20.06.2008 · Hochkarätige Absolventen sollen zwei Jahre lang Problemkinder unterrichten, bevor sie in den Beruf starten. Das ist die Idee von Teach First. In Amerika funktioniert das. In Deutschland kämpft die Initiative mit Startschwierigkeiten.
Von Nina TrentmannEin Sommeridyll am Baggersee: junge Menschen in Bikinis und Badehosen, laute Musik und Sonnenschein. Gerade läuft das Finale des Dreikampfs Schwimmen-Laufen-Radfahren. Lautes Gejohle begrüßt die schweißnassen Favoriten, nebenan gibt es Cocktails und Würstchen. "Summer Challenge" heißt die Absolventenmesse der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in Ingolstadt. Es geht um Sport, Spaß und Feiern - und um Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern. Neben McKinsey, Audi und Danone präsentiert sich in diesem Jahr ein Neuling: Teach First Deutschland. Im Herbst 2009 will die Initiative aus Berlin 150 Akademiker als Nachwuchslehrer in Problemschulen schicken. Für zwei Jahre sollen sie sich als Lehrer versuchen und Schülern helfen, die sonst nie in den Genuss von Privilegien gekommen sind.
"Es geht darum, alles zu geben, damit die Schüler ihre Chancen bekommen", sagt Kaija Landsberg. Die Geschäftsführerin von Teach First Deutschland hat ihren Abschluss an der Hertie School of Governance in Berlin gemacht. Wie alle anderen am Baggersee trägt die Neunundzwanzigjährige mit den krausen Haaren T-Shirt, Badelatschen und kurze Hose. Dass sie zähe Verhandlungen mit mehreren Bundesländern hinter sich hat, sieht man ihr darin nicht an. Es ging um den Einsatz von Teach-First-Lehrern an Grund-, Haupt- oder Gesamtschulen. In zwei Ländern soll Teach First zunächst ausprobiert werden. Berlin wird wohl eines davon sein, die Senatsverwaltung für Bildung hat Interesse signalisiert.
Hochkarätige Akademiker gesucht
Teach First will für den Pilotlauf nun fachlich und wissenschaftlich besonders hochkarätige Akademiker verpflichten. Das passt zum Selbstverständnis der Teilnehmer an der Summer Challenge, sie kommen von renommierten privaten Hochschulen wie der European Business School in Oestrich-Winkel und der WHU in Vallendar, aber auch von staatlichen Universitäten wie Passau und Sankt Gallen. Das zehnköpfige Team von Teach First Deutschland sucht vor allem Mathematiker, Betriebswirte, Physiker, Chemiker und Techniker - all jene Fächer, die in der herkömmlichen Lehrerausbildung unbeliebt sind.
Auf dem Arbeitsmarkt haben diese Absolventen derzeit beste Aussichten. Warum sollen sie den Umweg über das Klassenzimmer nehmen? "Man setzt sich für andere ein und bringt zugleich seine eigene Karriere voran", argumentiert Kaija Landsberg. Wer an dem Programm teilnehme, bekomme danach sehr viel leichter seinen Traumjob. Denn die Unternehmen honorierten soziales Engagement. Noch sucht Teach First aber auch passende Kooperationspartner aus der Wirtschaft, die nicht nur Geld für das Projekt geben, sondern deren Namen auch Bewerber anlocken. Die Anschubfinanzierung dürfte bald aufgebraucht sein; 40.000 Euro hat die Hertie-Stiftung gezahlt, eine ähnliche Summe die Zeit-Stiftung.
Anderswo hat sich die Idee schon bewährt. Seit 1990 gibt es "Teach for America" in den Vereinigten Staaten und "Teach First" in Großbritannien. 20.000 Bewerber hatte die amerikanische Version im vergangenen Jahr. Deren Gründerin Wendy Kopp zählt das "Time Magazine" inzwischen zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Kaija Landsberg besuchte für ihre Masterarbeit im Fach "Public Policy" beide Projekte. Sie nahm am Unterricht im New Yorker Problemviertel Harlem teil und traf Wendy Kopp. "Das funktioniert dort toll", schwärmt die junge Frau. Sofort dachte sie, dass sich etwas Ähnliches in Deutschland auf die Beine stellen lassen müsste.
Schule der falsche Ort für soziale Betätigung von Eliten?
