03.06.2009 · Das christliche Netzwerk ist nicht nur eines der ältesten, sondern auch eines der größten der Welt. Es kann auch Studenten von der Hochschule ins Berufsleben tragen.
Von Anna LollEine Party an der Karl-Marx-Allee in Berlin: Die Musik ist wie überall elektronisch, die Lichter sind bunt und gedimmt. Ein paar Leute stehen im Kreis und unterhalten sich, andere halten sich an ihrem Bier fest. Ein ganz gewöhnliches Fest. Fast. Gleich neben dem Eingang steht ein junger Herr. Seine Jeans, das weiße Hemd und die selbstbewusste Haltung erfüllen alle Ansprüche an den Typ „erfolgreicher Young Professional“. Mit einem Lächeln streckt er die Hand aus. „Hallo, wie geht's?“, fragt er. „Ich bin Markus. Und du? Kann ich dir jemanden vorstellen?“ Die Party ist doch keine gewöhnliche Party, sondern ein Netzwerktreffen - und zwar ein christliches.
Das macht Sinn, denn immerhin sind rund zwei Milliarden Menschen auf der Erde Christen. Die christlichen Kirchen bilden potentiell nicht nur eines der größten, sondern auch eines der ältesten Netzwerke der Welt. An den deutschen Hochschulen finden sich christliche Studenten vor allem in sieben großen Studentenorganisationen zusammen. Hier wird nicht nur die Bibel gelesen und diskutiert. Angeboten werden auch berufsrelevante Kongresse, Fachgruppen und Auslandsprojekte. Evangelische und katholische Studenten haben außerdem die Möglichkeit, sich auf besondere Stipendien der Kirchen zum Beispiel zu bewerben. Überdies stellen manche Unternehmen gerne Christen ein. „Bei einem Christen vertraut man darauf, dass er Eigenschaften wie Ehrlichkeit, einen guten Umgang mit seinen Mitmenschen und Verantwortungsbewusstsein mitbringt“, sagt jedenfalls Tanja Kessel von der Personalvermittlung „Christen im Personal-Service“. Das schätzen natürlich viele Arbeitgeber. Christen müssten also gute Karten auf dem Arbeitsmarkt haben.
Unter Brüdern und Schwestern
Auf der Berliner Party sitzt mittlerweile auf einem großen roten Sofa ein weiterer Markus. Kein „Young Professional“ diesmal, sondern ein leitender Manager mit blauem Anzug und Krawatte. „Natürlich sind mir Christen meist sympathisch“, gibt er unumwunden zu. Er sei schließlich selbst einer. Aber jemanden nur seines Glaubens wegen einzustellen? Der Manager schüttelt den Kopf. Das könne er sich gar nicht leisten. „Wirtschaft ist Wirtschaft. Ohne Fähigkeiten und Leistungsbereitschaft gibt es keinen Ertrag“, sagt er. Komme aber ein Student aus seiner Kirchengemeinde mit der Frage auf ihn zu, wie er sich am besten bewerben könne, widme er sich ihm vielleicht schon etwas mehr als einem Nichtchristen. „Unter Christen steht man nicht einem Fremden gegenüber, sondern einem Bruder oder einer Schwester“, sagt Markus. „Egal ob man ihn schon kennt oder nicht, aus welchem Land er kommt, aus welcher Schicht oder wie alt er ist.“
Soziologen beschreiben diese Situation so: Christliche Netzwerke haben das Potential, dass in ihnen aus „schwachen“ Beziehungen leicht „starke“ werden. Martin Diewald, Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Bielefeld, erläutert das genauer: Als sogenannte schwache Beziehungen werden zum Beispiel flüchtige Bekanntschaften bezeichnet. Starke Beziehungen dagegen sind geprägt von einer intensiveren Verbundenheit und oft begleitet von langem persönlichem Umgang. Berufseinsteiger könnten solche Beziehungen beispielsweise für Empfehlungen nutzen. „Bestimmte Gefallen kann man nur von starken Beziehungen erwarten“, sagt Diewald.
Schwache Beziehungen hingegen wirkten sich vor allem dann positiv aus, wenn jemand Zutritt zu neuen Kreisen erlangen wolle. „Über sie kann er Informationen zu ihm noch unbekannten Welten bekommen, da sich bei schwachen Beziehungen der Erfahrungshorizont der Beteiligten wenig deckt“, formuliert der Soziologe den Sachverhalt. Das ist wichtig für Hochschulabsolventen, die für den Berufseinstieg ihr Hauptlebensumfeld - die Universität - verlassen müssen.
Aus allen Studienrichtungen und aus allen sozialen Schichten
Im Vergleich zu nichtkonfessionellen Gruppen wie den Alumni-Vereinen der verschiedenen Hochschulen oder Stipendiatennetzwerken haben christliche Gruppen die Besonderheit, dass sie aufgrund ihrer Größe und weiten Verzweigtheit sehr viele dieser „schwachen Beziehungen“ aufweisen. Christen kämen schließlich aus allen Studienrichtungen und sozialen Schichten, erläutert Diewald. Hinzu komme, dass unter ihnen aus Fremdheit schnell Vertrautheit werde, selbst wenn die persönliche Bekanntschaft gering sei - eine sehr vorteilhafte Kombination für erfolgreiches Netzwerken.
