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Berufsakademien Studium für Erwachsene

03.12.2008 ·  Berufsakademien präsentieren sich als die praxisnahe Alternative zur Universität. Die Berufsaussichten für BA-Absolventen sind gut, doch für den Uni-Abschluss gibt es meist mehr Einstiegsgehalt und Ansehen.

Von Anna Loll
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Das Unistudium war so, wie Sebastian Fletzberger es befürchtet hatte: grauenhaft. "Der Lernstoff hatte einfach keinerlei Bezug zur realen Arbeitswelt", sagt der Hesse. Oft habe er sich gefragt, was er später im Bewerbungsgespräch sagen sollte. Warum man ihn einstellen müsse. "Da gab es schlicht und ergreifend nichts, was mir aus dem Studium brauchbar vorkam", sagt der frühere Medienwissenschaftsstudent und schüttelt den Kopf. Ulrike Schulz versuchte es gar nicht erst mit der Uni. Der heute 24 Jahre alten Mainzerin war schon nach ihrem Abitur klar, dass sie zwar Mathematik und Physik großartig fand - aber keineswegs die Studienstruktur an deutschen Universitäten. "Ich brauche es, dass mich jemand manchmal ein bisschen antreibt", gibt sie zu.

Beide fanden ihren Platz an der Berufsakademie (BA) in Mannheim. Sie funktioniert nach dem sogenannten baden-württembergischen Modell, wird also staatlich getragen und gehört dem tertiären Bildungssektor an. Die Idee dazu hatten vor mehr als 35 Jahren die Unternehmen Daimler-Benz, Bosch und Standard Elektrik Lorenz. 1974 wurden in Mannheim und Stuttgart die beiden ersten BAs eröffnet, inzwischen gibt es insgesamt 17 in Deutschland - im Südwesten, aber auch in Sachsen und Thüringen; in Berlin ist das Modell in eine Fachhochschule eingegliedert. Überall wird besonderer Wert auf ein praxisnahes Studium gelegt. Geisteswissenschaften findet man hier nicht, stattdessen die Fachbereiche Sozialwesen, Technik und Wirtschaft.

Auszubildender und Student zugleich

Das Einschreibverfahren läuft so: Der Interessierte bewirbt sich bei einem Unternehmen auf eine Ausbildungsstelle, die dieses in Verbindung mit einem Studium an einer Berufsakademie anbietet (Studium bei McDonald´s: Einen McBachelor, bitte). Danach lässt die Berufsakademie denjenigen zu. Ein "BAler" ist dann Auszubildender und Student zugleich, weshalb auch vom "dualen Studium" die Rede ist. Voraussetzung ist dafür in der Regel die allgemeine Hochschulreife, mindestens die Fachhochschulreife. Vom idyllischen Campusleben ist an einer BA allerdings wenig zu spüren. Die Studenten werden zwar von den Unternehmen bezahlt - aber für einen Job wäre neben dem straffen dreijährigen Programm auch keine Zeit. Auf jeweils drei Monate Praxis im Ausbildungsunternehmen folgen drei Monate Theorie an der BA.

Der Unterricht in Mannheim zum Beispiel beginnt um 8 und endet um 17 Uhr. Gelernt wird in Kursverbänden, die Lehrpläne sind genau vorgeschrieben. Wahlmöglichkeiten gibt es kaum. Prüfungen folgen direkt im Anschluss an die Theoriephase. Die Gruppen sind klein, bei oft weniger als 30 Kursteilnehmern kennen die Dozenten die Gesichter und Namen - sich von Kommilitonen auf die Anwesenheitsliste schreiben zu lassen, das funktioniert hier nicht. Es herrscht Anwesenheitspflicht, nur ein Attest befreit davon.

Hausarbeiten nach einem achtstündigen Arbeitstag

"Es ist schon ein sehr erwachsenes Studieren", sagt Sebastian Fletzberger und kehrt kurz den 30 weißen Macs im Labor seines Studiengangs "Digitale Medien" den Rücken zu. Hausarbeiten schreibt der Fünfundzwanzigjährige nach einem achtstündigen Arbeitstag, nicht wie mancher Uni-Student nach einer durchzechten Nacht. Die angehende Elektroingenieurin Ulrike Schulz schmunzelt. "Freunde fragen immer wieder: Was machst du denn in den Semesterferien?", berichtet sie. "Meine Antwort: Na, arbeiten."

Trotzdem ist sie zufrieden mit ihrer Wahl. Ihre Arbeit zur Planung von Signalschaltungen hat ihr Ausbildungsbetrieb, die Deutsche Bahn, direkt übernommen. Das macht sie stolz. "Ich mache nicht nur etwas auf dem Papier. Meine Arbeit wird wirklich gebraucht." Ähnlich sieht es Sebastian Fletzberger. "Ich bin schon seit zwei Jahren in meinem Unternehmen. Der Chef kennt mich und traut mir etwas zu", sagt er. Was seine Bekannten an der Uni während ihrer Praktika machen, erscheint ihm dagegen lächerlich. Auf eine steile Karriere sieht er sich durch das duale Studium bestens vorbereitet.

