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Prüfungen an der Uni : Immer Ärger mit den Klausuren

  • -Aktualisiert am

Hatte ich wirklich ein Brett vorm Kopf? Diese Frage stellen sich viele Prüflinge - und wollen Einsicht in ihre Klausuren nehmen. Bild: Picture-Alliance

Wer sich an seiner Benotung stört und nachhaken will, stößt oft auf verschlossene Türen. Aber ob Zeitnot oder Geheimniskrämerei: Unwilligen Prüfern ist beizukommen.

          Nicht bestanden: Fünf Komma Null. Wie kann das sein? Nach der tagelangen und intensiven Vorbereitung auf die Klausur? Was hat man nur falsch gemacht? Nachdem der Schock verarbeitet ist, fällt dem gut informierten Studenten ein: Ich kann nachschauen. Also meldet er sich für die sogenannte Klausureinsicht an, liest nach, spricht bei Verständnisproblemen mit dem Prüfer - und versteht endlich, was schiefgelaufen ist. Oder auch nicht. Denn obwohl die Klausureinsicht Studenten helfen soll, sich zu verbessern, legen viele Unis ihnen Steine in den Weg: Sie dürfen nur ganz kurz in die Unterlagen schauen, können sich keine Notizen machen, oder der Klausur ist kein Lösungsbogen beigelegt - dann können Studenten kaum nachvollziehen, wieso ihr Prüfer sie so und nicht anders bewertet hat.

          Die Hochschulgesetze der Bundesländer und die Prüfungsordnungen der einzelnen Hochschulen regeln die Klausureinsicht nur in groben Zügen. „Hochschulprüfungen werden auf Grund von Prüfungsordnungen abgelegt“, heißt es etwa in Absatz 1 des Paragraphen 64 im Hochschulgesetz Nordrhein-Westfalen. Im zweiten Absatz folgt: „Hochschulprüfungsordnungen müssen insbesondere regeln: die Einsicht in die Prüfungsakten nach den einzelnen Prüfungen.“ Das heißt im Klartext: Die Hochschulgesetze der Bundesländer schreiben den Hochschulen im Lande lediglich vor, dass sie in ihren Prüfungsordnungen die Einsicht in Prüfungsakten überhaupt regeln müssen - aber nicht, wie genau.

          Sehen die Prüfer es besonders eng, dann dürfen sich Studenten die Klausur nur anschauen, erklärt Christian Teipel, Rechtsanwalt für Hochschul- und Prüfrecht. Der Jurist ist auch Vertrauensanwalt für mehrere Allgemeine Studierendenausschüsse (AStA) und berät sie in hochschul- und prüfungsrechtlichen Fragen. Selbst Notizen zu machen, wäre unter solch einer strengen Auslegung kaum möglich. „In der Praxis sind Mitschriften aber eigentlich immer erlaubt“, sagt der Rechtsexperte. Dann dürfen sich die Studenten während der Einsicht Fragen notieren, die sie danach mit dem Prüfer besprechen wollen. Das Kopieren und Fotografieren der Prüfungsunterlagen verbieten viele Hochschulen dann allerdings doch. „Es gibt dafür keinen triftigen Grund“, findet Teipel. Seine Erklärung für die ablehnende Haltung: Die Dozenten hätten Angst, dass Studenten in den Kommentaren Hinweise auf Folgeklausuren suchen könnten.

          Hochschulen handhaben das Thema ganz unterschiedlich

          Eine der wenigen Ausnahmen sind Regelungen für einige Studiengänge der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln: Hier gewährt der Prüfungsausschuss den Studenten das Fotografieren der Klausur samt Vermerken der Prüfer. Für die Einsicht hat jeder Prüfling mindestens 20 Minuten Zeit. Das klingt für Teipel nach einem guten Anfang. „Aber es muss noch an vielen Unis für klare, verständliche und transparente Regeln zur Klausureinsicht gesorgt werden“, sagt er.

          Da es keine gesetzlichen Vorgaben gibt, legen Hochschulen das Thema unterschiedlich aus. Das gilt insbesondere für die Zeit, die Studenten zur Einsicht gewährt wird. „Generell wird die Dauer der Einsicht in der Praxis streng ausgelegt“, sagt Teipel. Manche Kritiker vermuten dahinter gar Absicht. Der Verdacht: Unter Zeitdruck sind mögliche Korrekturfehler des Prüfers schwerer zu finden - bleiben sie unentdeckt, spart der Prüfer sich die Zeit, darüber mit Studenten diskutieren und eventuell die Note ändern zu müssen. In wenigen Minuten können Studenten oft nicht mal ihre eigenen Fehler nachvollziehen. Schon gar nicht, wenn die Kommentare vom Prüfer am Rand des Klausurbogens zu knapp ausfallen oder es vielleicht gar keine Anmerkungen gibt. Fehlt dann auch der Lösungsleitfaden, können Studenten überhaupt nicht nachvollziehen, wie ihre Note zustande gekommen ist. „Gesetzlich ist nicht vorgeschrieben, dass eine Musterlösung in der Einsicht dabeiliegen muss“, sagt Teipel.

