09.11.2008 · Wer vom freien Leben der Studenten träumt, dem ist Anwesenheitspflicht ein Graus. Noch schärfere Kontrollen machen die Uni-Cards mit ihren Chips möglich, warnen Kritiker. Andere sehen die Plastikkarten pragmatisch.
Von Insa SchiffmannSo ähnlich war das schon damals an der Grundschule: Der Klassenlehrer rief Svenja Bartmus’ Namen auf, sie hob die Hand und sagte laut „hier“. Heute ist Svenja zwar nicht mehr 9, sondern 19 Jahre alt, sie geht auch nicht mehr zur Schule, sondern auf die Akademie für Mode und Design in Berlin. Die Anwesenheitsüberprüfung aber gehört immer noch zu ihrem Alltag. Fehlt sie, muss sie eine Entschuldigung abgeben. „Überschreitet man einen bestimmten Prozentsatz an Fehlstunden, wird der Kurs nicht anerkannt“, berichtet sie. „Man müsste dann ein ganzes Jahr wiederholen.“ Geht es um Noten, sind die Vorschriften noch strenger. „Man braucht ein ärztliches Attest, wenn man bei einer Klausur abwesend ist oder eine Frist für eine Hausarbeit überschreitet.“
Eine Welle von Kontrollen rollt durch die Hochschulen, an denen einst der freie Geist der Wissenschaften wehte – so interpretieren Kritiker die inzwischen an vielen Universitäten gängige Praxis. Mancherorts müsse man für den Strich auf der Anwesenheitsliste sogar den Personalausweis vorlegen. So habe die Bologna-Reform mit ihren verkürzten Bachelor- und Master-Studiengängen nicht nur die Inhalte des Studiums verschult und die Wahlfreiheit der Studenten beschnitten. Auch in vielen praktischen Details sei vom freien Studentenleben nicht mehr viel übrig.
Manche sehen´s pragmatisch
Svenja Bartmus sieht das pragmatischer. „Für mich persönlich ist es von Vorteil, dass die Anwesenheit kontrolliert wird. Wenn ich selbst entscheiden könnte, würde ich sicher oft zu Hause bleiben“, vermutet sie. „Das sehe ich an meinen Mitbewohnern. Die schwänzen ständig Vorlesungen. Entsprechend anstrengend ist es für sie, den Stoff eigenständig nachzuholen.“ Genau für diese Möglichkeit plädiert dagegen Ann-Kathrin Rauch, die in Freiburg im Breisgau Medizin studiert – ein Fach, in dem Anwesenheitskontrollen und strenge Regeln seit jeher gang und gäbe sind. „Aber es gibt verschiedenen Lerntypen. Der eine geht in die Vorlesungen und lernt das ganze Jahr über konstant in Bröckchen“, sagt die Zwanzigjährige. „Der andere setzt sich einfach einen Monat vor den Prüfungen an den Schreibtisch.“
Dass die Aufgaben strenger und die Vorschriften darüber, was wie und wann im Semester zu erledigen ist, detaillierter werden, hat für David Malcharczyk, den hochschulpolitischen Referenten des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Universität Frankfurt, noch eine andere negative Auswirkung. „Es ist ein großer Unterschied, ob man bis Ende des Semesters Zeit hat, seine Hausarbeit selbständig fertigzustellen, oder ob man einen bestimmten Termin vorgeschrieben bekommt“, sagt er. Freiräume für selbständiges Studieren sieht er fast nur noch in den Studiengängen, die noch nicht modularisiert worden sind.
AStA mit Bedenken gegen Plastikausweise
Aber auch in ihnen müssen sich die Studenten vielerorts mit einer ganz anderen Form potentieller Kontrolle abfinden: Die Studentenausweise aus Plastik, die an immer mehr Hochschulen die alten Ausweise aus Papier ersetzen, können auf ihren sogenannten RFID-Chips zumindest theoretisch allerhand Daten speichern. Mit der neuen „Goethe-Card“ etwa kann man nicht nur Bücher ausleihen und mit dem integrierten Semesterticket Bus und Bahn fahren, sondern überall an der Frankfurter Universität bargeldlos und ohne Ausweis kopieren; alle Studenten erhalten zu Beginn ein Kopierguthaben von 10 Euro. Auch in der Mensa bezahlen Frankfurts Studenten mit der Karte bargeldlos. „Theoretisch könnte man damit zum Beispiel die Ernährungsgewohnheiten der Studenten oder ihren Standort überwachen“, warnt Malcharczyk vor möglichem Missbrauch der so erhebbaren Daten.
