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Veröffentlicht: 18.01.2015, 08:00 Uhr

Bildung als Privileg Südafrikas verlorene Schüler

Eine gute Bildung in Südafrika ist immer noch ein Privileg der Reichen. Darunter leiden auch die Unternehmen: Sie finden keine geeigneten Mitarbeiter. Deshalb greifen sie jetzt ein.

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© ddp Images Gerade im Fach Mathematik belegen südafrikanische Schüler im internationalen Vergleich meist die allerletzten Plätze.

Wenn die Feuersirene loslegt, springen die Kinder in der Kapstädter Preswitch- Street-Grundschule munter von ihren Stühlen auf. Keine Angst, das sei nur die Pausenklingel, ruft der Schuldirektor Samodien durch den Lärm. Die Reparatur der alten Schulglocke koste zu viel, deswegen müsse man sich mit dem Feueralarm behelfen. Anfangs rückte die Polizei aus, um in der Schule nach dem Rechten zu sehen. Aber jetzt scheint das ohrenbetäubende Heulen niemand mehr zu stören, auch den Schulleiter nicht.

Claudia Bröll Folgen:

Er hat ganz andere Sorgen. Die Schule hat enorme Herausforderungen zu bewältigen. Mehr als 90 Prozent der Schüler leben in den Armenvierteln am Rande der Stadt. Sie sind morgens mindestens zwei Stunden unterwegs, um zur Schule zu kommen. „Die meisten kommen ausgehungert an, sind übermüdet, schlafen im Unterricht ein“, sagt Samodien. Die Eltern besuchten während der Zeit der Rassentrennung noch sogenannte „Bantu-Schulen“, Schulen, die für die unterdrückte schwarze Bevölkerung vorgesehen waren. Sehr viel mehr als eine Grundausbildung boten sie nicht. Den Sprösslingen können die Eltern selbst in den unteren Klassen kaum zur Seite stehen.

Südafrika muss sich in internationalen Bildungsstudien immer wieder mit hinteren Plätzen zufriedengeben. Im jüngsten Index zur globalen Wettbewerbsfähigkeit des Weltwirtschaftsforums (WEF) lag die immerhin zweitgrößte afrikanische Volkswirtschaft an der Qualität des Bildungswesens gemessen auf Rang 140 unter 144 Ländern, gemessen an der Güte der Mathematikausbildung sogar auf dem letzten Platz. Auch die turnusmäßigen Prüfungen des Bildungsministeriums stellen den Schulen kein gutes Zeugnis aus. In der jüngsten erreichten Neuntklässler in Mathematik im Durchschnitt nur 11 von 100 Punkten. Ein Jahr zuvor waren es 14 Punkte. Da zeigte sich sogar die sonst kritikresistente Bildungsministerin besorgt.

© F.A.Z., Helmut Fricke F.A.Z.-Leser helfen: Dorfschulen in Kenia

Schlechtere Ausbildung als in Burkina Faso, Sierra Leone oder Mali

Die Aussagekraft solcher Studien, insbesondere internationaler Vergleiche, wird auch in Südafrika immer wieder in Zweifel gezogen. Empört hat die Regierung die Untersuchung des Weltwirtschaftsforums zurückgewiesen. Eine schlechtere Ausbildung als in Burkina Faso, Sierra Leone oder Mali? Das wollte man in der leistungsfähigsten Volkswirtschaft auf dem Kontinent nicht hinnehmen. Doch es ist unbestritten, dass die Bildungskrise in Südafrika hauptverantwortlich ist für eine chronisch hohe Arbeitslosigkeit von mehr als 25 Prozent. Unter den Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren hat - wiederum nach einer WEF-Schätzung - mehr als jeder zweite keine Arbeit. Legt man den heutigen nationalen Durchschnitt zugrunde, werden nur 50 der 112 Prestwich-Erstklässler zum Matrik, der Schulabschlussprüfung in elf Jahren antreten. 39 werden bestehen, 12 mit einer ausreichenden Note, um studieren zu können.

