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Beruflich Qualifizierte Von der Werkbank in den Hörsaal

26.01.2011 ·  Wer kein Abitur macht, studiert auch nicht - noch trifft diese grobe Gleichung meistens zu. Das wollen Arbeitgeber und Politiker ändern. Aber der dritte Weg zur Hochschule ist beschwerlich.

Von Sebastian Balzter
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Mit diesen drei Jahren hatte Sebastian Schiller nicht gerechnet. Nach der mittleren Reife hatte der gebürtige Bayer eine Ausbildung zum Systemelektroniker absolviert und danach für den Netzbetreiber Alcatel gearbeitet. Seine Schulnoten waren nie besonders gut, das Lernen lag ihm nicht. „Ein Studium konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen“, berichtet er. Erst während seines Zivildienstes sei er ins Grübeln darüber gekommen, wie lange ihn das Einrichten von Netzwerken wohl noch zufriedenstellen werde. Er entschied sich für die Technikerschule in München - und seitdem läuft es: Mit einem Notendurchschnitt von 1,6 machte er im Sommer 2007 seinen Abschluss, fing gleich danach an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin ein Bachelorstudium im Fach Nachrichtentechnik an, das er inzwischen, mit 28 Jahren, ebenfalls mit Bravour absolviert hat.

Geschichten wie diese mögen die Bildungspolitiker im Lande. Dass Sebastian Schiller zur Verwirklichung seiner akademischen Ambitionen auch noch ein mit 750 Euro im Monat dotiertes „Aufstiegsstipendium“ der Bundesregierung bekommen hat, ist das Tüpfelchen auf dem i. Das vor zwei Jahren ins Leben gerufene Förderprogramm soll die Zahl der Frauen und Männer steigern, die sich aus einem Beruf heraus zum Studium entscheiden. Um den Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft zu lindern, sind sie nach Ansicht von Arbeitgebern und Bildungsforschern unverzichtbar.

Das deutsche Bildungssystem ist wenig durchlässig

Doch das Bildungssystem in Deutschland ist nach wie vor eines der am wenigsten durchlässigen in Europa: Akademische und berufliche Bildung waren jahrzehntelang streng voneinander getrennt. Noch immer sind „beruflich Qualifizierte“ an den Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland Exoten: Nicht einmal 2 Prozent der knapp 425.000 Studienanfänger fielen 2009 in diese Kategorie. Immerhin nimmt ihre Zahl nun zu, in den vergangenen fünf Jahren hat sie sich fast verdoppelt.

Dazu beigetragen haben auch die 2500 Aufstiegsstipendien, die bislang vergeben worden sind. Zwei Drittel der Stipendiaten haben sich im Beruf für ein Studium qualifiziert. Insgesamt 10.000 Bewerbungen für das Stipendium hat das Ministerium nach eigener Auskunft bislang registriert. Deshalb sollen die Mittel für die nächste Förderrunde von 13 auf 22 Millionen Euro steigen.

So wichtig dieser finanzielle Anreiz ist, sagt Thomas Freiling vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung in Nürnberg, so groß sind die formalen und praktischen Hindernisse für Studierwillige auf dem sogenannten „dritten Weg“ an die Hochschulen immer noch. Erst nach und nach setzten die Bundesländer nämlich die schon im März 2009 ausgesprochene Empfehlung der Kultusministerkonferenz um, den Hochschulzugang ohne Abitur einheitlich zu regeln. Wer eine Berufsausbildung abgeschlossen und drei Jahre Berufserfahrung vorweisen kann, soll demnach grundsätzlich eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung erhalten; für Meister soll sie ohne Beschränkung auf ein Fach oder eine Fachgruppe gültig sein.

Ein bürokratischer Dschungel

Was sich einfach anhört, regeln die 16 Bundesländer im Detail unterschiedlich: 40 dichtbedruckte Seiten stark ist deshalb die Übersicht der derzeit geltenden Vorschriften - viele, die sich ein Studium vorstellen könnten, schreckt der bürokratische Dschungel ab. Als zweiten Knackpunkt identifiziert Bildungsforscher Freiling das fehlende Angebot von Bachelorstudiengängen, die sich berufsbegleitend studieren lassen. „Denn wer schon im Beruf steht, will seine Stelle für ein Studium ja nur in den seltensten Fällen für drei oder vier Jahre komplett aufgeben.“ Je älter die Studieninteressierten sind, desto seltener seien sie dazu bereit. Auf die Dauer, glaubt Freiling, werden sich einzelne Hochschulen auf praxisnahe und in Teilzeit zu bewältigende Angebote für berufstätige Studenten spezialisieren, die ohne Abitur ein Studium aufnehmen.

Bislang besetzen vor allem private Bildungsanbieter diesen langsam wachsenden Markt. Jeder fünfte Student an der Wilhelm-Büchner-Hochschule in Pfungstadt bei Darmstadt zum Beispiel ist „beruflich qualifiziert“. Diese Gruppe brauche bis zum Abschluss nicht länger als die Studenten mit Abitur und habe im Examen auch keine schlechteren Noten, versichert Thomas Kirchenkamp, der Kanzler der auf Informatik und Ingenieurwissenschaften spezialisierten Hochschule. „Wer sich nach ein paar Jahren im Erwerbsleben zum Studieren entschließt, bringt gewöhnlich eine sehr große Motivation mit“, begründet er den raschen Ausgleich schulischer Defizite.

Die Studiengänge seien allerdings bewusst anwendungsbezogen aufgebaut, um eine Brücke zur Erfahrung aus dem Berufsleben zu schlagen. „Und mit der Organisation einer üblichen Hochschule hat unsere Verwaltung nicht mehr viel zu tun.“ Bis um 20 Uhr seien die Mitarbeiter zu erreichen, auch am Wochenende würden E-Mails beantwortet. „Berufstätige haben ja nur abends und am Wochenende Zeit zum Studieren“, sagt Kirchenkamp. Länger als fünf Tage je Semester müssten sie deshalb auch nicht zu Seminaren und Vorlesungen in Pfungstadt sein, der Rest des Studiums werde über den Online-Campus und das Tutorennetzwerk der Hochschule abgewickelt.

Wie anstrengend ein Studium zusätzlich zur Berufstätigkeit ist, hat Sebastian Schiller schnell erkannt: Der Nachtdienst an der Tankstelle, mit dem er sich die akademische Bildung anfangs finanzierte, vertrug sich nicht mit den Anforderungen der Studienordnung. Das Stipendium, sagt er, sei für seinen Erfolg an der Hochschule entscheidend gewesen. Einer seiner früheren Arbeitskollegen, der sich auch für einen Bachelorstudiengang eingeschrieben hatte, brach das Studium nach drei Semestern wieder ab - aus finanziellen Gründen, wie Schiller berichtet. Er selbst dagegen hat sich gerade an der Technischen Universität in Berlin für den Masterstudiengang Elektrotechnik eingeschrieben. Und danach? „Vielleicht bleibe ich in der Forschung“, sagt Schiller. Eine Teilzeitstelle am Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik hat er schon.

Ohne Abi zur Uni: In welchen Bundesländern das wie möglich ist, zeigt unsere interaktive Grafik: Studieren ohne Abitur: Wo gibt es welche Möglichkeiten?

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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