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Chancengleichheit Auf starken Schultern an die Uni

20.09.2008 ·  An Deutschlands Hochschulen sind die Kinder von Arbeitern immer noch Exoten. Jetzt wollen Studenten und Dozenten dies gemeinsam ändern - mit einer Internet-Plattform und einem Mentoren-Netzwerk für Bildungsaufsteiger.

Von Uta Jungmann
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Mit ihren guten Noten und ihrem Einsatz als Basketball-Trainerin und Kirchenorganistin hätte Katja Urbatsch durchaus Chancen auf ein Stipendium gehabt. Doch als sie von der Friedrich-Ebert-Stiftung hörte, war ihr Grundstudium in Amerikanistik längst vorbei. „Von Stipendien habe ich erst gehört, als es für eine Bewerbung zu spät war“, sagt sie heute. Eine verpasste Gelegenheit. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt“, fügt Urbatsch hinzu. „Aber sie hatten kein Wissen über die Uni und ihre Strukturen, über Stiftungen, Hiwi-Jobs oder Tipps für die erste Hausarbeit.“ Oder darüber, wie sich die Frage mancher Verwandten kontern lässt: Wie lange das noch dauere mit dem Studium, mit dem man hinterher doch nur Taxi fahren könne?

Dennoch hat es die 29 Jahre alte Frau aus dem Kreis Gütersloh bis ins Graduiertenzentrum Gießen geschafft, wo sie jetzt über amerikanische Literatur promoviert. Aber die Hürden auf dem Weg dorthin beschäftigen sie bis heute. Denn die soziale Schere an den deutschen Hochschulen öffnet sich immer weiter: Von 1993 bis 2007 ist der Anteil der Studenten, die aus einem Akademiker-Haushalt kommen, von 49 auf 60 Prozent gestiegen – obwohl der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung sich kaum verändert hat. Sogar mit guten Noten ist die Studienaufnahme für Kinder aus Arbeiterfamilien nicht so selbstverständlich wie für Akademikerkinder, das belegt der Studierendensurvey des Bundesbildungsministeriums, für den Konstanzer Soziologen regelmäßig Studenten befragen. Eine Konsequenz dieser Schieflage ist, dass die Zahl der Akademiker in Deutschland nach Einschätzung der OECD zu langsam steigt, vor allem der Bedarf an Hochqualifizierten im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ist kaum zu decken.

Nicht nur die Studienfinanzierung und ungewisse Berufsaussichten halten Abiturienten vom Studium ab, oft werden sie auch zu Hause gebremst. „Kind, lern doch lieber was Handfestes!“, heißt es häufig. So sehen manche Eltern eher den Sprung ins Ungewisse als die Möglichkeiten, die sich mit einem Studium eröffnen. Umgekehrt steigt die Bildungsbereitschaft, wenn es akademische Vorbilder gibt. „Im Fach Medizin ist der Grad der Bildungsvererbung derzeit am höchsten – 66 Prozent der Studenten haben zumindest einen Elternteil mit Universitätsabschluss“, sagt etwa der Hochschulforscher Tino Bargel. Damit mehr Bildungsaufsteiger ein Studium wagen, fordert er ein Unterstützungssystem, etwa Beratungsgespräche für die Schüler und ihre Eltern an den Schulen. (Warum auch anonyme Tests zur Bildungsgerechtigkeit beitragen, erklärt Bargel im Interview mit Tino Bargel.)

Auch Katja Urbatsch hat darüber nachgedacht, wie sich das Ungleichgewicht abbauen lassen könnte. „Indem man das Informationsdefizit ausgleicht, den persönlichen Kontakt sucht und das Selbstbewusstsein der Leute stärkt“, zählt sie ihre Ideen auf. Im Mai hat sie dafür die Initiative www.arbeiterkind.de gegründet – gedacht für alle, deren Eltern nicht studiert haben. Die Plattform im Netz bündelt praktische Hinweise: Wie man einen Studienplatz findet, was das studentische Leben kostet, wie man Bafög beantragt. Überdies gibt das Portal Denkanstöße dazu, welche Vorteile ein Studium bietet oder wie sich den Vorurteilen der Verwandten begegnen lässt.

Hinzu kommt ein Freiwilligen-Netzwerk, zu dem Studenten höherer Semester, Absolventen und Professoren verschiedener Fachbereiche gehören. Sie sollen Studieninteressierten Mut machen und ihnen helfen, sich an der Hochschule zurechtzufinden. „370 Mentoren an 60 Orten gibt es inzwischen“, berichtet Urbatsch. Fragen beantworten sie mit einer persönlichen E-Mail, im Online-Forum, auf Wunsch auch beim Kaffee an der Uni. Ihre Stärke: Sie wissen genau, was sie selbst gebraucht hätten, um ihre eigenen Probleme besser lösen zu können.

