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„Dean’s List“ : Extrawurst für Elitestudenten

  • -Aktualisiert am

Bloß nicht untergehen im Massenbetrieb: Dafür gibt es an den Hochschulen eine neue Strategie. Bild: dpa

Studenten haben eine neue Chance, auch in der Massenuniversität aufzufallen. Sie brauchen einen Platz auf der „Dean’s List“. Wer ihn hat, darf dann Tee mit dem Professor trinken.

          Masse ist nicht gleich Klasse. Wenn immer mehr junge Menschen das Abitur machen, an die Hochschulen streben und Hörsäle mit eintausend Sitzen aus allen Nähten platzen, dann sagt ein Studienabschluss allein nicht mehr viel aus. Entscheidend ist die Note, sind die Extras. Ein frühzeitiger, individueller Kontakt zum Professor wird zum Luxus. Umgekehrt lernen Professoren ihre besten Studenten erst spät, manchmal zu spät kennen. Dabei sind gerade forschungsstarke Hochschulen daran interessiert, den begabtesten Nachwuchs möglichst früh ausfindig zu machen. Vermehrt greifen sie deshalb zu Bestenlisten oder Spezialseminaren.

          Jens Kaisers Name steht auf einer Bestenliste. „Ich bin nicht übermäßig fleißig, aber ich war auch schon in der Schule gut“, sagt der Student, „Wahrscheinlich habe ich einfach eine schnellere Auffassungsgabe.“ Der 24-Jährige hat zwei Semester des Masterstudiengangs „Supply Chain Management“ an der Universität Köln hinter sich und absolviert gerade ein fünfmonatiges Praktikum bei einem großen Lebensmittelkonzern. Wie schon früher an der Schule, so zählt Kaiser auch jetzt an der Uni wieder zu den Besten. Schon seit seinem Bachelorstudium ist Kaiser deshalb auf der sogenannten „Dean’s List“ seiner Hochschule plaziert.

          Der Begriff stammt aus dem Angelsächsischen. Dean heißt im Englischen Dekan. In Nordamerika ist es seit langem Tradition, die besten Schüler und Studenten auszuzeichnen und damit auch nach außen sichtbar zu machen. Man wolle die „ausgezeichneten Studierenden für uns als Hochschule sichtbarer machen“, lautet das erklärte Ziel der RWTH Aachen, die in jedem Studienjahr die fünf Prozent Besten mit einem Platz auf der Dean’s List belohnt. Diese Liste komme bei den Studenten „super“ an, es gebe zum Teil „irritierte Nachfragen, weil manche ihre Studienleistungen bisher gar nicht so hoch eingeschätzt hätten“, sagt Anja Robert vom Career Center der RWTH. Insofern erfülle die Liste für die Studenten auch eine wichtige Funktion zur Motivation, etwa um sich für Stipendien oder Auslandsaufenthalte zu bewerben.

          Finanzielle Belohnungen sind mit dem Listenplatz nicht verbunden. Als Anerkennung für die hervorragenden Leistungen werden den Besten aber spezielle Angebote seitens der Uni oder interessierter Unternehmen gemacht. Das Bedürfnis nach Sondierung scheint zu wachsen. Auch ein frühzeitiger, individueller Kontakt zum Professor gilt inzwischen als Luxus, der an Massenuniversitäten nur noch einer Minderheit zuteil wird. Kein Wunder, dass Universitäten und sogar Fachhochschulen zu einem Mittel wie der Dean’s List greifen. „Oft hat man die besten Studenten vorher gar nicht wahrgenommen“, sagt Guido Siestrup, Dekan der Fakultät Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Furtwangen. Seit dem Wintersemester gibt es dort als Wahlpflichtfach ein „Exzellenzmodul“, zu dem sich nur die fünf besten Studierenden anmelden dürfen. „Wir wollen damit herausragende Studenten belohnen und motivieren. Sie können sich bei einem Professor ein Thema für ein Projekt auswählen, bei dem sie individuell betreut werden.“ Hintergrund für das neue Modul sei die mittlerweile sehr große Leistungsdifferenz unter den Studenten, bedingt durch die vielen Hochschulzugänge.

          In der „Öffnung der Hochschulen“ sieht auch der Darmstädter Elitenforscher Michael Hartmann den Hauptgrund für die Etablierung der Bestenlisten. Das Problem der Hochschulen sei, sagt Hartmann, einerseits Exzellenzforschung betreiben und andererseits Bildung für alle vermitteln zu sollen. Für Professoren und Studenten sei es deshalb „angenehm, aus dem Massenbetrieb herauszukommen“. Siestrup, dem Dekan aus Furtwangen, ist es wichtig zu betonen, dass es in Furtwangen auch ein Programm für schwächere Studenten gebe und man „keinen Keil in die Studentenschaft treiben“ wolle. So durften alle Seiten darüber abstimmen, ob die Hochschule diesen Weg gehen wolle: Das Exzellenzmodul sei von allen Hochschulgremien abgesegnet worden, auch von der Studentenschaft. „Sonst hätte ich es hier nicht eingeführt“, sagt er. „Wir wollen schließlich alle Studierenden mitnehmen, eine Gemeinschaftshaltung ist uns wichtig.“

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