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Bologna Vor der Reform ist nach der Reform

27.04.2009 ·  Fast alle Studiengänge sind umgestellt, aber die Bildungspolitiker setzen den „Bologna-Prozess“ unverdrossen fort. Die Wünsche der Studenten kommen in ihren Beratungen meistens zu kurz.

Von Sebastian Balzter
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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel - Fußballer kennen diese Trainerweisheit seit Sepp Herbergers Tagen, und Generationen von Studenten ist das Prinzip aus der vermeintlich ewigen Folge von Hausarbeiten und Klausuren vertraut. Jetzt aber gilt es für das gesamte Hochschulsystem. Bis zum Jahr 2010, das haben die Bildungsminister aus 26 europäischen Ländern vor zehn Jahren in Bologna verabredet, sollten zweistufige Studiengänge und Abschlüsse mit über die Grenzen hinaus verständlichen Bezeichnungen eingeführt werden. In Deutschland ist dieses Ziel nahezu erreicht, außer in der Mediziner-, Juristen- und Lehrerausbildung gibt es fast nur noch Bachelor- und Masterstudiengänge.

Der „Bologna-Prozess“ soll trotzdem nicht zu Ende gehen. Darüber sind sich die Bildungsminister von inzwischen 46 Ländern einig, die sich in diesen Tagen in der belgischen Universitätsstadt Leuven treffen. „Nach der Reform ist vor der Reform“ lautet deshalb das Fazit des Hochschulforschers Martin Winter in seiner frischgedruckten „Zwischenbilanz“ zum Thema. Das ursprüngliche Ziel der unendlichen Reform jedoch ist kaum mehr zu erkennen, und auf eine Korrektur ihrer Fehlschläge hoffen nur noch Optimisten.

„Zu unübersichtlich“

„Mir ist das Programm zu unübersichtlich“, dämpft etwa Anja Gadow vom Freien Zusammenschluss der Studentenschaften (FZS) die Erwartungen. Anderthalb Tage mit Plenarsitzungen, Foren und Workshops sind geplant, um eine Bestandsaufnahme und um die „soziale Dimension“ des Bologna-Prozesses soll es vor allem gehen, am Ende wird ein Kommuniqué verabschiedet werden. Gadow wird als einzige Studentin in der insgesamt sechsköpfigen deutschen Bologna-Delegation nach Leuven reisen, außerdem entsenden die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bildungsministerium ihre Vertreter - und deren Stimmen werden ihrer Ansicht nach den Ausschlag geben. „Unsere Anliegen werden zwar ernst genommen“, sagt Gadow, „aber im Endeffekt entscheiden die KMK und das Ministerium.“

Der FZS ist auch in der deutschen „Bologna-Follow-up-Group“ vertreten. Doch auch hier wird die Organisation, die sich als studentischer Dachverband bezeichnet und wegen ihrer klar dem linken politischen Spektrum zuzuordnenden Positionen durchaus umstritten ist, offenbar nicht als gleichwertiger Gesprächspartner akzeptiert. Anja Gadow selbst sagt, sie erhalte ihre Informationen eher über die Europäische Studentenorganisation als aus der Arbeitsgruppe; andere Mitglieder der Gruppe bemängeln, die Studenten fielen durch ihre destruktive Haltung auf. Wenig überraschend, dass etwa der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) mit der Situation unzufrieden ist. „Es gäbe mit Sicherheit bessere Vertreter für die studentischen Interessen“, kritisiert Steffen Liebendörfer aus dem Bundesvorstand. Leicht wäre die Aufgabe aber auch für Alternativkandidaten nicht. Bis engagierte Studenten im Gewirr der Verordnungen und Zuständigkeiten durchblickten, räumt Liebendörfer ein, sei die Hälfte der Regelstudienzeit meist verstrichen.