Das gilt nicht erst nach dem Examen und bei der Bewerbung, sondern schon im ersten Semester. Saskia Peau zog aus Berlin nach Kiel und fühlte sich in der meist wolkengrauen Stadt an der Ostsee anfangs ziemlich einsam. Dann aber lernte sie die „Jesus Freaks“ und die Studentenmission in Deutschland (SMD) kennen. „Es war toll, was die für uns gemacht haben: Partys für Erstsemester, Vorlesungen und Fahrrad reparieren“, berichtet die 28 Jahre alte Studentin. „Ich habe mich gleich aufgenommen und wohl gefühlt.“ Ein christliches Netzwerk habe einen besonderen Charakter, findet sie. Der Mensch stehe im Vordergrund, nicht seine Leistung. „Bei christlichen Gruppen geht es darum, was ich dem anderen geben kann. Dagegen geht es in anderen Netzwerken doch nur darum, was ich selbst abgreifen kann.“
Passen Christentum und Karriere überhaupt zusammen?
Für das berufliche Vorankommen ist Nächstenliebe allerdings nicht immer direkt förderlich. David Steingrüber etwa, der an der Berliner Universität der Künste studiert und aktives Mitglied in seiner Kirchengemeinde ist, hat zwar schon den einen oder anderen kleinen Auftrag von christlichen Gruppen bekommen. Allerdings war dabei meist Wohltätigkeit seinerseits gefragt. „Dafür Geld zu bezahlen, kommt den Leuten oft nicht in den Sinn“, sagt der Grafikstudent aus Süddeutschland. Nicht, dass ihn das bei seiner eigenen Gemeinde oder Freunden störe, zumal die Arbeit dann ja oft für einen guten Zweck sei. Doch für die Karriere komme es wahrscheinlich mehr darauf an, statt seiner Wohltätigkeit seine Leistung zu fördern, zum Beispiel bei einem Praktikum in einer guten Agentur.
Aber passen Christentum und Karriere überhaupt zusammen? Vom Klischee der Büchertische haben sich längst noch nicht alle christlichen Hochschulgruppen verabschiedet. Wer sich ihnen anschließt, gibt sich nicht gerade das Image eines „High Potential“. Nicht in jedem Fall sei es deshalb ratsam, die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gruppe im Lebenslauf anzugeben, sagt Tanja Kessel von „Christen im Personal-Service“. Sie warnt: „Manche Arbeitgeber teilen schließlich nicht die eigene religiöse Einstellung.“
Eine Art Schutzraum
Problematisch sei auch, wenn sich ein Netzwerk zu stark verschließe, ergänzt der Soziologe Martin Diewald. Werde die Frömmigkeit beispielsweise gegen das Leistungsprinzip ausgelegt, könne dies Mitglieder in der Gruppe in ihrem Vorankommen beschränken. Dann werde Verbundenheit zum Hindernis - doch hänge das natürlich vom jeweiligen Netzwerk ab.
Karrierehindernd sei die Studentenmission keinesfalls, sagt ihr Generalsekretär Gernot Spies. Nur seien Karrierehilfen in diesem Netzwerk eben eher Nebeneffekte. Vor allem wolle die SMD eine Art Schutzraum bieten, der wichtig für Studenten und Berufseinsteiger sei. Denn hier würden auch angstbesetzte Themen offen diskutiert: Leistungsdruck, Konkurrenz im Beruf, Ehrlichkeit - und die Grenzen des Karrierestrebens. „Es besteht bei uns die Möglichkeit, Mensch zu sein“, sagt Spies.
Als Karrierenetzwerk schlechthin gelten hingegen die katholischen Studentenverbindungen. Der Zusammenhalt in der Gruppe und der Wissensvorsprung der Alten Herren, wie in den Verbindungen die Alumni genannt werden, habe ihn sehr unterstützt, räumt Axel Willger ein. Als er über seiner Diplomarbeit saß und der Schreibprozess hin und wieder stockte, hätten ihm beispielsweise zwei Alte Herren hilfreiche inhaltliche Impulse gegeben. Wäre es ihm aber nur um die Karriere gegangen, betont Willger, dann hätte er sich ein anderes Netzwerk ausgesucht als die „Suevia Berlin“, mit der ihm zu Beginn seines Volkswirtschaftsstudiums an der Humboldt-Universität ein Bekannter in Kontakt brachte. „Ich dachte, dass Studieren doch nicht alles sein kann“, begründet der Achtundzwanzigjährige im Nachhinein seinen Beitritt. Heute arbeitet er am Europäischen Parlament in Brüssel als Referent. Damit habe die Verbindung aber nichts mehr zu tun; die Stelle habe er vielmehr nach einem Praktikum bekommen, um das er sich ganz allein bemüht habe. „Die Seilschaften sind nicht so lang, wie sie sich viele vorstellen.“
Links mit Kreuz
Evangelische Studentengemeinde: www.bundes-esg.de
Katholische Hochschulgemeinde (über das Forum Hochschule und Kirche): www.fhok.de
Studenten für Christus (überkonfessionell, tendenziell eher protestantisch): www.studenten-fuer-christus.de
Deutscher Christlicher Techniker-Bund: www.dctb.de
Studentenmission in Deutschland: www.smd.org
Die Navigatoren (evangelikal): www.navigatoren.de
Campus für Christus (evangelikal): www.cfc-online.org