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Beruf und Studium : Der Weg zur „dualen Hochschule“

Aufgewertet? BA-Abschluss von der BA Bild: fotolia.com

In Baden-Württemberg sollen die praxisnahen Berufsakademien an die Universitäten herangeführt werden - nach dem amerikanischen Modell der „State University“. Neues Etikett, neue Ziele - und neue Perspektiven für die Studenten.

          Die berufsnahe Bildung ist immer eine Stärke Baden-Württembergs gewesen, sie ist gewissermaßen das pädagogische Pendant zur mittelständisch geprägten Wirtschaftsstruktur. Zu erkennen ist dies an den zahlreichen Berufsfachschulen und an den vielen der breit über das Land verteilten Fachhochschulen, an denen in den kommenden Jahren die meisten neuen Studienplätze geschaffen werden sollen. Hinzu kommt noch eine spezifisch südwestdeutsche Erfindung: die Berufsakademien. Vor mehr als dreißig Jahren übertrug man das Prinzip der "dualen Berufsausbildung" auf die Hochschulen und gründete zunächst in Stuttgart und Mannheim die ersten Berufsakademien. Heute studieren an den Berufsakademien 21 000 Studenten. Das Erfolgsrezept ist einfach: Abiturienten bekommen eine praxisnahe Ausbildung, indem sie Mitarbeiter eines Unternehmens und zugleich Studierende an einer Berufsakademie sind. Sie studieren nur drei Jahre, werden praxisnah ausgebildet. Etwa 90 Prozent der Absolventen verlassen die Akademie mit einem Arbeitsvertrag. In ihrem Erwerbsleben profitieren sie auch von einem guten Netz mit anderen Absolventen und Unternehmen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Heute gibt es Berufsakademien an acht Standorten. Einige Absolventen sind heute Vorstandsvorsitzende großer Druckmaschinenhersteller, Manager bei IBM oder Daimler. Der politisch allerdings gescheiterte frühere Staatsminister im Kanzleramt Hans-Martin Bury (SPD) ist ebenso Absolvent einer baden-württembergischen Berufsakademie wie Gräfin Bettina Bernadotte, die Geschäftsführerin der "Insel Mainau". Trotz des Erfolgs hat sich die Stellung der Berufsakademien im Wettbewerb mit Hochschulen und Fachhochschulen durch den sogenannten Bologna-Prozess verändert: Ein Bachelor-Studium an der Universität dauert genauso lange wie ein Studium an einer Berufsakademie und kann problemlos an allen deutschen Hochschulen mit einem Master-Studium ergänzt werden. Dagegen erwerben die Absolventen der Berufsakademien mittlerweile auch den Titel Bachelor, jedoch wird dieser außerhalb des Landes, vor allem in Norddeutschland, nicht anerkannt. Das hat auch Auswirkungen auf die Berufsakademien, deren größter Vorzug immer die "employability", also die schnelle Anpassung an die Erfordernisse des betrieblichen Alltags war.

          Ein allgemeiner Hoschschulabschluss soll es werden

          Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Frankenberg (CDU) will die Berufsakademien deshalb "weiterentwickeln" und die Abschlüsse und die Qualität der Ausbildung stärker an das Niveau der Hochschulen heranrücken: Künftig soll es eine "Duale Hochschule Baden-Württemberg" geben, die eine Körperschaft öffentlichen Rechts ist und nicht länger nachgeordnete Behörde des Ministeriums. Frankenberg orientiert sich dabei am amerikanischen Modell der "State University", vor allem aber will er erreichen, dass der Bachelor an der Berufsakademie künftig als allgemeiner Hochschulabschluss anerkannt wird. "Die Absolventen der Berufsakademien brauchen einen Abschluss, der international vergleichbar ist. Sie müssen insbesondere die Sicherheit haben, an jeder deutschen Hochschule einen Master machen zu können", sagt Frankenberg. Außerdem soll ein Imageproblem behoben werden, "duale Hochschule" klingt besser und dürfte auch dazu führen, dass es einfacher ist, Lehrpersonal zu gewinnen. Die Umetikettierung der Berufsakademie wird schon seit Jahren diskutiert, erst der Wegfall des Hochschulrahmengesetzes im Herbst 2008 macht diese Reform möglich. Bislang haben die Studienakademien keinen Auftrag zu forschen. Auch das soll sich ändern: In dem novellierten Gesetz sollen die Studienakademien der Berufsakademien auch angewandte Forschung betreiben dürfen.

          BA-Absolventin: Bettina Gräfin Bernadotte, Geschäftsführerin der Insel Mainau

          Die Einführung von Studiengebühren hat den Berufsakademien den größten Zuwachs von Studienanfängern beschert: 15 Prozent mehr Studienanfänger entschieden sich für die Kombination von betrieblicher und theoretischer Ausbildung. Die Vorteile für die Studenten, zumindest diejenigen, die Betriebswirt, Wirtschaftsingenieur, Informatiker oder Sozialpädagoge werden wollen, sind naheliegend: Sie verdienen etwa 800 Euro und haben nach sechs Semestern ihr Diplom. Trotz Studiengebühren bleibt ihnen ein Einkommen. Zum Missfallen vieler Fachhochschulen werden die Berufsakademien am meisten vom Ausbauprogramm "Hochschule 2012" profitieren, mit dem das Land zusätzliche Studienplätze schaffen will, um auf den doppelten Abiturjahrgang und die steigende Bewerberzahl zu reagieren.

          Auch in Sachsen oder Thüringen, Spanien oder Indonesien

          Berufsakademien gibt es zwar auch in Sachsen oder Thüringen, Spanien oder Indonesien, doch das Modell ist weiterhin nur begrenzt in andere Länder übertragbar. Denn Voraussetzung für das Wachstum und für das Funktionieren ist eine ausreichende Zahl von Ausbildungsplätzen. Etwa 7500 Unternehmen sind in Baden-Württemberg Ausbildungsbetriebe innerhalb des "dualen Hochschulsystems". Auch in diesem Fall profitiert die Politik von der dichten Unternehmensstruktur und der Stärke vieler mittelständischer Firmen im Südwesten.

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