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Büffeln und Bewegung Fit oder fett

19.09.2008 ·  Um die Gesundheit deutscher Studenten ist es schlecht bestellt. Viele greifen zu oft zu Alkohol und Tabletten, außerdem essen die meisten von ihnen falsch. Trotzdem hält die Mehrheit sich selbst für gesund genug.

Von Florian Vollmers
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Der Student zeigt ein entspanntes Lächeln wie aus der Zahnpastawerbung, dabei sollten ihm eigentlich Schweiß und Falten auf der Stirn stehen: Er pumpt Liegestütze und blickt dabei auf den Laptop, der vor ihm steht. Er treibt also Sport - und büffelt zugleich für sein Studium. So sieht es zumindest auf dem Gewinnerplakat des Design-Wettbewerbs "Fit durchs Studium" aus, den das Deutsche Studentenwerk ausgeschrieben hat und an dem sich bis Mitte dieses Jahres mehr als 200 Nachwuchsgestalter beteiligt haben.

Entworfen hat das Motiv Lena Müller. Sie ist 23 Jahre alt und studiert Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste in Berlin. Ihre Plakatidee will sie durchaus ironisch verstanden wissen. "Sicher verlangen die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge den Studierenden mehr ab, aber die meisten von uns führen doch insgesamt ein angenehmes Leben", sagt sie. Mit dem sportlichen Büffler wolle sie zumindest zu etwas mehr Bewegung aufrufen. "Viele Studenten sind phlegmatisch, hängen viel rum", lautet ihre wenig schmeichelhafte Diagnose.

Andreas Marterer sieht das anders: Auch mit seinem Plakatentwurf landete der ebenfalls 23 Jahre alte Design-Student aus Braunschweig auf dem doppelt vergebenen ersten Platz des Wettbewerbs. "Viele Studenten powern die Nächte durch und lernen für Prüfungen oder bereiten Präsentationen vor", sagt Marterer. Sein Entwurf zeigt deshalb das Symbol für einen fast leeren Akku, darunter steht "Aufladen nicht vergessen!" Ausgleich und regelmäßige Pausen müssten während eines Studiums drin sein, findet Marterer. "Ein Studium schafft man auch heute noch, ohne sich kaputtzumachen."

Um die Gesundheit der Studenten schlecht bestellt

Wie fit kommt man durchs Studium? Glaubt man einer Studie des Fachbereichs Medizin an der Universität Marburg, die im April veröffentlicht wurde, ist es um die Gesundheit deutscher Studenten schlecht bestellt. Nur zwei Prozent von ihnen leben demnach wirklich gesund: Sie treiben viel Sport, rauchen und trinken nicht und essen täglich fünf Portionen Obst und Gemüse. 62 Prozent bekannten sich dagegen in der Umfrage zu regelmäßigen Alkoholkonsum, 31 Prozent rauchen. Nur zwei von fünf Befragten gaben an, mindestens dreimal in der Woche 20 Minuten lang Sport zu treiben. "Mehrfache Gesundheitsrisiken kommen bei Studenten öfter vor als bei vergleichbaren Personengruppen", resümiert Professor Heinz-Dieter Basler, der die Studie durchgeführt hat. "Die Ergebnisse zeigen, dass der Prävention ein höheres Gewicht zukommen muss."

Alarmierende Ergebnisse brachte im vergangenen Januar auch eine Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim hervor. Danach konsumieren 44 Prozent der männlichen und 19 Prozent der weiblichen Studenten regelmäßig Alkohol in einer schädlichen Höhe und vernachlässigen darüber ihre Arbeit. "Es liegt ein beachtliches Risiko für Alkoholmissbrauch bei Studierenden vor", erklärt der Studienleiter Josef Bailer von der Universität Mannheim. Ursachen seien neben einem generell steigenden Alkoholkonsum in Europa die höheren Anforderungen an die Studenten.

Das Bild vom trinkfesten Studenten, der, statt in die Lehrbücher zu schauen, sich regelmäßig Saufgelagen hingibt, geht auf Trinksitten zurück, die spätestens um 1815 in studentischen Verbindungen entstanden sein dürften. Nach dem sogenannten Biercomment trank man damals "Schmollis", wenn man sich die Duzfreundschaft anbot, oder rieb beim "Salamander" geräuschvoll die Gläser auf dem Tisch, bevor man auf Kommando lostrank. Wozu das führte, beschrieb die Zeitung "Vorwärts" 1892: "Wer hat diese nicht schon durch die Straßen der Universitätsstädte stolzieren sehen, jene schneidigen Jünger der Wissenschaft mit ihren aufgedunsenen Gesichtern und ihren feinen Rohrstöckchen, mit denen sie nachts, wenn sie aus ihren Kneipen kommen, wo sie ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit vollständig verlustig gegangen sind, die Laternen einschlagen und die friedlichen Bürger belästigen?"

