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Das Projekt „talc-me“ : Aus alten Texten für Europas Zukunft lernen

  • Aktualisiert am

Die Universität Mainz Bild: dpa

Das Projekt „talc-me“ soll Germanisten besser auf das Berufsleben vorbereiten und sie international vernetzen. Die Studenten sind begeistert.

          Die Reise hinaus aus dem „Elfenbeinturm“, so sagt er selbst, führte Michael Zerm am 6. März nach Olmütz. Er ist einer von vier Germanistikstudenten der Uni Mainz, die für das Projekt „talc-me“ in die tschechische Stadt geflogen sind. An der dortigen Universität treffen sie auf Germanisten unter anderem aus Spanien, Portugal, Italien und den Niederlanden. Noch bis zum 17. März arbeiten sie an verschiedenen Vorhaben. Mittelalterliche Brettspiele, Geschichten in altdeutscher Sprache auf Facebook, eigene Gedichte - vieles ist denkbar.

          „Talc-me“ soll den Studenten ermöglichen, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Für Michael Zerm ist das der Grund, warum er dabei ist. Die Theorie ist für ihn dieser Elfenbeinturm, aus dem die Germanistik ausbrechen muss. „Talc-me“ schaffe das, sagt er. Zerm, im dritten Semester seines Masterstudiums, darf an dem Projekt teilnehmen, weil er gute Leistungen gebracht hat. Er weiß: „Es werden Leute gesucht, die qualifiziert sind.“

          Ziel von „Talc-me“ ist es, vor allem Studenten mit dem Schwerpunkt Mediävistik - also Mittelalterforschung - international zu vernetzen und besser auf das Berufsleben vorzubereiten. Das Projekt läuft noch bis Ende August und soll in einen internationalen Masterstudiengang münden, der praktisch ausgerichtet ist. Beteiligt sind zehn Hochschulen aus Europa und drei weitere Partner, unter anderen die F.A.Z.

          „Die Studenten können oft mehr, als sie glauben“

          Stephan Jolie von der Universität Mainz koordiniert das Projekt. „Die Studenten haben viele Talente und können oft mehr, als sie glauben“, sagt er. Der Professor weiß um die Schwierigkeiten, die Germanisten nach dem Abschluss haben. Ihnen eile der Ruf voraus, nicht auf den Beruf vorbereitet zu sein. „Wir versuchen, den Studenten dabei zu helfen, ihr Profil zu schärfen.“ Sätze wie „Ich will irgendwas mit Medien machen“ sollen mit Inhalt gefüllt werden. Vor allem im Umgang mit Sprache und Kommunikation hätten Germanisten besondere Kompetenzen, sagt Jolie. „Das macht sie auch für die Industrie interessant.“

          Veranstaltungen wie die in Olmütz sollen dieses Bewusstsein stärken. Gleichzeitig sind sie Testläufe für den zukünftigen Studiengang. Vor einem Jahr trafen sich die Teilnehmer von „talc-me“ in Palermo, die Universität Mainz war unter anderen durch Leonie Höckbert vertreten. Sie und die übrigen Studenten nahmen an Seminaren teil und stellten ein Heft zusammen, in dem sie die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren. Höckbert weiß zwar noch nicht, was sie beruflich machen will, aber „talc-me“ habe ihr zumindest geholfen, „über den Tellerrand zu schauen“. Sie sagt: „Ich habe gelernt, wie ich Theorie und Praxis miteinander verknüpfen kann.“

          Seit 2010 unterstützt die Europäische Kommission das Projekt. Entstanden ist es aus einem Studienkonzept von 2002, das Forscher aus mehreren Ländern entwickelt hatten. Ihnen ging es darum, die Germanistik in einen europäischen Kontext zu setzen. John Greenfield, Mitentwickler des Konzepts und heute an der Universität in Porto zuständig für „talc-me“, hält das für unerlässlich. Nur so könnten Texte aus einzelnen Kulturen in ihrer Gänze analysiert werden. Stephan Jolie ergänzt, dass man aus dem Studium alter Texte viel über die Zukunft Europas lernen könne. „Die Studenten sollen verstehen, wie Europa zu dem geworden ist, was es heute ist.“ Gerade in Zeiten, in denen der europäische Einheitsgedanke in der Kritik stehe, sei das wichtig.

          lsoe.

          Quelle: F.A.Z.

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