung und darum, wer Allahs Botschaft in Worte gekleidet hat. Er selbst? Engel Gabriel? Mohammed? Eine Studentin hat Zweifel an Annahme zwei. „Können Engel Arabisch sprechen, obwohl sie keinen freien Willen haben?“ fragt sie.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Italiens Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio geht in der Haushaltspolitik auf Konfrontationskurs mit der EU.

          Schuldenstreit mit der EU : Italien bleibt stur

          Die italienische Regierung weicht nicht von ihrer Haushaltspolitik ab. Nach Ablauf einer Frist am Dienstagabend droht Rom nun ein Verfahren der EU-Kommission.

          Brexit-Verhandler einigen sich : „Der weiße Rauch steigt auf“

          In den Verhandlungen um ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU haben die Unterhändler einen wichtigen Durchbruch erzielt. Während EVP-Chef Weber den Verhandlungserfolg feiert, äußert Boris Johnson scharfe Kritik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.