Hohe psychische Belastung

Der ungesunde Alkoholmissbrauch heutiger Studenten dürfte seine Wurzeln jedoch weniger in den Sitten studentischer Burschenschaften haben. Eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse, die Anfang dieses Jahres veröffentlicht wurde, stellt "eine relativ hohe psychische Belastung von Studenten" fest. Sie greifen auch häufiger zu Tabletten als ihre nicht studierenden Altersgenossen. Der Untersuchung zufolge haben Studenten im Alter von 20 bis 34 Jahren für fünf Tage im Jahr Antidepressiva verschrieben bekommen, Berufstätige in diesem Alter jedoch nur für 3,5 Tage. Bei den Studenten machten die Psychopharmaka fast zehn Prozent der insgesamt verordneten Medikamente aus, bei den Erwerbstätigen nur knapp sechs Prozent.

"Eine genauere Betrachtung der Daten zeigt, dass viele Studenten vor allem im mentalen Bereich gesundheitliche Beschwerden haben", sagt Christoph Straub, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse. Die wichtigsten Ursachen seien Zeitdruck, Hektik an der Hochschule und fehlende Rückzugsmöglichkeiten. "Hieraus ergeben sich erste Ansätze, wo Gesundheitsmanagement an den Hochschulen ansetzen sollte."

Zunehmende Verschulung der Unis und Fachhochschulen, vollgestopfte Stundenpläne, Klausurenmarathon und Studiengebühren - um dem daraus resultierenden Stress vorzubeugen, fordern Gesundheitsexperten wie Christoph Straub oder Heinz-Dieter Basler von der Uni Marburg einen universitären Gesundheitsdienst nach amerikanischem Vorbild. Sie wünschen sich Anlaufstellen, die Informationen über einen gesunden Lebenswandel bereithalten und mit Aufklärungsaktionen an die Studentenschaft herantreten. Fragt man auf dem Campus herum, sieht die Lage aber längst nicht so dramatisch aus: 10 Prozent aller Studenten schätzen ihren Gesundheitszustand selbst als "ausgezeichnet" ein, 34 Prozent als "sehr gut" und 40 Prozent immerhin noch als "gut" - zusammen 84 Prozent, die sich gesundheitlich nicht "weniger gut" oder gar "schlecht" fühlen. Das ergab zumindest der "Gesundheitssurvey für Studierende in Nordrhein-Westfalen" der Universität Bielefeld. Zugleich gaben aber auch 40 Prozent der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten unter Konzentrationsschwierigkeiten gelitten zu haben, 38 Prozent klagten im selben Zeitraum über Nervosität, 37 Prozent über Rückenschmerzen. "Studierende sollten als Zielgruppe für Gesundheitsförderung erkannt und der Lebensraum Hochschule gesundheitsförderlich gestaltet werden", sagt deshalb Sabine Meier, die Leiterin der Studie.

Und der Durchschnitt der Bevölkerung?

Um die tatsächliche Gesundheitsgefährdung deutscher Studenten zu beurteilen, müsse man genauer auf die Durchschnittswerte der Gesamtbevölkerung schauen, wendet Isabelle Keller ein. Sie ist Ernährungswissenschaftlerin und arbeitet für die Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). "Die Ergebnisse der veröffentlichten Studien weisen nicht darauf hin, dass Studierende gesundheitlich auffallen, sondern eher darauf, dass sie ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft sind."

Keller weist darauf hin, dass 60 Prozent der deutschen Studenten einen normalen Körpermasse-Index (BMI) verfügen, eine Maßzahl zur Beurteilung des Körpergewichts. In der Gesamtbevölkerung verfügen dagegen nur 55 Prozent über einen normalen BMI. "Das zunehmende Übergewicht ist nach wie vor das größte gesundheitliche Problem unserer Gesellschaft, nicht nur der Studenten", sagt die Ernährungswissenschaftlerin.

Dass Fitness als beherrschendes Thema in der deutschen Studentenschaft angekommen ist, glaubt hingegen David Malcharczyk, der Asta-Referent der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. "Hinter diesem Hype stecken natürlich auch wirtschaftliche Interessen der Fitness-Industrie und der Krankenkassen, die Studierende als neue Zielgruppe anpeilen." Einschlägige Studien und Fitness-Aktionen an den Hochschulen trügen dazu bei, die Bilder durchtrainierter Männer und superschlanker Frauen präsent zu halten. "Doch die Mehrheit der Studierenden wird sich davon auf Dauer nicht beeindrucken lassen."

Was die Experten raten

Speziell für Studenten hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung diese Ernährungs-Tipps formuliert:

  • Essen Sie ausreichend Obst und Gemüse: Fünf Portionen à 125 Gramm am Tag werden empfohlen, wobei drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst die ideale Verteilung darstellen.
  • Nehmen Sie ausreichend Flüssigkeit zu sich: Mindestens 1,5 Liter kalorienarmer Getränke am Tag beugen Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche vor.
  • Sorgen Sie für körperlichen Ausgleich zum Studium: Mindestens 3,5 Stunden Bewegung pro Woche werden empfohlen.
  • Geben Sie der Ernährung in Lernphasen einen höheren Stellenwert: Planen Sie den Tagesablauf vorab, und halten Sie bewusst Pausen ein, um Lebensmittel einzukaufen und das Essen selbst zuzubereiten.
  • Vermeiden Sie den Griff zum „Futter für die Seele“: Halten Sie Schokoriegel und Kartoffelchips nicht auf Vorrat zu Hause - zumindest der Fußweg zum nächsten Kiosk sollte ein erstes Hindernis darstellen.

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