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Ärztemangel : Mediziner Marke Eigenbau

  • -Aktualisiert am

Raum für Gedanken: Die Studenten der neuen Medizinischen Hochschule leiden nicht gerade unter Platzmangel. Bild: Foto Eric Hoffmann

Gemeinsam gegen den Ärztemangel: Kliniken in Brandenburg bringen die erste Medizinische Hochschule des Landes auf den Weg. Sie lockt mit ungewöhnlichen Angeboten.

          Internisten? Würde Wilfried Pommerien sofort einstellen. Krebs-Spezialisten? Ebenfalls. Auch ein Radiologe fehlt in seinem Krankenhaus, examinierte Krankenpfleger, Nachwuchs in der Allgemeinmedizin. „Eigentlich haben wir in allen Bereichen Bedarf“, sagt er. Pommerien ist Chefarzt des Zentrums für Innere Medizin am Städtischen Klinikum Brandenburg an der Havel. Die Lage der meisten Städte hier erklärt man am einfachsten mit ihrer Entfernung zu Berlin: Bei Brandenburg an der Havel sind es knapp 90 Kilometer. Die Stadt hat gut 70 000 Einwohner und vier Krankenhäuser, was in dieser Region ungewöhnlich ist. Im gesamten Bundesland sieht es in vielen Orten deutlich schlechter aus: Rund 170 Klinikärzte und mehr als 70 Haus- und Fachmediziner fehlen in Brandenburg. In vielen Dörfern müssen Bewohner etliche Kilometer zurücklegen, bis sie die nächste Arztpraxis erreichen. Und das, obwohl es immer wieder Landärzte gibt, die auch nach Erreichen des Rentenalters weiterarbeiten.

          Bis vor kurzem war Brandenburg auch das einzige deutsche Flächenbundesland ohne eigene medizinische Fakultät. Abgesehen von der Anziehungskraft der Großstädte, war die fehlende Ausbildungsstätte sicher ein Grund für den Mediziner-Mangel. Der Nachwuchs kam in der Regel aus Europas größter Uniklinik, der Charité, in eines der elf Brandenburger Lehrkrankenhäuser. Rund 100 Mediziner absolvierten hier jedes Jahr ihre praktische Ausbildung - aber immer weniger von ihnen blieben. 2013 waren es nur noch 43. Zu wenig, um eine flächendeckende ärztliche Versorgung zu garantieren.

          Wilfried Pommerien und viele seiner Kollegen störte das schon lange. 2011 gründete seine Klinik schließlich gemeinsam mit den Ruppiner Kliniken Neuruppin und dem Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg eine Projektgruppe, aus der die Medizinische Hochschule Brandenburg, kurz MHB, hervorging. Ganz allein wird sie den Ärztemangel in Brandenburg zwar nicht beseitigen, „aber sie kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten“, sagt Pommerien, der weiterhin Chefarzt in Brandenburg an der Havel und Prodekan für Studium und Lehre an der MHB ist. Nach vier Jahren Vorbereitungszeit haben für die ersten 48 Studierenden im April Vorlesungen und Seminare an der MHB begonnen.

          Genau zur richtigen Zeit

          Einer von ihnen ist Marius Eisert, 19 Jahre alt, Berufswunsch Orthopäde. Die ersten zwei Jahre verbringt er gemeinsam mit seinen Kommilitonen auf dem Campus in Neuruppin, dem Haupt- und Verwaltungssitz der Hochschule. Danach geht es im rund 100 Kilometer entfernten Brandenburg an der Havel und vom siebten Semester an auch in den Kooperationskliniken der Hochschule weiter. Schwierig war für Eisert in der 30.000-Einwohner-Stadt Neuruppin anfangs die Wohnungssuche. „Viele Vermieter waren es nicht gewohnt, dass die Leute sich eine Wohnung als WG teilen wollten. Das gab es hier vorher nicht so viel“, erzählt er. Inzwischen hat aber jeder eine Unterkunft gefunden, und es gibt sogar ein kleines Studentenwohnheim.

          Für Eisert kam die Eröffnung der Hochschule zur richtigen Zeit. Im vergangenen Sommer hat er sein Abitur absolviert, mit seinem Zweier-Durchschnitt schaffte er zwar ein gutes Ergebnis - für einen Platz in einem Medizin-Studiengang hat es aber trotzdem nicht gereicht. Weil die MHB nicht vom Land Brandenburg, sondern von den drei Gründerkliniken und weiteren Krankenhäusern der Region finanziert wird und damit eine private Hochschule ist, durfte sie auch die Auswahlkriterien für die Studierenden selbst festlegen. „Wir wollten Menschen finden, die ernsthaftes Interesse am Arztberuf haben und sich langfristig auch ein Leben hier auf dem Land vorstellen können“, sagt Wilfried Pommerien. Die Gründerkliniken entschieden sich deshalb gegen eine reine Noten-Auslese. Stattdessen mussten Bewerber ein Motivationsschreiben verfassen und einer Jury Fragen persönlich beantworten.

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