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Bewerbungsmarathon : „Ich war ziemlich naiv und ahnungslos“

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Pranati Roy, 34, aus Mumbai in Indien musste einen Bewerbungsmarathon hinter sich bringen, bis sie in Deutschland eine Stelle fand. Bild: Kaufhold, Marcus

Deutschland hat so viele ausländische Studenten wie nie. Doch was passiert mit denen, die nach dem Studium hier bleiben? Sie haben es schwer bei der Stellensuche. Warum das so ist, erklärt eine betroffene Absolventin im Interview.

          Ausländische Studenten, die nach ihrem Abschluss in Deutschland bleiben, müssen oft eine wahre Bewerbungs-Odyssee hinter sich bringen. Fast ein Drittel braucht mindestens ein Jahr für die Stellensuche, zeigte kürzlich eine Studie des Forschungsbereichs im Sachverständigenrat für Migration und Integration. Pranati Roy Bucher aus Indien kann davon ein Lied singen. Vor rund einem Jahr sprachen wir schon einmal mit ihr, als sie ihren MBA an der European Business School in Oestrich-Winkel frisch in der Tasche hatte. Dann schrieb sie eine vergebliche Bewerbung nach der anderen. Nun hat sie endlich eine passende Stelle gefunden und arbeitet für die Opel Bank im Bereich Kundenzufriedenheit und Servicequalität. Im Interview berichtet sie über ihre schwierige Suche.

          Frau Roy Bucher, Sie mussten nach Ihrem Studienabschluss in Deutschland ein ganzes Jahr nach einer angemessenen Stelle suchen. Wie lange haben Ihre deutschen Kommilitonen gebraucht?

          Maximal ein bis zwei Monate.

          Wie viele Bewerbungen haben Sie geschrieben?

          Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, aber es waren mindestens 30. Nur dreimal wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Zwischendurch wurden mir immer wieder Stellen angeboten, die komplett unterhalb meiner Qualifikation waren. Das fand ich eigentlich das Schlimmste.

          Was zum Beispiel?

          Meist Bürostellen in der Art einer besseren Sekretärin. Teilzeit- und Aushilfsjobs, Praktika. Dabei habe ich jede Menge Berufserfahrung in Indien gesammelt und bin nur noch einmal zurück an die Uni gegangen, um meinen MBA zu erwerben.

          Warum blieben Ihre Bewerbungen lange erfolglos?

          Es gab mehrere Gründe: Ich war ziemlich naiv und ahnungslos. Ich wusste einfach nicht, wie Bewerbungen in Deutschland auszusehen haben, und mir fehlten die Netzwerke. Dazu kommt, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Anders als meine Kommilitonen suchte ich außerdem einen Job im Bereich Service und Kundenzufriedenheit. Die Branche war mir relativ egal. Das ist aber wohl eine sehr „indische“ Herangehensweise. Meine Mitstudenten wussten alle ganz genau: Ich will ins Consulting, Investmentbanking oder zum Autobauer. Das war schon ein Unterschied.

          Wie bewirbt man sich in Indien?

          Völlig anders! Man schreibt einen Lebenslauf und gibt ihn einem Headhunter. Ein Bewerbungsschreiben, wie es hier üblich ist, gibt es gar nicht. Der Headhunter kontaktiert dann die Unternehmen und coacht den Bewerber vor dem Vorstellungsgespräch. Dann weiß man schon, wem man gegenübersitzen wird, welche Fragen wahrscheinlich gestellt werden und worauf man achten sollte. Kurz: Es wird einem viel mehr abgenommen als hierzulande.

          Was ist Ihnen in Deutschland besonders schwergefallen?

          Das Bewerbungsschreiben zu formulieren. Wie soll alles Wichtige auf eine einzige Seite passen? Außerdem musste ich lernen, selbst zum Telefon zu greifen und die Unternehmen anzurufen. Dieses ganze Marketing für mich selbst war mir völlig fremd.

          Wie sah, im Nachhinein betrachtet, ein erfolgreiches Bewerbungsschreiben aus?

          Teilweise waren es Kleinigkeiten, die ich mit der Zeit besser gemacht habe. Zum Beispiel habe ich gelernt, dass es wichtig war, gleich an den Anfang der Bewerbung zu schreiben, dass ich nicht auf ein Visum aus bin, weil ich eine Aufenthaltserlaubnis habe. Ich habe auch gemerkt, dass man jede einzelne Bewerbung individuell gestalten sollte, so dass sie gut zum Unternehmen passt. Und dass man viel Rechercheaufwand dafür leisten muss.

          Hat Ihnen jemand beim Bewerbungen schreiben geholfen?

          An der Uni gab es einmal ein Bewerbungstraining. Das war aber nur eine Stunde lang und sehr theoretisch. Ein Professor und ein Universitätsangestellter haben sich ein wenig um mich gekümmert und mir ein paar Netzwerke verschafft. Aber was ich wirklich gebraucht hätte, wäre ein spezielles Training für ausländische Studierende gewesen.

          Was haben Sie rückblickend falsch gemacht?

          Ich habe mich während des Studiums nur darauf konzentriert, gute Noten zu bekommen. Dabei hätte es wohl viel mehr geholfen, wenn ich mehr Kontakte zu Deutschen geknüpft hätte. Ich hätte mich trauen sollen, mehr Deutsch zu sprechen, auch wenn ich mal Fehler mache. Ich hätte die deutschen Nachrichten im Fernsehen gucken sollen. Insgesamt hätte ich mehr am sozialen Leben teilnehmen sollen. Ich habe mich hauptsächlich nur im Uni-Kosmos bewegt.

          Was würden Sie ausländischen Studenten raten, die sich hier bewerben wollen?

          Früh anfangen! Schon zu Beginn des Studiums auf Jobmessen gehen, Netzwerke aufbauen und Bewerbungen schreiben, einfach zur Übung. Professoren an der Uni oder andere Leute, die sich damit auskennen, die ersten Bewerbungen gegenlesen lassen. Man sollte auch nach Programmen von Unternehmen gucken, die sich speziell an Absolventen richten, die eine internationale Karriere anstreben. Und vor allem: Seid kreativ und redet mit Leuten! Nur so fühlt man sich irgendwann wirklich wohl im Land. Und das ist fast die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung.

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