„Ein bildungs- und beschäftigungspolitischer Erfolg“

Auch viele Unternehmen äußern sich begeistert über das Modell BA. "Die Berufsakademie ist ein bildungs- und beschäftigungspolitischer Erfolg", schwärmt Matthias Landmesser, der die Personal- und Führungskräfteentwicklung von IBM leitet. "Sie ist die ideale Ergänzung zur traditionellen Universität." Deren Absolventen brächten die für viele Aufgaben notwendige wissenschaftliche Tiefe mit, die BAler hingegen hätten den Vorteil, schon direkt nach dem Abschluss über anwendbares Wissen und Erfahrungen zu verfügen. Durch die Praxisphasen kennten sie nicht nur die Unternehmensstrukturen und -prozesse, die enge Verzahnung von Theorie und Berufspraxis erfülle die Voraussetzungen für vielfältige und komplexe Aufgaben.

Entsprechend begehrt sind BA-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt. Während nur knapp die Hälfte aller Uni-Absolventen gleich im ersten Jahr nach ihrem Abschluss einen Job findet, liegt diese Quote an der BA Mannheim bei über 90 Prozent. Es ist vor allem die "Employability", die Fähigkeit, sich im Berufsleben zurechtzufinden, die für "Dual-Studenten" spricht. "Wenn wir einen BAler übernehmen, bringt er wertvolle interne Erfahrungen mit", sagt etwa Maria Riolo, die für die Nachwuchsgewinnung und -entwicklung von Daimler zuständig ist.

Aber können die BA-Absolventen auch in puncto Aufstiegschancen mit Universitätsabgängern konkurrieren? Maria Riolo kann auf sich selbst als Beispiel dafür verweisen: Sie hat an der Berufsakademie in Stuttgart studiert. Je nach Aufgabe suche man einen BA-Absolventen oder jemanden von der Uni, erklärt sie. Nur selten, etwa für Forschung und Entwicklung, seien fast ausschließlich Universitätsabsolventen die erste Wahl. Auch auf allen Führungsebenen von IBM finden sich laut Landmesser BA-Abgänger, vor allem unter den jungen Topmanagern sind sie einer internen Studie zufolge überdurchschnittlich vertreten.

Uni-Absolventen genießen mehr Ansehen

Ist die Berufsakademie also ein Paradies für praxisorientierte Abiturienten? Ganz so heil ist die Welt nicht. Denn es gibt ein Problem mit der Anerkennung des Abschlusses: Ein Universitätsexamen ist auf dem Papier nach wie vor "mehr wert" als der einer Berufsakademie. Deshalb erwartet Uni-Akademiker im Durchschnitt nicht nur ein höheres Einstiegsgehalt (Einstiegsgehälter: Uniabschluss zahlt sich aus), sondern auch oft ein höheres Ansehen. Dabei wollten die Initiatoren des dualen Modells von Anfang an ausdrücklich einen gleichwertigen Abschluss schaffen. Doch erst jetzt stehen die Berufsakademien zumindest in ihrem Stammland vor diesem Ziel: Vom Januar an sollen sie in Baden-Württemberg Hochschulstatus genießen, gerade beraten die Fraktionen über das Gesetz dafür.

An der Tatsache, dass die verschiedenen Studienformen nicht gleichwertig seien, ändere dies allerdings nichts, wendet Gerhard Rübling ein, der Personalgeschäftsführer des Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf aus Ditzingen. Natürlich komme es vor, dass ein BA-Absolvent besser sei als jemand von der Universität. Die Regel sei dies aber nicht, betont der promovierte Soziologe. "Jemand geht nach anderthalb Jahren theoretischer Ausbildung einfach nicht so gut raus wie nach drei." Praxiserfahrung lasse sich auch in Praktika und qualifizierten Nebenjobs erwerben; ein gutes theoretisches Fundament für die Lösung komplexer Probleme hingegen könne man bisher nur an der Universität legen.

Thorsten Kurzawa, der Dekan des Fachbereichs Berufsakademie an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin, sieht das verständlicherweise anders. "Das duale Studienmodell hat sich in seiner besonderen Stärke, die Studenten mit einer hohen Berufsbefähigung auszurüsten, bewährt", sagt er. Früher habe es ein dreistufiges System gesellschaftlicher Anerkennung gegeben: Die Berufsakademien strebten den Status der Fachhochschulen an, diese wiederum den der Universitäten. Inzwischen seien die dualen Studiengänge aber als Alternative zum klassischen Unistudium etabliert. Wohin nun der Weg der Fachhochschulen gehe, bleibe abzuwarten. "Wahrscheinlich wird sich die Reputation eines Studiengangs irgendwann nicht mehr nur nach der Hochschulart richten, sondern nach dem Profil der einzelnen Hochschule."

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