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Das richtige Studienfach Die Qual der Wahl

 ·  Viele Schulabgänger verlieren den Überblick: An den Universitäten gibt es eine Fülle von Fächern. Oder liegt es daran, dass die meisten Kandidaten noch nicht reif für ein Studium sind?

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Wenn Tim Lingesleben mit Berufsfindung und Studienwahl eines nicht verbindet, dann ist es Spaß. „Es ist demotivierend und macht Angst vor Fehlentscheidungen“ sagt der 22 Jahre alte Eislebener, der zunächst mit einem dualen Studium in Betriebswirtschaft geliebäugelt hatte. „Die Frage ist: Welches Studium lohnt sich wirklich?“ Derzeit plant Lingesleben, Berufsschullehrer für Wirtschaft und Sozialkunde zu werden. Doch die Internetseiten der Hochschulen verwirren ihn: „Sie sind viel zu kompliziert aufgebaut, und jede Uni erklärt einem das Bachelor-Master-System anders“, sagt er. Von zehn Studienberatern hat nur einer auf seine Fragen mit einer E-Mail geantwortet. „Ich wünsche mir eine zentrale Anlaufstelle, die einen Gesamtüberblick über das Studienangebot in Deutschland bietet“, sagt der angehende Hochschüler. Doch solange es ein solches Infozentrum nicht gebe, glaubt Lingesleben, blieben Schulabgänger verunsichert und fühlten sich allein gelassen. „Das Studium erscheint uns als Mysterium.“

Nur 7 Prozent der studienberechtigten Schulabgänger in Deutschland haben keine Schwierigkeiten bei ihrer Studien- und Berufswahl, hat eine Umfrage des Hochschul-Informations-Systems (HIS) ergeben. Rund ein Viertel fühlt sich gut oder sehr gut über Studienmöglichkeiten informiert. Aber ein Drittel der Studienberechtigten stuft den Informationsstand über nachschulische Bildungsmöglichkeiten als „eher unzureichend“ ein. „Diese schlechten Werte bewegen sich seit Beginn unserer ersten Umfrage im Jahr 2005 in etwa auf demselben Niveau“, sagt Christoph Heine, Bereichsleiter Studierendenforschung am HIS in Hannover. „Seitdem sich das Studien- und Ausbildungsangebot vervielfältigt hat, ist natürlich auch der Informationsaufwand erheblich gestiegen“, fügt er hinzu. Nach der Umfrage fühlen sich zwei von fünf Befragten von der Vielzahl der Studienmöglichkeiten überfordert.

„Rücksichtslose Profilierungssucht“ der Hochschulen

Mit der Umstellung auf Bachelor und Master ist die Zahl der Studienangebote in Deutschland rasant auf rund 15.000 gestiegen. Dass dadurch der Beratungsbedarf für Studienanfänger steigt, bestätigt auch Manuela Semmler, Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit. „Wir spüren in unseren Beratungsgesprächen, dass viele Jugendliche mit dem umfangreichen Studien- und Informationsangebot ihre Probleme haben.“ Dabei reiche die Bandbreite von Abiturienten, die sich bereits detailliert mit Fächern und einzelnen Modulen auseinandergesetzt hätten, bis hin zu Schülern, die noch gar keine Vorstellung von der Zeit nach dem Abitur hätten. „Mit der Umstellung auf Bachelor und Master stehen auch wir als Berater für akademische Berufe vor einer Herausforderung, weil eine ständige Weiterbildung über das zunehmende Angebot erforderlich ist“, sagt Semmler. Die Beratung der Arbeitsagentur ist regional organisiert, die Studienberater sind den einzelnen Ausbildungsstätten zugeordnet. „Wir setzen uns regelmäßig mit den jeweiligen Beratern an den Universitäten und Fachhochschulen zusammen, um das Beratungsangebot abzustimmen“, sagt die BA-Sprecherin.