Die schwächste Stimme am Verhandlungstisch

Bis auf weiteres bleiben die Studenten also die schwächste Stimme am Verhandlungstisch. Dabei weiß niemand besser als sie, wie Bologna an den Hochschulen ankommt - davon wird schließlich ihr Alltag bestimmt. Von den Idealvorstellungen von einst ist er in vielen Fällen weit entfernt. Ein „Europa des Wissens“ war 1999 das löbliche Ziel, ein Leistungspunktesystem sollte die Anerkennung von Studienleistungen und damit den Wechsel des Studienorts erleichtern; außerdem sollten die Studieninhalte relevanter für spätere Aufgaben im Beruf werden. Von einer Steigerung der Klausuren- und Wochenstundenzahl und einer Verschulung des Studiums, über die heute viele Studenten klagen, war dagegen nicht die Rede. Dass die meisten Bachelor-Studiengänge nur sechs und nicht sieben oder acht Semester dauern sollen, liegt vielmehr an Entscheidungen der einzelnen Hochschulen, genauso wie die unaufhaltsam wachsende Menge der zumindest dem Namen nach unterschiedlichen Studiengänge. Beides führt dazu, dass die Mobilität der Studenten eher gesunken als gestiegen ist.

Verhältnismäßig unbeeindruckt von diesem Befund lesen sich die Stellungnahmen aus dem Bundesbildungsministerium. „Bologna-Prozess gewinnt an Fahrt“ heißt es da etwa im Jubelton. „Für die deutschen Hochschulen ist das ein Gewinn.“ Ähnlich klingt, was die HRK verkündet: „Fit für die Welt“ würden Hochschulen, Forscher und Studenten dank Bologna, „flexibel und international“ sei das neue Studium. Auch die Wirtschaftsverbände, auf deren Kritik am alten Universitätssystem mit seinen angeblich zu praxisfernen Studiengängen, zu alten Absolventen und zu hohen Abbrecherquoten einige der unter dem Bologna-Etikett vorgenommenen Veränderungen zurückgehen, geben sich zumindest nach außen hin zufrieden. Obwohl noch nicht jeder Personalverantwortliche weiß, was sich hinter den neuen Titeln verbirgt und auch nicht jeder Abteilungsleiter den Bachelor-Abschluss für vollwertig hält, versprechen sie in Broschüren und auf Plakaten vollmundig: „Bachelor and Master welcome!“

Unterschiedliche Wahrnehmungen

Regelrecht eingeschossen auf die neue Studienstruktur hat sich dagegen der Deutsche Hochschulverband (DHV). Eine „traurige Mogelpackung“ sei die europäische Hochschulreform, heißt es im „Bologna-Schwarzbuch“ der Berufsvertretung der Wissenschaftler, eine „Organisationsform der Ineffizienz“, „eine akademische Illusion“. Folgerichtig fordert der DHV keine Fortsetzung, sondern eine Reform der Reform - der Master, nicht der Bachelor soll zum Regelabschluss und das deutsche Markenzeichen „Dipl.-Ing.“ wiederbelebt werden, die wenigen noch nicht umgestellten Studiengänge in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben. Doch längst nicht alle Professoren wünschen sich eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen - viele räumen selbstkritisch ein, dass es in einigen Fächern einst viel Leerlauf gegeben und sich manche Vorlesung eher an der Eitelkeit der Dozenten als an den Bedürfnissen der Studenten orientiert habe.

Doch nicht nur von Dozent zu Dozent, von Student zu Student wird Bologna unterschiedlich wahrgenommen, auch von Land zu Land gibt es große Unterschiede. „Die Stimmung ist im Ausland viel positiver als bei uns“, berichtet etwa Birger Hendriks aus dem Kieler Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr, der für die KMK nach Leuven fahren wird. Er zitiert gerne einen Bericht des in Washington beheimateten „Institute of Higher Education“, in dem Qualitätssicherung, Leistungsbewertung und Studienaufbau à la Bologna gelobt werden. Dass Amerika dem europäischen Vorbild folgen könnte, hört sich indes unwahrscheinlich an. Sicher dagegen ist: Die Bildungsminister werden sich 2010 zum nächsten Bologna-Treffen in Budapest und Wien wiedersehen. Nach der Konferenz ist vor der Konferenz.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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