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Berufsperspektiven Den Arbeitsmarkt studieren

22.06.2007 ·  Fachkräftemangel macht auch vor Behörden nicht halt. Um qualifiziertes Personal zu bekommen, hat die Bundesagentur für Arbeit eine FH in Mannheim und Schwerin gegründet - zwei gefragte Bachelor-Studiengänge.

Von Sven Astheimer
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Arbeitsmarktverwaltung - das klingt nicht gerade nach dem Stoff, aus dem große, aufregende Karrieren gemacht sind. Daran ändert auch die Tatsache wenig, dass sich die Bundesagentur für Arbeit (BA) mit ihren mehr als 100.000 Beschäftigten gerne als "Deutschlands größter Dienstleister" bezeichnet. Die Materie verheißt eher Graubrot als Haute Cuisine.

Annika Sigl sieht das jedoch ganz anders. Sie hat während ihres Praktikums einen Blick hinter die Kulissen der Arbeitsagentur in Mönchengladbach werfen können und ist fasziniert: "Man kennt den Betrieb ja sonst nur von der anderen Seite des Tisches", sagt die 29 Jahre alte Oldenburgerin. Vor allem in den Beratungsgesprächen mit arbeitslosen Jugendlichen, die sie auch selbst unter Aufsicht führen durfte, sei ihr dann deutlich geworden, wie schwierig und gleichzeitig anspruchsvoll es ist, sich auf jeden Kunden neu einzustellen. Am meisten hat sie beeindruckt, mit welcher Souveränität die Berater alle Ausflüchte entkräftet haben, sagt Sigl. Für die junge Frau steht fest: Wenn sie ihren Bachelor-Abschluss als Fallmanagerin in der Tasche hat, will sie in der Praxis arbeiten.

Annika Sigl ist Sprecherin der knapp 300 Debütanten, die derzeit an der im September 2006 neu gegründeten Fachhochschule der BA einen Abschluss in einem der neuen Studiengänge anstreben. Aufmerksam wurde sie auf das Angebot durch Zufall: Weil es ihr für ihr Fernstudium in Kulturwissenschaften an beruflichen Perspektiven mangelte, suchte sie im Internet nach Wechselmöglichkeiten und landete über Umwege bei den beiden neuen Studiengängen der BA. Neben dem Fallmanager/Berater wird auch die Ausbildung zum Arbeitsmarktmanager angeboten, der noch stärker auf betriebswirtschaftliche Inhalte setzt. Damit bildet erstmals ein Zweig der öffentlichen Verwaltung seinen Nachwuchs auf Basis eines international anerkannten Abschlusses aus.

Mit einer gewissen Skepsis beäugt

Schuld an diesem Novum sind die Hartz-Gesetze. Denn darin wurde 2003 festgelegt, dass die Bundesagentur künftig keine Beamten mehr einstellt. Bislang bildete die Behörde ihre Staatsdiener unter dem Dach der Fachhochschule des Bundes aus. Doch diese Möglichkeit war damit passé. "Wir standen vor der Frage, wie wir jetzt weitermachen", sagt Ute Tesche. Seit Anfang der siebziger Jahre arbeitet sie im Personalwesen der BA. Der Wettbewerb mit der Privatwirtschaft um die besten Mitarbeiter ist gerade in den letzten Jahren härter geworden, sagt sie. Dieser Trend werde sich noch fortsetzen, zumal die BA trotz eines für den öffentlichen Dienst recht flexiblen Tarifvertrages bei der Vergütung nicht mithalten könne. Gegen eine ausschließliche Rekrutierung von außen spricht noch ein anderes Argument: "Herkömmliche Studiengänge decken lediglich ein Drittel unserer Anforderungen ab. Das hat einen erheblichen Nachschulungsbedarf zur Folge", sagt Tesche. Weil die Infrastruktur in Schwerin und Mannheim ohnehin vorhanden war, entschied man sich schließlich für die Gründung einer eigenen Fachhochschule und speziell konzipierter Studiengänge.

Im Nachhinein spricht Bernd Reissert scherzhaft von einem "Himmelfahrtskommando". "Wir wussten damals noch gar nicht so recht, wo wir landen werden", sagt der Gründungsrektor der BA. Die Fachhochschulen des Bundes wurden von den öffentlichen Hochschulen immer mit einer gewissen Skepsis beäugt, erinnert sich der Arbeitsmarktökonom, der zuvor an der FHTW Berlin lehrte. "Wie haltet ihr es denn mit der Forschung? Wollt ihr überhaupt mit anderen Hochschulen zusammenarbeiten?", lauteten die gängigen Fragen. "Denen mussten wir erst mal erklären, dass wir es mit den Qualitätsansprüchen wirklich ernst meinen", sagt Reissert.