Deshalb fordere der AStA, das Bezahlen mit Bargeld wieder möglich zu machen und das Foto des Inhabers von der Karte zu entfernen. „Das Argument ,Wenn man nichts falsch gemacht hat, hat man auch nichts zu fürchten‘ ist eine Verkehrung unseres Verständnisses der Grundrechte, der öffentlichen Universität und des selbstorganisierten Lebens“, begründet Malcharczyk diese Position. „Der Vorwurf des Missbrauchs ist geradezu lächerlich“, entgegnet Jörn Diekmann, der Referent für Informationsmanagement der Goethe-Universität. „Mit einem handelsüblichen Handy kann man viel eher verfolgt werden.“ Der Chip registriere nur die Abbuchung auf dem virtuellen Konto, nicht das gewählte Menü oder die kopierten Seiten. „Außerdem haben wir die Goethe-Card dem AStA zusammen mit dem Chaos-Computer-Club vorgestellt“, berichtet Diekmann. „Der AstA selbst hat das Sicherheitskonzept als vernünftig eingeschätzt.“ Insgesamt biete die Karte viel mehr Service als die alten Ausweise. „Papier ist einfach nicht mehr zeitgemäß.“
Dieser Meinung ist auch Martin Wiwiorra, der in Hildesheim Internationales Informationsmanagement studiert und von der dort eingeführten Uni-Card geradezu schwärmt. „Diese Karte ist zehnmal praktischer als der alte Ausweis. Man muss nicht an drei Karten denken, sondern nur an eine.“ Was aber, wenn die Karte verlorengeht? „Auch dann ist die Uni-Card von Vorteil“, findet er. „Denn es ist viel wahrscheinlicher, dass man das ganze Portemonnaie verliert und nicht nur eine Karte. Und dann muss man nur eine Karte sperren und nachbestellen.“
Die Uni-Card als Türöffner
Die Hildesheimer Karte verfügt noch über eine weitere Funktion. „Für Kurse am Wochenende kann man die Uni mit der Karte aufschließen“, berichtet Wiwiorra. „Es gibt Räume, die man nur öffnen kann, wenn man vorher einen Antrag gestellt hat. Wenn ich etwa ein Java-Programmier-Tutorium habe, stelle ich einen Antrag für den entsprechenden Computerraum.“ Für David Malcharczyk keine angenehme Vorstellung. Auch die sogenannte Goethe-Card plus für Mitarbeiter der Frankfurter Universität, die schon jetzt deren Arbeitszeit erfasst, könnte bald als Schlüssel für bestimmte Räume dienen, fürchtet er. „Die Uni ist eine öffentliche Einrichtung. Wenn zu manchen Bereichen nur noch Mitarbeiter oder Studenten, die dort Vorlesungen besuchen, Zugang haben, ist das nicht mehr so“, warnt Malcharczyk.
Auf die ablehnende Haltung zu den Karten sind bislang weder Svenja Bartmus in Berlin noch Martin Wiwiorra in Hildesheim umgeschwenkt. „An der Kasse ziehe ich definitiv lieber die Karte als den alten Ausweis“, sagen beide unisono. „Allein schon, weil er besser aussieht!“ So überwiegt die Freude am Komfort die Furcht vor der Kontrolle. Aber Wiwiorra, der das sensible Thema Informationsmanagement zu seinem Studienfach gemacht hat, teilt zumindest die Skepsis gegenüber dem versprochenen vertraulichen Umgang mit den gesammelten Daten. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Daten in irgendeiner Weise missbraucht werden“, sagt der Vierundzwanzigjährige. „Genaue Vorstellungen davon habe ich nicht. Es ist eher ein Gefühl.“
Komfort und Kontrolle
RFID steht für „Radio Frequency Identification“ und bedeutet so viel wie „Funkerkennung“. Ein RFID-System besteht aus einem Transponder und einem Lesegerät und ist oft nicht größer als ein Sandkorn. Die Daten können in Klarform oder verschlüsselt gesendet werden.
RFID hat sich zu einer Art Schlüsseltechnologie entwickelt und findet eine breite Anwendung. Es wird heute unter anderem zur Identifizierung von Waren und zur Bestimmung der Echtheit von Medikamenten, Banknoten und Luxusartikeln eingesetzt.
Als eine der ersten Hochschulen in Deutschland hat die Universität in Freiburg im Breisgau im Jahr 2001 ihre Studentenausweise mit entsprechend ausgerüsteten Karten ersetzt. Voraussetzung dafür war nach Maßgabe des Landesdatenschutzgesetzes eine sogenannte Technikfolgenabschätzung.