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Berufswahl : Schock Deine Eltern, werde Handwerker

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Abiturienten machen in Zeiten überfüllter Universitäten wieder häufiger eine Lehre. Doch das Handwerk ist verzweifelt: Alle wollen „kreativ“ sein, und niemand will ackern.

          Eigentlich wollte Alexander Böhle aus dem nordrhein-westfälischen Windeck Lehrer werden. Aber der Kampf um einen Studienplatz, der derzeit herrscht, schreckte ihn ab. Böhle zählt zum doppelten Abiturjahrgang in Nordrhein-Westfalen, er hat im Sommer sein Abitur gemacht. Also erst mal eine Ausbildung, dachte er sich: Ein Handwerksberuf sollte es sein. Körperlich fordernd, aber nicht zu anstrengend. Dafür mit einem gewissen Anspruch und Raum für Kreativität.

          Böhle entschied sich für Koch. Am 1. August hat er seine Ausbildung im Hotel Pullman in Köln begonnen. „Gerade wegen der schlechten Arbeitszeiten haben viele von dem Job abgeraten“, sagt Böhle. Aber alle Köche, die er bisher kennengelernt hatte, schienen ihm glücklich zu sein. Das schien ihm ein gutes Entscheidungskriterium. Mit dieser Berufswahl ist Böhle unter seinen Schulfreunden ein Exot. Denn wer Abitur hat, geht studieren - alles andere gilt höchstens als Notlösung. Denn wer es nicht an die Uni oder Fachhochschule schafft, hat sich umsonst durchs Abi gequält und zudem auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen. So sehen das jedenfalls viele Abiturienten und auch deren Eltern. Und wer sich nach dem Abschluss für eine Berufsausbildung statt akademischer Weihen entscheidet, wählt oft eine Bank- oder Versicherungslehre oder lernt Maschinenbauer, um sich auf eine nachfolgende Karriere als BWLer oder Ingenieur vorzubereiten.

          „Viele handwerkliche Jobs sind hochkomplex“

          „An eine Ausbildung im Handwerk denkt hingegen kaum jemand“, sagt Andreas Oehme vom Westdeutschen Handwerkskammertag. Kochazubi? Dachdecker? Schreiner? Goldschmied? Sanitärhandwerker? Das scheint vielen Schulabgängern kein vielversprechendes Karrieresprungbrett. Und viele Eltern wären enttäuscht, würde der Sprössling nach dem Abitur diesen Weg einschlagen. Für die Handwerksbetriebe wird das zunehmend zum Problem: Sie finden kaum noch neue Auszubildende. Früher habe man sich bei der Nachwuchsrekrutierung meist auf Haupt- und Realschüler beschränkt, berichtet Oehme. Doch das reiche längst nicht mehr. „Der Anteil der Abiturienten an den Schulabgängern steigt mit jedem Jahr“, erklärt er. „Gleichzeitig steigen die Ansprüche an die Auszubildenden, viele handwerkliche Jobs sind heute hochkomplex. Wir brauchen gut ausgebildeten, lernbereiten Nachwuchs.“

          Für schnelle Karrieren sind die Zeiten rosig. Denn in vielen Handwerksbetrieben stehe die Nachfolgefrage an, da viele Chefs in den nächsten Jahren in Rente gehen, sagt Oehme. Es fehlen erfahrene, qualifizierte Nachwuchsführungskräfte. Das sei gerade für Abiturienten eine tolle Chance, meint er. Denn durch spezielle Qualifikationsprogramme während und nach der Ausbildung können sie einen verkürzten Weg zum Meister einschlagen. Dann stehen ihnen schon nach wenigen Jahren Führungspositionen und der Weg in die Selbständigkeit offen. Und der Meistertitel steht im sogenannten Qualifikationsrahmen, der den offiziellen Stellenwert verschiedener Ausbildungsabschlüsse angibt, immerhin auf einer Stufe mit einem Bachelor-Abschluss. Mit ihm kann man dann doch noch zum Masterstudium den Weg an die Hochschule finden.

          Doppelt so viele Abiturienten - und immer jüngere

          Auch finanziell stehen Meister nicht schlechter da als Bachelor-Absolventen, im Gegenteil. „Die Verdienstmöglichkeiten sind als Handwerksmeister deutlich besser als zum Beispiel mit einem Germanistik-Bachelor“, wirbt Handwerkslobbyist Oehme. Und die Arbeitslosenquote von Meistern und Technikern liegt sogar noch unter der Quote von Akademikern. „Leider weiß das bloß kaum jemand.“ Das wollen die Handwerkskammern nun ändern - und dazu die Gunst der Stunde nutzen. In einem Bundesland nach dem anderen drängen zurzeit doppelte Abiturjahrgänge auf den Arbeitsmarkt. Das bedeutet: doppelt so viele und immer jüngere Abiturienten, überfüllte Hochschulen, hohe Zulassungsbeschränkungen. NRW-Handwerksvertreter Oehme: „Die Abiturienten werden dadurch offener für Alternativen zum Studium.“

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