Das treibt auch Südafrikas Unternehmen um. Die Gesetzgebung zwingt sie, mehr schwarze Mitarbeiter einzustellen, um die Ungleichbehandlung während der Zeit der Rassentrennung gutzumachen. Doch selbst 20 Jahre nach dem Ende des Unrechtsregimes ist das Angebot an potentiellen Kandidaten extrem klein. Eine staatliche Schule in Südafrika zu führen, ist kein leichtes Unterfangen. Samodien, ein bodenständiger Mann in Sportjacke und Jeans, hat dafür immerhin eine Hochschulanstellung aufgegeben. Zuvor hatte er an einer Privatschule in Saudi-Arabien unterrichtet. „Die Schüler müssen gern in die Schule kommen, das ist das Wichtigste“, sagt er und präsentiert einen druckfrischen Leitfaden für seine Lehrer. Darin ist viel von Motivation und Freude am Lernen zu lesen. Gefragt nach der Reaktion auf den Leitfaden, zuckt Samodien mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wie viele ihn lesen, aber einen Versuch ist es wert.“

Die 104 Jahre alte Schule mitten in Kapstadt wurde einst von der deutschen lutherischen Kirche gegründet. Als Relikt dieser Zeit steht über einem der beiden Eingänge „Mädchen“, über dem anderen „Jungen“ geschrieben, auch wenn sich an die Trennung niemand mehr hält. Der Backsteinbau sah wohl einmal ehrwürdig aus. Heute blättert die Farbe von den Wänden, ein Stacheldraht windet sich über die Mauer, Fensterscheiben sind zerbrochen. Trotzdem ist die Prestwich-Grundschule nach Aussage des Rektors in einer besseren Lage als viele andere Schulen. Die Nähe zur Polizeistation beispielsweise gibt ein wenig Sicherheit. Andernorts kommt es oft zu Einbrüchen. Diebesbanden nehmen buchstäblich alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist.

Privatschulen für Geringverdiener sind Mangelware

Südafrikas Schulwesen ist nach wie vor zweigeteilt: nicht mehr in Schulen für schwarze und weiße Kinder, sondern für arme und reiche. Wer es sich leisten kann, schickt Sohn oder Tochter auf eine Privatschule und nimmt dafür teils hohe Kredite auf. Der Rest der Bevölkerung muss mit staatlichen Schulen vorlieb nehmen, die vor allem in den Armenvierteln oft kaum funktionsfähig sind. Erst seit kurzem gibt es Privatschulen für Geringverdiener, wie sie auch in anderen Schwellenländern aus dem Boden sprießen. Hervorgetan hat sich beispielsweise das börsennotierte Unternehmen Curro, das eine breite Mischung von Schulen unterschiedlichen Zuschnitts betreibt. Das Geschäft - Curro ist profitabel und hat kräftige Kursgewinne an der Johannesburger Börse verzeichnet - zeigt, dass eine gute Grundausbildung nicht unbedingt hohe Gebühren erfordert.

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Das legen auch internationale Vergleiche nahe. Südafrikas Regierung gibt ein Fünftel des Jahreshaushalts für die Bildung aus. Das ist mehr als andere afrikanische Länder aufwenden, die in den Ranglisten besser abschneiden. Das Problem aber ist: Nur ein kleiner Teil des Geldes kommt in den Schulen an. Einige Kilometer von der Prestwich-Schule entfernt befasst sich Professor Rob Siebörger mit Bildungsfragen und unterrichtet angehende Lehrer an der Kapstädter Universität. Gefragt nach den Gründen der Bildungskrise, verweist er zuerst auf die Vergangenheit. In den achtziger Jahren baute die damalige Apartheid-Regierung mehr als hundert Lehrer-Colleges auf, vorrangig um Lehrer für die schwarze Bevölkerung auszubilden. „Einige gute Colleges waren darunter, aber insgesamt war das Niveau nicht ausreichend.“

Der Widerstandskampf in dieser Zeit, die Streiks und Protestaktionen störten zudem massiv die Bildungsarbeit. Mehr als zehn Jahre lang konnte kein kontinuierlicher Unterricht stattfinden, Schüler und Lehrer erschienen nicht zur Schule, Lehrer unterrichteten nicht die Fächer, für die sie ausgebildet waren. „Von diesen Erschütterungen haben wir uns bis heute nicht erholt“, sagt er. Sie stärkten auch den Kampfgeist der Gewerkschaften, allen voran der Lehrergewerkschaft SADTU. Bis heute wird in Schulen immer wieder gestreikt, für höhere Löhne oder aus Protest gegen unliebsame Reformen. Jüngst schlug die Bildungsministerin vor, Stechuhren einzuführen, um die Fehlzeiten von Lehrern zu reduzieren. Doch der Vorschlag verschwand wie viele andere schnell aus der öffentlichen Diskussion.

