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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Bummeln im Studium Ein Lob der Langsamkeit

 ·  Immer mehr Studenten sehen die Universität als Wettlaufarena. Aber auch Bummeln hat Vorteile. Im besten Fall reift dabei die Persönlichkeit. Darüber freuen sich Arbeitgeber mehr als über 22 Jahre alte Absolventen.

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Die Trauben, die im Herbst als erste geerntet werden, verarbeitet der Winzer zum billigsten Wein. Die Spätlese verspricht einen feineren Geschmack, und die Reben für die süßen, teuren Eisweine werden sogar bis in den Januar geerntet. Für den Winzer besteht dabei zwar auch ein Risiko, den Großteil der Ernte zu verlieren, denn manche Traube verfault. Ein Begriff aus der Önologie, der Lehre vom Weinanbau, könnte auch Studenten interessieren, die schon viele Semester an der Hochschule verweilen: Edelfäule. Auf den ersten Blick sieht eine edelfaule Traube runzlig aus, doch dem Winzer bringt sie Kammerpreise und Geld.

Nun vom Obst zum Menschen: Felix Stadelheimer, Name geändert, in Frankfurt einer der Jahrgangbesten unter den Volkswirten, ist trotzdem seit drei Jahren in der Praktikumsschleife. Die Banken sagen ihm im Abschlussgespräch immer, er sei fachlich zwar sehr gut, passe jedoch „menschlich nicht ins Team“. Es ist frustrierend: Er hat schnell und effizient studiert, und trotzdem geriet schnell Sand in das Getriebe seiner Karriere. Mehr Zeit ließ sich Jochen Hermann. Er war im Alter von 27 Jahren Diplom-Volkswirt, studierte aus Interesse am Fach und Desinteresse am Berufseinstieg noch Geographie. Seine Diplomarbeit schrieb er über chilenische Weinbauern. Mit Mitte 30 wurde er nach einer entsprechenden Ausbildung SAP-Berater und arbeitet heute, Jahre später, gut verdienend in einem großen Konzern.

Musterschüler scheitern, vermeintliche Bummelstudenten finden spät den Weg nach oben. Solche Einzelfälle sind zwar nicht repräsentativ, aber geben ein Gespür dafür, dass die Studiendauer allein wenig über Berufschancen aussagt. Trotzdem ist zu beobachten, dass die Studenten in den Bachelor- und Masterjahrgängen fest an die Relevanz dieses Kriteriums glauben. Niemand will im harten Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze mit unterdurchschnittlichen Leistungen dastehen. Und die beiden objektivierbaren Kriterien, Studiennoten und eben die Dauer, werden als wichtige Stellschrauben angesehen. Es wirkt so, als mildere es für die Studenten die Zukunftsunsicherheit ab, wenn sie sich an vermeintlich objektiv gültige Zugangskriterien für die Berufswelt halten.

Nur ein zweitrangiges Kriterium

Wer diesen Wettlauf im Innersten nicht mitmachen will, sollte das einfach sein lassen (wenn er es sich finanziell leisten kann). Denn die Wirtschaft betont, dass die Studiendauer nur ein zweitrangiges Kriterium in der Einstellungspraxis sei. Der deutsche Industrie- und Handelskammertag befragt dazu regelmäßig seine Mitgliedsunternehmen. „In erster Linie zählen andere Qualifikationen, und zwar persönliche und fachliche“, sagt Referent Kevin Heidenreich. „Wenn die Zeit sinnvoll genutzt wird, zum Beispiel für Praktika oder ein Ehrenamt, dann darf das Studium auch etwas länger dauern.“

Kürzlich veröffentlichte das Institut CRF eine Umfrage, die ergab: Alle möglichen Kriterien, selbst Kreativität, galten den befragten Unternehmen im Jahr 2009 als wichtig bei der Personalauswahl. Aber nur 3 Prozent der 105 befragten Unternehmen legten Wert auf eine kurze Studiendauer. Die „Bild“-Zeitung druckte das erstaunliche Ergebnis auf der Titelseite ab, links neben dem Seite-1-Mädchen.