Doch von den heimischen Lehrerverbänden kommt zum Teil massive Ablehnung. So bezeichnet die stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, Teach First zwar als "eine Gegenreaktion junger Leute auf die neoliberale Ellbogen-Ideologie" und lobt die Tatsache, dass Absolventen "mit glänzenden beruflichen Aussichten Erfahrungen in Problemschulen sammeln wollen". Der Philologenverband hingegen findet, dass die Schule der falsche Ort für die soziale Betätigung von Eliten ist. "Das sind Leute, die in ihrem Leben etwas anderes erreichen wollen. Für die Erfahrung, von der man im Lehrerberuf zehrt, braucht man sehr viel länger als zwei Jahre", kritisiert der Verbandsvorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Das amerikanische Beispiel sei nicht auf Deutschland übertragbar. "In den Vereinigten Staaten bleiben Lehrer im Schnitt acht Jahre in der Schule, bevor sie den Beruf wechseln. So eine Durchgangsstation ist die Schule in Deutschland nicht." Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht das Projekt mit Skepsis. "Lehrer sein ist kein Schnupperjob. Da steckt ein riesiges Enttäuschungspotential drin - gerade für Menschen, die darauf nicht vorbereitet sind", warnt der Bundesvorsitzende Ludwig Eckinger.
Natürlich könne ein sogenannter Fellow scheitern, räumt Kaija Landsberg ein. Um das zu verhindern, sollen die Teach-First-Lehrer mit Tutoren - Erziehungswissenschaftlern und Lehrerausbildern - arbeiten, die am Unterricht teilnehmen und Verbesserungsvorschläge machen. Daneben soll jeder Nachwuchslehrer einen Mentor im Kollegium bekommen. Bevor sie in die Klassen dürfen, sollen alle Fellows außerdem einen dreimonatigen Vorbereitungskurs absolvieren, den Teach-First-Mitarbeiter derzeit mit Kurt Czerwenka erarbeiten, dem Leiter des Instituts für Schul- und Hochschulforschung an der Universität Lüneburg. Eine Woche Schulpraktikum, Seminare über Fachdidaktik und Lernpsychologie sowie mehrwöchige Praxisphasen sind geplant. Dann sollen die Studenten in Sommercamps unterrichten. An der Schule sollen die jungen Lehrkräfte für jeden Schüler einen persönlichen Lernplan erstellen. So will Teach First beweisen, dass ihr Einsatz etwas gebracht hat.
Keine Konkurrenz für die Lehrer geplant
Je nach Schule sollen die Teach-First-Lehrer als Assistenten eingesetzt werden oder alleine unterrichten. "Das wird den absoluten Widerstand provozieren, wenn die den Unterricht ganz allein leiten", prophezeit Ludwig Eckinger vom VBE. Kaija Landsberg betont deshalb immer wieder, dass sie den Lehrern keine Konkurrenz machen will. "Wir sind keine Missionare und können keinen Lehrer ersetzen. Aber die Schulen brauchen Hilfe, und es passiert relativ wenig." Das sehen die Lehrerverbände zwar genauso, sie wünschen sich aber eher Sozialarbeiter und Schulpsychologen als "Aushilfslehrer". Quereinsteiger seien nur eine Lösung, wenn sie dauerhaft an der Schule blieben - anders als die Teach-First-Fellows.
Mit 20 ernsthaften Bewerbungen rechnet Kaija Landsberg nach dem "Summer Challenge". Im Juli soll eine Werbekampagne beginnen, ab September die Online-Bewerbung möglich sein. Nach dem Wochenende am Badesee ist allerdings viel Idealismus nötig, um daran zu glauben, dass Studenten aus gutsituierten Schichten ihren Karrierestart um zwei Jahre verschieben, um Migrantenkinder und Schüler aus Hartz-IV-Familien zu unterrichten. Es seien viele Anfragen gekommen, beteuern die Initiatoren zwar. Am Samstagnachmittag ist davon aber nicht viel zu sehen. Das Zelt von Teach First Deutschland ist leer, abgesehen von den drei auf Interessenten wartenden Mitarbeitern. Beachvolleyball, Triathlon und die Cocktailbar ziehen heute mehr als die Aussicht auf zwei Jahre Unterricht in Problemschulen.