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Debattierclubs : Stilvoll streiten an der Hochschule

  • -Aktualisiert am

Hört, hört! „Goethes Faust“ setzt auf die Kraft der Überzeugung. Bild: Junker, Patrick

Das gute Argument als Waffe gegen Populismus: Akademische Debattierclubs setzen sich für eine faire Diskussionskultur ein. Und wie genau geht’s dort zu?

          Karsten Eckhardt schüttelt den Kopf, immer wieder. Abrupt steht er auf und hebt seinen Arm. Er ist nicht einverstanden mit dem, was sein Kommilitone Pascal Eller sagt, der ihm gegenübersteht und lautstark gegen Wirtschaftswachstum wettert. „Von Wachstum profitieren doch nur die, die sowieso schon bessergestellt sind“, ruft Eller und gestikuliert bei jedem Wort. Den stummen Protest seines Gegenübers wimmelt er ab: „Rückfragen erst später.“ Eckhardt setzt sich hin, schreibt etwas auf.

          Ob es allerdings wirklich Pascal Ellers Überzeugung ist, dass das Wirtschaftswachstum eingeschränkt werden muss, ist bei dieser Diskussion unwichtig. Eller spielt eine Rolle. Er und Eckhardt gehören zum Debattierclub „Goethes Faust“ der Universität Frankfurt. Jeden Mittwoch treffen sie sich, um zu diskutieren. Welches Thema drankommt, darüber stimmen die Teilnehmer vor der Diskussion ab. Danach haben sie 15 Minuten, sich vorzubereiten. Smartphone und Computer sind verboten. Manchmal haben die Diskussionen einen aktuellen Aufhänger, oft jedoch entscheiden sich die Studenten für Abseitiges. Es kann darum gehen, ob es ein Tempolimit auf Autobahnen geben müsse, aber auch um die Frage, ob Bier oder Wein besser sei. Wer bei den Diskussionen welche Meinung zu vertreten hat, wird ausgelost. „Oft muss man gegen seine eigene Überzeugung argumentieren“, erklärt Karsten Eckhardt. Das mache den Reiz von Debattierclubs aus.

          Obwohl alle im Raum wissen, dass es sich um eine Schaudebatte handelt, führen die Teilnehmer eine ernsthafte Diskussion. Bringt ein Teammitglied ein gutes Argument, klopfen die Mitstreiter auf den Tisch. Niemand ruft ungefragt dazwischen, jeder kennt die Spielregeln.

          Es gibt zwei Regelwerke, nach denen debattiert wird. Bei der „Offenen Parlamentarischen Debatte“ stehen sich zwei Teams mit jeweils drei Studenten gegenüber, die abwechselnd argumentieren. Dazu kommen drei freie Redner, die sich für die Seite entscheiden können, die sie mehr überzeugt hat. Anschließend bewertet eine Jury die einzelnen Redner. Die Kriterien sind Rhetorik, Auftreten, Logik der Argumente und Teamfähigkeit. Beim zweiten Modus, „British Parliamentary Style“ genannt, achtet die Jury dagegen ausschließlich darauf, ob die vorgetragenen Argumente schlüssig sind. Zwei Teams reden dabei pro, die anderen beiden contra. Ziel ist es, nicht nur die Argumente der Gegenseite zu entkräften, sondern auch besser zu sein als das eigentlich verbündete Team. Die Diskussion über Wirtschaftswachstum führt „Goethes Faust“ im britischen Stil.

          Die meisten studieren Jura, Wirtschafts- oder Politikwissenschaften

          Sieben Mitglieder bilden den Stamm des Debattierclubs, dazu kommen etwa 20 Studenten, die ab und zu teilnehmen. Die meisten studieren Jura, Wirtschafts- oder Politikwissenschaften. Seit 2009 gibt es den Club, von Anfang an dabei ist Stephan Endres. Der Physikstudent sagt: „Das Niveau ist in den letzten Jahren gestiegen.“ Viele machten mit, um Rhetorik und Auftreten zu verbessern. Für ihn selbst stehe der Spaß im Vordergrund.

          Debattierclubs treffen sich nicht nur in der eigenen Universität, sondern messen sich auch untereinander, zum Beispiel bei der jährlichen deutschen Meisterschaft. Nach Angaben des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen nehmen daran etwa 50 Clubs mit mehr als 200 Studenten teil. Elin Böttrich, Vizepräsidentin des Verbands, sieht einen Trend: In den vergangenen sechs Jahren habe sich die Zahl der Clubs verdoppelt, zurzeit seien es 71.

          Gerade jetzt gebe es für die Studenten eine besondere Motivation, mitzumachen. „Viele sehen das Debattieren als Gegenmodell zum Populismus“, sagt Böttrich. Eine Debatte sei zentral für den öffentlichen Diskurs, sie verlange, alle Argumente zuzulassen und darüber nachzudenken.

          „Das Banner für eine faire Streitkultur hochhalten“

          Jonas Weik vom Debattierclub Johannes Gutenberg der Universität Mainz bestätigt das: „Wir wollen das Banner für eine faire Streitkultur hochhalten.“ Das sei aber nur in einem kleinen Rahmen möglich. „Wir können die Welt nicht verändern.“ Der Erfolg seines Debattierclubs zeige sich unter anderem darin, dass viele ehemalige Mitglieder in die Politik gingen oder erfolgreiche Unternehmensberater würden. Der Debattierclub aus Mainz gehört zu den größten und erfolgreichsten in Deutschland, er hat schon drei deutsche Meisterschaften gewonnen.

          Für Pascal Eller von „Goethes Faust“ stehen Erfolge nicht an erster Stelle, obwohl er sich freut, dass mit Marion Seiche und Sven Schuppener zwei Mitglieder seines Clubs im Finale der deutschen Meisterschaft 2016 standen. „Die Hauptsache ist aber, dass man am Ende für sich selbst das Gefühl hat, gute Reden gehalten zu haben.“

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