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Bildung : Die Freiburger Schule

  • -Aktualisiert am

Streik gegen die herkömmliche Schule Bild: fotolia

Stell Dir vor, es ist Schulzeit und keiner geht hin: Zehn Schüler aus Freiburg haben auf eigene Kosten und eigenes Risiko ihre eigene Schule gegründet. 30.000 Euro haben sie schon aufgetrieben, jetzt sind die Lehrer ihre Angestellten. Aber noch reicht das Geld nicht.

          Es ist 14 Uhr, und die Schüler haben ihre Schuhe ausgezogen. Sechs Paar Socken schlurfen über die gealterten Linoleum-Quadrate des Gemeinderaums. Aus den Lautsprechern eines alten Sony-Fernsehers dröhnt blechern die Titelmusik von "The Tango Lesson", in der Ecke steht einsam ein schwarz verhülltes Klavier. Die Schüler lachen, wenn sich beim Tango Argentino mal wieder ihre Beine verheddern. "Manchmal weiß ich gar nicht, in welche Richtung damit", klagt Alwin Franke. Die Tanzlehrerin sagt: "Wohin du dich bewegen willst, ist allein deine Entscheidung."

          Den riskantesten Schritt hat Alwin Franke ohnehin schon hinter sich: Gemeinsam mit neun anderen Schülern aus Freiburg im Breisgau hat der 18-Jährige beschlossen, die allgemeine Hochschulreife auf eigene Faust zu erlangen. "Schulfremdenprüfung" heißt die Option im Landesschulgesetz Baden-Württemberg, die frustrierten Schülern einen Weg zur Flucht aus dem System bietet. Wie viele Jugendliche dieses Abenteuer wagen, ist nicht bekannt. Offizielle Zahlen gibt es kaum, Bayern schätzt die Aussteiger im gymnasialen Zweig auf durchschnittlich 25 im Jahr.

          „Wir waren unzufrieden mit dem System“

          Seit September pauken nun auch die zehn Freiburger unter dem Namen "Methodos" fünf Tage die Woche in eigener Verantwortung Prüfungsfächer wie Mathe, Deutsch und Englisch. Montags bis freitags von 9 bis 17, samstags bis 14 Uhr. Ihr Klassenzimmer ist ein Raum im Hinterhof der evangelischen Paulus-Gemeinde, neben der Beratungsstelle für Lebens- und Ehefragen, einem Kindergarten und der Tee-Oase. "Wir waren unzufrieden mit dem System", sagt Franke. "Wir wollen aktiver arbeiten und uns nicht mehr einfach nur berieseln lassen."

          Die Idee auszusteigen, habe schon länger in ihnen gegärt. Der Frust über den Frontalunterricht und zunehmend unmotivierte Lehrer wurde einfach immer größer. "Sie entwickeln vielleicht auch unfreiwillig viel Macht, weil sie allein über den Erfolg eines Schülers bestimmen", vermutet Franke. Schon im Frühjahr 2005 hatten die damaligen Schüler einer Freiburger Waldorfschule eine Tagung organisiert, um neue Wege des Lernens zu erörtern. Sie hatten auch Lehrer eingeladen, es kamen nur wenige. "Es gibt durchaus einzelne Lehrer, die gerne etwas verändern würden. Aber alles umzuwerfen wäre auch das Eingeständnis, 50 Jahre lang Mist gebaut zu haben", sagt Franke.

          „Dieser Weg ist riskant“

          Schon jetzt haben die Schüler mehr bewirkt als ihre eigene kleine Revolution. In den Gremien und Ämtern diskutieren Fachleute über das "Methodos-Modell". Das Engagement sei vorbildlich, lobt der emeritierte Freiburger Pädagogik-Professor Manfred Pelz. "Das Schulsystem ist veraltet und erstarrt. Vielleicht findet jetzt ein Umdenken statt." Doch die Hüter des alten Systems haben mit den Freiburger Freigeistern so ihr Problem.

          "Dieser Weg ist riskant und sicher nicht zur Nachahmung empfohlen", sagt Hansjörg Blessing vom Kultusministerium in Stuttgart. "Die Betreuung in der Vorbereitungsphase ist keinesfalls so gut wie auf konventionellem Wege." Auch der Philologenverband im Ländle hält die Privatpennäler für eine Ausreißergruppe. "Es ist ein mutiger Schritt, aber auch ein unnötiger Irrweg", sagt der Vorsitzende Karl-Heinz Wurster. "Sie zeichnen ein Bild von Schule, das es so nicht mehr gibt."

          Seit den 1990er Jahren habe sich auch an staatlichen Gymnasien viel verändert, sagt Wurster. Man sei längst weg vom oft einschläfernden Frontalunterricht, in den Kursstufen habe man umgestellt auf Doppelstunden und Arbeitsgruppen, vielerorts gebe es nicht einmal mehr den Gong. Außerdem gehe es nicht allein darum, Prüfungswissen in sich reinzupauken: "An einer Schule gibt es auch soziale Bereiche, die eine solche Gruppe kaum abdecken kann."

          Gute Chancen für Bewerbungen

          Für die berufliche Zukunft der Schüler wird der kleine Umweg im Lebenslauf kaum nachteilig sein. "Wir sind der Ansicht, dass das Niveau an den normalen Gymnasien in Baden-Württemberg hoch genug ist", sagt Martin Meyer, Leiter des Personalmarketings bei Porsche. Ein Alternativ-Abitur sei aber auch nicht von Nachteil: "Wichtig ist allein, dass der Abschluss gut ist."

          Bei dem schwäbischen Elektronikhersteller Bosch sieht man das ähnlich. Doch Peter Gutzan, Leiter der Personalentwicklung, würde solche auffälligen Bewerber genauer unter die Lupe nehmen: "Man muss im Gespräch herausfinden, was die Motivation für diesen Weg war", sagt er. "Positive Argumente wären etwa der Wunsch nach selbständigem Arbeiten, negativ das Nörgeln über schlechte Lehrer und ein überholtes System." Eigenverantwortlich handelnde Abiturienten, betont Gutzan, seien bei Bosch gewiss gefragt. "Aber sie müssen ihre Aufgabe auch in einem bestehenden System lösen können."

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