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Chancengleichheit "Die feinen Mechanismen der Reproduktion"

20.09.2008 ·  Solange die persönlichen Vorlieben der Prüfer über Erfolg und Misserfolg an der Uni entscheiden, haben Arbeiterkinder schlechte Chancen, sagt der Konstanzer Hochschulforscher Tino Bargel. Deshalb fordert er stattdessen anonyme Tests und Klausuren.

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Herr Bargel, wieso entscheidet die soziale Herkunft mit darüber, ob Abiturienten ihr Studienticket nutzen oder nicht?

Zum einen spielt die finanzielle Belastung eine entscheidende Rolle, gerade für Kinder aus einkommensschwächeren Familien. Zum anderen hängt für Abiturienten die Sicherheit der Studienaufnahme davon ab, wie selbstverständlich sie in der Familie erachtet und vermittelt wird. Werden äußere Faktoren wie Entlassungen in der Wirtschaft dafür genau registriert, können sie sich zwischen die Wünsche der Abiturienten und die ihrer Familien stellen und die Entscheidung der jungen Menschen stark beeinflussen.

Arbeitnehmer mit akademischem Abschluss haben 2006 im Schnitt 64 Prozent mehr als Arbeitnehmer mit einer Berufsausbildung verdient. Warum zögern manche Familien dennoch, in den Bildungsaufstieg zu investieren?

Je nach sozialer Herkunft hat Geld einen unterschiedlichen Stellenwert in den Familien. Manche betrachten etwa das Bafög wegen seines Darlehensanteils als Schuldenmachen, was verpönt ist. Das ist einer der Gründe dafür, warum das Bafög bis heute zu wenige erreicht: Kinder aus der Arbeiterschicht nehmen es seltener in Anspruch als solche aus der Mittelschicht.

Was müsste sich ändern?

Zum einen müssten die Schulen frühzeitig den Eltern Beratungsgesprächen anbieten, um ihre Unkenntnis und die daraus resultierende Abwehr gegen ein Studium zu durchbrechen. Gefragt ist auch die Wirtschaft: Die Unternehmen müssten mit vernünftigen Programmen eine bessere Stipendienkultur ankurbeln. Nicht nur wegen der finanziellen Förderung, sondern auch wegen des ideellen Signals - wir brauchen Euch, wir wollen Euch.

Und was können die Hochschulen dazu beitragen?

Ein erster Schritt sind sicher die Tage der offenen Tür, mit denen sich die Universitäten im Vorgriff um die Studienanwärter kümmern. Beim Studienbeginn helfen Kennenlern-Abende der Fachschaften und mit den Professoren, die neuen Hochschulgänger einzubinden. Solche Treffen gibt es schon vielerorts, allerdings meist als einmaliges Ereignis. Um Wirkung zu entfalten, müsste es sie regelmäßig geben.

Müssen sich auch die Prüfungsverfahren an den Hochschulen ändern?

Je mehr die Prüfungen entpersonalisiert sind, desto gerechter werden sie allen Beteiligten. In Interviews sind den persönlichen Vorlieben des Prüfers Tür und Tor geöffnet - und damit auch den feinen Mechanismen der Reproduktion nach sozialer Herkunft. Wird die Leistung eher mit anonymen Tests und Klausuren gemessen, können Nicht-Akademiker-Kinder mehr Chancengleichheit erwarten. Schließlich sollte das Bildungsangebot an der Hochschule so gestaltet sein, dass kein Studierender eine Benachteiligung erfährt, sondern jeder ernst genommen und gefördert wird.

Tino Bargel ist Hochschulforscher an der Universität Konstanz.

Das Gespräch führte Uta Jungmann.

Quelle: F.A.Z.
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