Mit Hochdruck arbeiteten die Verantwortlichen an der Umsetzung der Pläne, schließlich läuft die Ausbildung der Beamten im Jahr 2008 aus. Dabei kam ein komplett eigener Studienablauf heraus: Die Studiendauer für beide Bachelor beträgt drei Jahre und besteht aus fünf Trimestern sowie vier prüfungsrelevanten Praktika in den Arbeitsagenturen. Dort erhalten die Studenten auch jeweils einen für die Studiendauer befristeten Anstellungsvertrag, der ihnen ein Einkommen von rund 1400 Euro im Monat garantiert. Das ist auch nötig, sagt Annika Sigl, denn Zeit zum Arbeiten nebenher bleibt keine. "Man leistet hier wirklich was für sein Geld." Verlassen die Absolventen die BA nach der Ausbildung, müssen sie einen Teil des Gehaltes zurückerstatten. Wie jeder andere Arbeitnehmer haben die Studenten einen ganz normalen Urlaubsanspruch, den sie während der Praktikumszeiten wahrnehmen können.

Den Studenten wird auch ein gewisses Maß an Mobilität abverlangt. Der Wechsel zwischen den FH-Standorten Mannheim und Schwerin ist beispielsweise mindestens einmal fest eingeplant. "Wir bereiten sie damit auf das vor, was im Beruf auch von ihnen verlangt wird", sagt Reissert. Denn die BA mit ihren knapp 180 Agenturen im Bundesgebiet und dazu mit Mitarbeitern in weiteren fast 400 Arbeitsgemeinschaften ist darauf angewiesen, dass ihre Mitarbeiter flexibel genug sind, personelle Engpässe rasch zu überbrücken. Was die Studieninhalte angeht, ist von vielen Fächern etwas dabei: Grundlagen der Volks- und Betriebswirtschaftlehre gehören ebenso dazu wie Psychologie, Pädagogik und natürlich juristisches Grundwissen - vom Arbeits- bis zum Insolvenzrecht. Das neue Konzept kam an. Nach nur eineinhalb Jahren erteilte der Wissenschaftsrat der BA-Hochschule im vergangenen Sommer dann die nötige Akkreditierung. "Das war für einen solchen Vorgang extrem schnell", sagt BA-Personalmanagerin Tesche. Damit konnte die Auswahl des ersten Jahrgangs beginnen. Obwohl wenig Zeit blieb, für die neuen Studiengänge Werbung zu betreiben, bewarben sich rund 3000 Kandidaten für einen Studienplatz, was Ute Tesche "sehr überrascht" hat. Die Kandidaten mussten daraufhin ein mehrstufiges Auswahlverfahren durchlaufen. Auf Grundlage der Abiturnote, eines psychologischen Eignungstests und eines Assessment-Centers wurden schließlich die ersten 300 Studierenden ermittelt. Mittlerweile ist auch die zweite Runde gelaufen, am 1. September kann der zweite Jahrgang das Studium aufnehmen.

Ein Dutzend Lehrkräfte verpflichten

Noch ist die neue Fachhochschule jedoch weit von einem geregelten Alltag entfernt. Der Lehrkörper besteht noch ausschließlich aus Kräften der Vorgängerinstitution. "Nicht glücklich" ist Reissert mit diesem Zustand. Der erste Ruf für die neue Institution ist jedoch raus, und bis September soll ein Dutzend Lehrkräfte verpflichtet sein. Auch Reisserts Zukunft entscheidet sich in den kommenden Monaten. Seine Chance, vom Gründungs- zum permanenten Rektor zu werden, dürften jedoch gut stehen.

Zukunftspläne hat er jedenfalls schon einige. Künftig soll die Fachhochschule eine wichtige Rolle bei der Weiterbildung des BA-Personals spielen. Vor allem aber soll die Einrichtung eines Masterstudienganges erfolgen, realistisch ist dafür das Jahr 2010. Der Master soll zum einen für das höhere Management der BA qualifizieren, zum anderen den Weg in internationale Organisationen wie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in Genf oder auch die Europäische Kommission ebnen, "weil Deutschland in solchen Organisationen unterrepräsentiert ist", wie Reissert findet. Allerdings will der Rektor nicht, dass der Master automatisch an den Bachelor gekoppelt wird. Der Zusatzqualifikation soll in der Regel die berufliche Erfahrung vorausgehen. Den Master will auch Annika Sigl irgendwann dranhängen. Aber das hat noch Zeit. Erst mal möchte sie ihr Wissen in der Praxis anwenden. "Denn für mich ist der Arbeitsmarkt ein spannendes Umfeld."

Quelle: F.A.Z., 16.06.2007, Nr. 137 / Seite C6
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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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