          All das bedeutet aber nicht, dass man aufgeben und das Feld räumen muss. Der Prüfling habe nämlich einen „verfassungsrechtlich verbürgten Informationsanspruch“. Das heißt: Jeder Student hat ein Recht zu erfahren, wieso der Prüfer zu einer bestimmten Bewertung gekommen ist. Was war gut, was hat gefehlt? „Solch ein Prüfervotum sollte unter jeder Klausur stehen“, sagt Teipel. Wenn es fehlt, könnte dies ein erstes Anzeichen für eine mangelhafte Korrektur sein. Auch wenn der Prüfer neben einen Essay zum Beispiel keine Kommentare schreibt oder beim Lösungsweg der Matheaufgaben keine Häkchen setzt, könnte das auf Mängel hinweisen.

          Wurden überhaupt alle Aufgaben korrigiert?

          Zudem sollten Studenten in der Einsicht prüfen, ob überhaupt alle Aufgaben korrigiert und in die Endnote eingeflossen sind. Liegen die richtigen Lösungen bei, der sogenannte „Erwartungshorizont“, sollte man die eigenen Antworten mit den Musterlösungen vergleichen - vor allem, wenn genügend Zeit bleibt. Immerhin bearbeiten die Prüfer Dutzende, wenn nicht Hunderte Klausuren, da kann es passieren, dass eine Ausführung überlesen, ein Rechenschritt übersehen oder etwas zu niedrig bepunktet wurde. Um solche Fehler schneller zu bemerken, kann es nicht schaden, sich vor der Einsicht noch mal den Stoff der Klausur in Erinnerung zu rufen.

          Bei Multiple-Choice-Fragen rät Rechtsanwalt Teipel zu besonderer Aufmerksamkeit: Hier sollten Studenten nicht nur prüfen, ob die angekreuzten Antworten korrekt bewertet sind, sondern auch, ob die Prüfer Bonus- oder Minuspunkte vergeben haben. „Durch solch eine Bewertungsmethode kann das ganze Prüfungsverfahren rechtswidrig werden“, sagt er. Hendrik Sachtler hat mit Multiple-Choice-Klausuren oft schlechte Erfahrungen gemacht. Sachtler studiert im zehnten Teilzeit-Semester soziale Arbeit an der Hochschule Niederrhein und ist dort Mitglied im AStA. In seinen ersten Semestern hat er viele Klausuren mit Multiple-Choice-Fragen schreiben müssen. Er konnte die Klausuren dann zwar einsehen, es lag aber kein Lösungsleitfaden bei, erzählt er. Ob er richtig angekreuzt hatte oder wie die Antworten bewertet wurden - das blieb offen.

          Also suchte Sachtler das Gespräch mit seinen Dozenten, stieß aber auf taube Ohren. „Man kriegt dann nur gesagt, dass die Professoren keine Zeit für ein Feedback haben“, sagt er. Das passiere immer öfter. „Ich bin nur froh, dass das noch nicht bei allen der Fall ist“, sagt er. Manche Dozenten nähmen sich nach wie vor stundenlang Zeit, um mit Studenten über ihre Prüfungen zu sprechen.

          Höflich beim Dozenten anklopfen

          AStA-Vertrauensanwalt Teipel fallen schnell etliche Hochschulen ein, die Studenten bei der Einsicht aus seiner Sicht oft Schwierigkeiten machen: Die Fachhochschule und Technische Universität in Dortmund zählt er dazu, genauso die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und die Technische Hochschule Mittelhessen. „Wenn Studierende ihre Professoren um eine Erklärung der Bewertung bitten, helfen sie ihnen meistens nur sehr ungern“, sagt Teipel. Er stellt immer wieder fest: Wenn er für seine studierenden Mandanten an Hochschulen Akteneinsicht beantragt, kooperieren diese in den meisten Fällen mit ihm. Er sagt, dass Studenten sich für ihre Klausureinsicht anmelden oder diese beantragen sollten. „Auf Zuruf oder nebenbei können Dozenten keine Einsicht ermöglichen.“

          Für das anschließende Gespräch rät er: höflich beim Dozenten anklopfen und um Auskunft bitten. „Die Begründung, dass man sich mit Hilfe des Gesprächs gezielter auf die Nachprüfung vorbereiten kann, öffnet oft Türen“, sagt er. Gespräche mit Prüfern können immerhin bewirken, dass diese Fehler einsehen und die Note der Klausur im besten Falle hochsetzen. Allerdings: „Selbst wenn einem nach der Einsicht die eigenen Lösungen besser als bewertet scheinen, muss der Prüfer das nicht genauso sehen.“

          Quelle: F.A.Z.

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