Als wichtigstes Einstellungsmerkmal wurde die Persönlichkeit des Bewerbers genannt, und zwar von 88 Prozent der Unternehmen. Womöglich hängt beides miteinander zusammen, die vielen Nennungen der Persönlichkeit und die wenigen der Studiendauer. Denn eine Persönlichkeit braucht oft Zeit zum Reifen, und ein allzu sportlich absolviertes Studium lässt diese Zeit nicht.

Die Jugend könnte zum Einstellungshindernis werden

Wenn bald Fünfjährige eingeschult werden und nach zwölfjähriger Schulzeit und acht Semestern Studium im Alter von 22 Jahren Unternehmensberater, Rechtsanwalt oder Journalist werden wollen, könnte die Jugend der Bewerber, so exzellent ihre akademische Vita auch ist, für manches Unternehmen sogar zu einem Einstellungshindernis werden. Das sagen zwar die Industrie- und Handelskammern so nicht. Denn grundsätzlich sind sie froh, dass nicht erst seit den Bologna-Reformen die durchschnittliche Studiendauer sinkt. Im Mittel dauerte das Erststudium in Deutschland viel länger als in anderen Ländern. Die Dauer sank laut Statistischem Bundesamt seit 2000 bis 2008 im Durchschnitt um ein Jahr auf 9,6 Semester.

Nicht die reine Länge des Studiums trägt zum Reifen der Persönlichkeit bei. Aber das, was nebenher stattfinden kann: Nebenjobs, Berufserfahrung, Auszeiten. Viele Arbeitgeber wollen selbstbewusste Mitarbeiter. Und Selbstbewusstsein kann sich auch aus der Erfahrung speisen, nach Zweifeln und Krisen aus eigener Kraft wieder Wege und attraktive Ziele gefunden zu haben.

Personalmanger nennen es „Employability“

An der privaten Wirtschafts-Kaderschmiede EBS, der European Business School in Oestrich-Winkel, wissen sie das längst. Deshalb zählen an der EBS Praxiserfahrungen – mit Ausnahme eines „Zweifelsemesters“ – für alle Studenten zum Pflichtprogramm. Bei trotzdem sehr beschleunigtem Studienprogramm, versteht sich. In vielen studentischen „Ressorts“, die Austausche, Partys oder Wohltätigkeiten organisieren, müssen sich die Studenten neben dem Studium engagieren. „Employability“ heißt der entsprechende Begriff der Personalmanager: Zertifikate und Zensuren allein sind für Unternehmen nicht sehr aussagekräftig. Das Gesamtbild entscheidet über die Arbeitstauglichkeit.

Für ihren Master-Abschluss inklusive der integrierten Ehrenamtexpertise an der EBS zahlen die Studenten mehr als 50.000 Euro. Alle Studenten staatlicher Hochschulen können ihre „Employability“ kostenlos steigern: in Fußballvereinen, Kirchen, als Kleinunternehmer neben dem Studium, der bei Ebay mit japanischen Angelködern handelt. Oder auf einer Weltreise.

Selbst die Hochschule für Weinanbau in Geisenheim, die viel von Eiswein verstehen sollte und von Edelfäule, verspricht ihren Absolventen heute eine kürzere Studiendauer. Und auch dafür, schnell zu studieren, gibt es gute Gründe: Etwa, dass Studenten die Universität im Zeitalter der Evaluierungen, Credit Points und Berufsmessen unerträglich finden und sie schnell wieder verlassen wollen. Oder dass der Student seinen Platz im Leben sieht.

Anders als der Langzeitstudent, der an der Universität Bonn immatrikuliert ist. Über den 52 Jahre alten Germanistikstudenten ist zu lesen, dass er bereits seit 62 Semestern eingeschrieben ist. Einige Professoren, deren Seminare er besuchte, sind schon tot. Da an der Universität Bonn nur noch bis 2012 Magisterprüfungen abgenommen werden, muss sich dieser Langzeitstudent nun sputen. Dieser Studententypus wird damit wohl aussterben. Zumindest als Antithese zu den vielen jugendlichen Wettlauf-Studenten, die immer jünger Karriere machen wollen, wäre es wichtig, wenn auch künftig Menschen wie der Bonner Germanist an deutschen Universitäten eine Nische finden dürften.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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