„Andere haben anfangs ganz unbefangen die Professoren etwas gefragt“, berichtet etwa Marcus Große aus Jena über seine ersten Tage an der Hochschule. „Das hätte ich niemals getan, schon aus Respekt vor ihrer vielen Arbeit und ihrem Wissen.“ Heute steht der Sohn eines Monteurs kurz vor dem Physik-Diplom. Erst mit den ersten guten Noten habe er gemerkt, dass man auch mit Professoren normal reden kann. Jetzt will er als Mentor Schülern die Labors zeigen und sie in Vorlesungen mitnehmen. Noch etwas will er Neulingen beibringen. „Bloß nicht wegen einer vermasselten Klausur zweifeln, ob man an der Uni richtig ist“, rät er. „Besser holt man mit anderen zusammen die Lücken auf und schafft es im nächsten Semester.“ Einmal zu scheitern gehöre dazu. „Natürlich hat man ohne Rücklagen aber mehr Druck, als wenn die Eltern finanziell helfen können.“ Große selbst bezieht Bafög, mit der Betreuung einer Datenbank verdient er etwas dazu.

Auch die akademische Sprache wirkt auf manche einschüchternd. „Aus dem Gefühl heraus, sich nicht gewählt genug ausdrücken zu können, sind Arbeiterkinder im Seminar anfangs häufig stiller“, sagt Katja Urbatsch. „Das heißt aber nicht, dass sie weniger draufhaben.“ Um das zu zeigen, müssen sie aber die nötigen Fachvokabeln trainieren, sagt Kathleen Posvic. „Mit der Zeit kennt man typische Uni-Wörter wie ,adaptiert‘ und ,antizipiert‘“, versichert die 22 Jahre alte Studentin, die am Schreibzentrum der Göttinger Soziologen andere Studenten beim Aufbau von Hausarbeiten berät. „Manchmal hilft es nachzufragen, was eigentlich gemeint ist.“ Fährt sie nach Wolfsburg zu ihren Eltern, einem Maurer und einer Steuerfachgehilfin, lässt sie die Fremdwörter freilich weg. Dann wechselt sie in ihren „Nach-Hause-Code“, sagt sie.

Dieser Wechsel zwischen den Ebenen ist ihr aber nicht immer so locker gelungen, gibt Posvic zu. „Als ich mich um zwei Stipendien beworben habe, wusste ich nicht mit der Situation umzugehen“, berichtet sie. „Das war eine völlig fremde Welt.“ Eine Umfrage der Studienstiftung des deutschen Volkes legt nahe, dass sie damit kein Einzelfall ist: Nur ein Viertel ihrer Stipendiaten kommt aus Nichtakademiker-Haushalten. Auf den „Arbeiterkind-Seiten“ berichten nun auch Stipendiaten aller großen Stiftungen von ihren Erfahrungen. Sie schildern, worauf sich Bewerber vorbereiten müssen und wie sie den Prüfern gegenüber auftreten können.

Der Mikrobiologe Eckhard Boles etwa scheiterte vor einigen Jahren im Auswahlgespräch für die Studienstiftung. Zum Professor in Frankfurt hat er es trotzdem gebracht, er forscht zu Biotreibstoffen der zweiten Generation. Gefehlt hat ihm das Stipendium aber schon. „Das Geld hätte es uns erleichtert, mein Zimmer in Köln zu bezahlen“, bedauert er. „Dafür hat mein Vater samstags Überstunden geschoben.“ In den Semesterferien stellte er sich auch selbst an die Werkbank. „Zum Glück gab es damals noch keine Studiengebühren. Meine Eltern hätten dafür nie Schulden gemacht – oder mich welche machen lassen“, betont er.

„Die Elitenbildung an der Uni sollte unabhängig von der sozialen Herkunft sein“, begründet Boles sein Engagement als Mentor der Initiative. Ob sich diese Hoffnung erfüllen wird, steht auf einem anderen Blatt. „Wenn mehrere Bewerber die Messlatte für eine Stelle überspringen, kommen meist andere Vorlieben der Auswählenden zum Tragen – etwa, ob ein Bewerber ihre Wertewelt teilt und damit ins Team passt“, gibt der Psychologe und Unternehmensberater Michael Lorenz von der Managementberatung grow.up zu bedenken. Mit Blick auf das Potential von Führungskräften jedoch sieht er nicht nur Nachteile darin, in der Karriere auf Hürden zu stoßen und so zu lernen, sich selbst zu behaupten. „Menschen, die gegen Widerstände arbeiten, bauen Muskeln auf“, sagt er. „Solange die Widerstände nicht unüberwindlich sind.“

Katja Urbatsch und ihre Mitstreiter setzen sich nun für niedrigere Hürden ein. „Das ist auch eine Antwort auf die Bildungsdiskussion der letzten Jahre, eine praktische und pragmatische“, findet sie. Von diesem Herbst an wollen die „Arbeiterkind“-Mentoren auch an die Gymnasien gehen und dort Studierwillige Richtung Hochschule lotsen. Die Vorträge und Workshops sollen für alle künftigen Abiturienten offen sein, betont Urbatsch. „Studienwahl und -finanzierung interessieren in der Oberstufe ja auch Akademikerkinder.“

Das Förderprogramm Studienkompass will Schüler aus nichtakademischem Elternhaus fit machen fürs Studium. Mehr unter: www.studienkompass.de

Die Böckler-Stiftung unterstützt Talente aus bildungsfernen Familien mit Stipendien. Details unter: www.boeckler.de

Ab 2009 will die Studienstiftung des Deutschen Volkes Selbstbewerbungen zulassen und einen bundesweiten Begabungstest anbieten. Mehr unter: www.studienstiftung.de

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