19.11.2009 · Wer sich bildet, hat nicht nur finanzielle Vorteile: Forscher aus Kanada und Norwegen haben herausgefunden, dass auch Prestige, Gesundheit und eine gute Ehe mit einer guten Bildung zusammenhängen.
Von Lisa NienhausWelche Mutter hat ihre Tochter nicht zur Einschulung gemahnt: Lerne bloß, damit aus dir einmal etwas wird! Trotzdem gibt es immer noch viele Jugendliche, die die Schule ohne Abschluss verlassen. In New York gibt es seit zwei Jahren eine spektakuläre Initiative dagegen. Dort zahlt eine Stiftung Familien und Kindern aus benachteiligten Elternhäusern Geld dafür, dass sie bestimmte Dinge tun, die eigentlich gut für sie wären, die sie aber oft unterlassen. Zum Beispiel zur Schule gehen oder Klassenarbeiten bestehen. 25 Dollar erhält eine Familie pro Monat, wenn ihr Kind die Grundschule regelmäßig besucht. 50 Dollar, wenn es das Gleiche auf der High School tut. Finanziert wird das Ganze aus privaten Mitteln, Verschwendung von Steuergeldern kann man also nicht beklagen. Trotzdem irritiert das Projekt. Hier würden Familien bestochen statt überzeugt, beklagen manche.
Dabei ist es gar nicht so schwierig, überzeugende Argumente für einen Schulbesuch zu finden. Ökonomen wissen das schon lange. Nach ihren Ergebnissen ist es zweifellos für jeden Menschen vorteilhaft, sich so lange in Schule und Universität zu bilden, wie es irgend möglich ist. Das gilt unabhängig davon, ob jemand besonders klug ist oder nicht und auch unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Es ist sogar so, dass gerade Kinder aus ärmeren Haushalten von jedem zusätzlichen Jahr, das sie in der Lehranstalt verbringen, profitieren.
Der am besten erforschte Vorteil des Schulbesuchs ist Geld. Wer länger lernt, verdient später mehr. Ein zusätzliches Jahr auf der High School oder dem College erhöht das Einkommen eines Amerikaners im Durchschnitt um sieben bis zwölf Prozent. Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass in der Schule die Besten ausgesiebt werden, die dann später, entsprechend ihren Fähigkeiten, am meisten verdienen. In Zwillingsstudien wurde vielmehr gezeigt, dass die Schulzeit an sich einen Effekt hat. Selbst bei identischen genetischen und familiären Voraussetzungen (etwa bei eineiigen Zwillingen) verdient der besser Gebildete mehr.
„Geld ist nicht alles“
Das ist jedoch nur ein Aspekt. „Geld ist nicht alles“, schreiben etwa Philip Oreopoulos von der Universität Toronto und Kjell Salvanes von der Norwegischen Handelshochschule in Bergen. Sie haben zusammengetragen, welche sonstigen Auswirkungen Bildung auf das spätere Leben hat - mit erstaunlich eindeutigen Ergebnissen. So führt ein längerer Schulbesuch dazu, dass man eine Arbeit bekommt, die mehr Prestige hat, mehr Autonomie bietet, mehr Gelegenheit zu sozialer Interaktion, mehr Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen. Gut gebildete Menschen sind mit ihrer Stelle im Durchschnitt zufriedener. Außerdem werden sie seltener arbeitslos.
Dazu kommen Vorteile, die nichts mit dem Arbeitsplatz zu tun haben. So sind Gebildete gesünder und seltener in psychiatrischer Behandlung. Jedes zusätzliche Schuljahr macht sie attraktiver für das andere Geschlecht. Sie lassen sich seltener scheiden, sind weniger kriminell und werden seltener schon als Teenager Eltern. Wenn sie Kinder bekommen, dann sind diese gesünder, besser integriert, besser in der Schule und bekommen bessere Jobs als die Kinder der Menschen, die kürzer zur Schule gegangen sind.
Und wer jetzt denkt, dass die Gebildeten für diese Vorteile einen hohen Preis zahlen, nämlich mehr Stress am Arbeitsplatz, der irrt sich gewaltig. Zwar müssen besser gebildete (und damit auch besser bezahlte) Arbeitnehmer mehr Verantwortung übernehmen, mehr reisen und mehr Einsatz zeigen, doch offenbar können sie das gut verarbeiten. Bei ihnen fanden sich in einer Studie nicht mehr Stresshormone als bei weniger qualifizierten Arbeitnehmern, sondern weniger. Universitätsabsolventen geben zudem deutlich seltener an, dass sie sich gehetzt fühlen, als High- School-Absolventen. Bisher vermuteten Ökonomen, dass die Zufriedenheit der Qualifizierten vor allem eine Folge ihres höheren Einkommens ist. Oreopoulos und Salvanes kommen zu anderen Ergebnissen. Sie vergleichen gut und schlecht Gebildete, die später ein ähnlich hohes Einkommen haben, und finden heraus: die Qualifizierten sind auch bei identischem Verdienst seltener krank, weniger kriminell, zufriedener mit ihrem Leben, lassen sich seltener scheiden und fühlen sich seltener gestresst. Bildung beeinflusst das Leben also per se, nicht nur über den höheren Verdienst.
Auch die Gesellschaft profitiert
Und schließlich hat auch die Gesellschaft etwas davon, wenn mehr Menschen einen Schulabschluss machen oder studieren. Das zeigt unter anderem Enrico Moretti, Ökonom an der Universität von Kalifornien. Er vergleicht Städte, in denen das Bildungsniveau unterschiedlich hoch ist, und findet heraus: Eine gute durchschnittliche Bildung beeinflusst alle Menschen, die in einer Stadt leben - egal, ob sie zu den fleißigen Schülern gehören oder nicht. So steigert ein hohes Bildungniveau in einer Region nicht nur das Durchschnittseinkommen der Gebildeten, sondern auch die Einkommen aller schlechter ausgebildeten Menschen.
Bei all diesen Vorteilen erscheint es verwunderlich, dass es immer noch Menschen gibt, die die Schule freiwillig früh verlassen. Lange vermuteten Ökonomen, dass eben nicht alle Menschen gleich begabt sind, dass also der Schulbesuch für die Menschen unterschiedlich hohe Kosten und Nutzen hat. Angesichts der überwältigenden Vorteile einer langen Ausbildung halten Oreopoulos und Salvanes dieses Argument allerdings nicht mehr für stichhaltig. Sie sehen zwei andere Gründe: Erstens, Familien mit geringem Einkommen haben womöglich finanzielle Hürden zu überwinden. Zweitens, viele Schüler und Studenten sind womöglich zu kurzsichtig, um die langfristigen Chancen einer guten Ausbildung zu erkennen.
Beim ersten Punkt gibt es in fast allen Ländern der Welt Hilfe, etwa, indem der Schulbesuch kostenlos ist. Den zweiten versuchen die Eltern selbst in den Griff zu bekommen - indem sie loben, motivieren und tadeln. Die New Yorker Initiative ist ein weiterer Schritt in diese Richtung, ein interessantes soziales Experiment, gegen das nichts einzuwenden ist, solange es privat finanziert wird. Ob es aber etwas bringt, muss erst noch erforscht werden.
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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