Die „rücksichtslose Profilierungssucht“ der Hochschulen in Zeiten von Exzellenzinitiative und Forschungskonkurrenz ist für den Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (FZS) der Grund für die wachsende Unsicherheit der Studienanfänger. „Was früher ein BWL-Diplomstudiengang war, wird heute mit diversen internationalen Business-Abschlüssen angeboten“, sagt FZS-Vorstand Florian Keller. „Die Hochschulen wollen sich mit vielen schicken Titeln schmücken, obwohl inhaltlich dasselbe Studium angeboten wird. Studienanfänger verwirrt das natürlich.“

Immer mehr Abiturienten sollen auch studieren

Der Sprecher des Deutschen Hochschulverbandes (DHV), Matthias Jaroch, zieht einen weiteren Grund für die andauernden Schwierigkeiten mit der Studienwahl in Betracht: „Seit einigen Jahren herrscht der politische Wille, immer mehr Abiturienten ein Studium zugutekommen zu lassen“, erklärt Jaroch. „Da stellt sich natürlich die Frage, ob wirklich bei allen die Studieneignung überhaupt gegeben ist.“ Ähnlich sieht dies Franz Muschol, Leiter der Zentralen Studienberatung an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München: „Als ich vor 40 Jahren Abitur gemacht habe, erlangten gerade einmal 11 Prozent eines Jahrgangs die Studienberechtigung. Heute sind es 45 Prozent“, sagt Muschol. „Dass damit der Anteil derjenigen gestiegen ist, die mit der Studienwahl Schwierigkeiten haben könnten, ist wahrscheinlich.“

Zu den möglichen Gründen kommt die unvorhersehbare Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hinzu: Ein Fünftel der studienberechtigten Schulabgänger kann nach der HIS-Umfrage nicht abschätzen, welche Qualifikationen und Kompetenzen künftig wichtig sein werden. „Früher wählte man einen Arbeitsplatz fürs Leben, heute verlaufen Karrieren mit Kurven und Brüchen“, sagt Studienberater Muschol. Trotzdem erlebe er in den Beratungsgesprächen immer wieder, wie groß der Druck auf Studienanfänger sei, den Weg zum Spitzenjob perfekt zu planen. „Uns begegnen immer häufiger sogenannte Helikopter-Eltern, die schon seit Beginn des Kindergartens über der Bildungskarriere ihres Kindes kreisen.“ Unter solchen Bedingungen könne die Wahl eines Berufes und eines Studienfachs ja nur Kopfzerbrechen bereiten.

Nur die Ruhe

Auch eine schlechte Vorbereitung in der Schule kann die Studien- und Berufswahl erschweren. In der HIS-Umfrage gaben 71 Prozent der Befragten an, dass Angebote zur Planung des nachschulischen Werdegangs kein Bestandteil des Unterrichts waren. Und dort, wo es Angebote gab, wurden sie nur von der Hälfte der Befragten als hilfreich empfunden. „An vielen Schulen besteht Nachholbedarf“, urteilt Frauke Wille, Sprecherin der Bundesarbeitsagentur. „Die Studien- und Berufswahl müsste noch mehr Platz im Unterricht einnehmen.“ Zugleich werde die kompetente Vermittlung von Studienmöglichkeiten immer schwieriger. „Bildung ist Ländersache, die Hochschullandschaft ist zersplittert. Es fehlt uns eine Datenbank, die alle Informationen bündelt“, bemängelt Wille.

Derzeit wertet HIS-Forscher Heine eine neue Umfrage unter Studienberechtigten aus, deren Ergebnisse bald veröffentlicht werden sollen. „Alles deutet darauf hin, dass sich die Werte verbessert haben und weniger Studienberechtigte über einen mangelnden Informationsstand klagen“, berichtet Heine. „Trotzdem bleiben die Werte insgesamt auf einem schlechten Niveau.“ Gerade weil unzulängliches Wissen einer der Hauptgründe für spätere Studienabbrüche sei, müsse sich die Informationspolitik aller beteiligten Institutionen verbessern, fordert Heine.

Der Münchener Studienberater Muschol rät jungen Menschen, Ruhe zu bewahren und sich nicht verrückt machen zu lassen: „Niemand erwartet, dass man mit 18 Jahren den Verlauf einer Karriere bis zur Rente festlegt.“ Die Wahl eines Studienfachs sei mit dem Erwerb eines Segelscheins vergleichbar. „Nur weil man schon diesen Schein hat, ist man noch lange kein perfekter Segler“, sagt Muschol. „Seinen Kurs immer wieder anzupassen, gehört zum Leben und zum Studium dazu.“

Infos im Internet

Auf verschiedenen Seiten im Internet kann man sich zur Studien- und Berufswahl informieren. Dort findet man auch Datenbanken:

www.hochschulkompass.de

www.studienwahl.de

www.was-studiere-ich.de

www.studis-online.de/StudInfo/studieren.php

www.studieren.de

www.wege-ins-studium.de

www.bildungsserver.de

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