Reformen scheitern am Missmanagement

Mit den ersten demokratischen Wahlen 1994 kam auch das Ende der von vielen mit der Rassentrennung in Verbindung gebrachten Lehrer-Colleges. Die Regierung übergab die Ausbildungsverantwortung an die Universitäten. Diese aber hatten keine ausreichenden Kapazitäten. An gut ausgebildeten Lehrern mangelt es deshalb weiterhin. „Das Interesse an diesen Jobs ist auch nicht besonders groß“, sagt Siebörger. „Ein gut ausgebildeter schwarzer Südafrikaner kann in der Wirtschaft viel mehr verdienen. Warum soll er an einer Schule anheuern, womöglich irgendwo auf dem Land?“

Gut gemeinte Absichtserklärungen gibt es viele. Im Wahlprogramm der Regierungspartei Afrikanischer Nationalkongress (ANC) fanden sich 28 Versprechen für ein besseres Bildungswesen. Sie reichten vom Bau neuer Schulen, Kooperationen mit der Privatwirtschaft bis hin zu Hausbesuchen von Lehrern, um kleinere Kinder aus armen Familien auf die Schule vorzubereiten. Doch die Umsetzung all der dringend notwendigen Verbesserungen scheitert immer wieder an Missmanagement und behördlichem Schlendrian: In der Provinz Ostkap schafft es das dortige Bildungsministerium seit Jahren nicht, genügend Bücher für die Schüler zu liefern.

Ein Gericht musste das Ministerium verpflichten, Lehrergehälter in Millionenhöhe nachzubezahlen und Hunderte Lehrerstellen zu besetzen. „Die Regierung stößt viel an, um die Lage zu verbessern, aber so ein Problem lässt sich nicht über Nacht lösen“, sagt der Professor. Es sei auch eine Generationenfrage: gut ausgebildete weiße Lehrer aus Apartheid-Zeiten haben entweder den Schuldienst verlassen oder gehen demnächst in Rente. Geringer wird der Lehrermangel wohl erst, wenn die heutigen Studenten ins Berufsleben einsteigen.

Auf den Staat oder den Generationenwechsel warten?

So viel Geduld hat die Privatwirtschaft nicht. Neben Schulbetreibern wie Curro betätigen sich auch Unternehmen anderer Branchen als Sponsoren und Krisenmanager. Eine Initiative namens „Partners for Possibility“ beispielsweise schickt Vorstandschefs und Finanzmanager los, um Schulrektoren in Managementfragen zu beraten und Alltagskrisen zu lösen. Rund 150 Schulen im ganzen Land nehmen die Dienste mittlerweile in Anspruch. Die Initiative hat sich ein hohes Ziel gesetzt: Bis 2022 sollen alle Kinder in Südafrika eine Qualitätsausbildung erhalten.

Auch Rektor Samodien hat die Sache selbst in die Hand genommen, mit Unterstützung einer Gruppe engagierter Mütter einer nahe gelegenen exklusiven Privatschule. Der Fernsehkanal MNet beispielsweise finanzierte ein Computerlabor. Die Supermarktkette Spar - der Hauptsponsor der Schule - besorgte ein Klettergerüst, ließ Sanitäranlagen renovieren und Wände streichen. Außerdem wirbt die Sparfiliale bei den Kunden, die jährlichen Schulgebühren für Kinder zu übernehmen. Denn in Südafrika werden auch für staatliche Schulen Gebühren fällig. Die Prestwich-Schule verlangt zwar nur rund 600 Rand, das sind umgerechnet 42 Euro, im Jahr, aber selbst dieser Betrag ist für viele zu hoch.

„Es ist eine schöne Art, etwas an die Gemeinschaft zurückzugeben“, sagt Spar-Filialleiter Leonard Labuschagne. „Das kommt bei unseren Kunden an und ist für uns daher auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll.“ Auf den Staat oder den Generationenwechsel warten? Dafür hat man in Südafrika keine Geduld mehr. „Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber die private Unterstützung hat einiges ermöglicht, was noch vor einigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre“, resümiert Samodien. Vielleicht gibt es für die Prestwich-Schule sogar bald auch eine neue Schulglocke.

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