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Behinderung Berufseinstieg mit Handicap

30.09.2010 ·  Behinderte Hochschulabsolventen suchen oft lange, bis sie eine Arbeit finden. Doch haben sie es leichter als Nichtakademiker, weil die geistige Arbeit im Vordergrund steht.

Von Birgitta vom Lehn
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Viktoria Przytulla fällt das Sprechen schwer. Die 42 Jahre alte Frau ist halbseitig spastisch gelähmt. Bei der Geburt bekam sie zu wenig Sauerstoff. Die Grundschulzeit verbrachte Przytulla auf einer Förderschule für Körperbehinderte, das Abitur legte sie an einem Privatgymnasium ab. Zum Studium der Sozialpädagogik ging sie nach Marburg und Köln, anschließend verbrachte sie ein Austauschjahr in Costa Rica. Heute ist Przytulla Projektleiterin im Bonner „Kompetenzzentrum Behinderung, akademische Bildung, Beruf“ (Kombabb) und gibt Menschen, die ähnlich wie sie mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen umgehen müssen, Tipps zum Start ins Berufsleben.

Wie viele Hochschulabsolventen in Deutschland eine solche Unterstützung brauchten, weiß man nicht genau. In den Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks schwanken die Zahlen zwischen 10 und 20 Prozent. Allerdings werden dort chronische Erkrankungen und körperliche Behinderungen zusammengerechnet. Den größten Anteil dürften die Allergiker ausmachen. Der Anteil an Hör- und Sehgeschädigten sowie körperlich Behinderten ist vermutlich deutlich kleiner. Das legt auch eine Untersuchung der Fernuniversität Hagen nahe, an der mehr Studenten mit Behinderung eingeschrieben sind als an Präsenzhochschulen. Auf die Frage „Sind Sie chronisch krank?“ antworteten 14 Prozent mit Ja, auf die Frage „Sind Sie behindert?“ nur 6 Prozent.

Viktoria Przytulla ist überzeugt: „Behinderte Menschen mit akademischem Abschluss haben es leichter als Behinderte ohne Hochschulabschluss. Denn es steht die intellektuelle Arbeit im Vordergrund. Die körperliche Behinderung lässt sich so besser ausgleichen.“ Nur lassen sich Barrieren im Kopf doch nicht so schnell beseitigen. Vor allem kleinere Betriebe sind oft unsicher: Kann der Behinderte die volle Leistung erbringen? Was muss bei der Einrichtung seines Arbeitsplatzes bedacht werden? Letztlich komme es darauf an, wie ernsthaft sich die Unternehmensleitung damit befassen wollten, sagt Przytulla. Der in Stellenanzeigen übliche Satz, dass bei gleicher Eignung Menschen mit Behinderungen bevorzugt eingeladen würden, sei schließlich „sehr dehnbar“.

Liegt eine Sprech- oder Hörbehinderung vor, suchen Absolventen besonders lang

Ursula Jonas von der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung beim Deutschen Studentenwerk sieht das ähnlich, betont aber: „Auch für Akademiker mit Behinderung gilt, dass sie aufgrund der Qualifikation für eine Stelle eingestellt werden, nicht aufgrund einer Behinderung.“ Die Sorge, dass ein Mitarbeiter keine volle Leistung erbringen könne, sei in der Regel unbegründet: „Die kognitiven Fähigkeiten stehen ja im Vordergrund.“ Und doch: Liegt eine Sprech- oder Hörbehinderung vor, suchen Absolventen oft besonders lang. „Je mehr die Behinderung dazu führt, dass Kommunikation, Arbeitsweise oder Verhalten von dem, was Arbeitgeber gewohnt sind, abweichen, desto schwieriger ist der Berufseinstieg“, berichtet Sven Drebes. Der 36-Jährige, der seit seinem zweiten Lebensmonat spastisch gelähmt und sprachbehindert ist, schlägt vor, mit möglichen Arbeitgebern über das Internet zu chatten. Zum Telefonieren braucht er einen Assistenten. Das Tippen mit einem Finger dauere zwar etwas länger, dafür könne er es ohne fremde Hilfe.

Drebes studierte Volkswirtschaft. Er promovierte und arbeitet jetzt als Referent für Behindertenpolitik für die Bundestagsfraktion der Grünen. Er kenne einen Absolventen, erzählt Drebes, der trotz eines Studienabschlusses mit der Note eins seit sechs Jahren eine Stelle suche. „Er hat im Prinzip die gleiche Behinderung wie ich, nur stärker. Er kann die Hände nicht einsetzen und wird in der Regel nur von Leuten verstanden, die ihn länger kennen.“

Bei der Bewerbung lieber mit offenen Karten spielen

Wie sollen sich Hochschulabsolventen mit Handicap bewerben? „Wenn man anerkannt schwerbehindert ist, empfiehlt es sich, im Anschreiben auf diese Tatsache hinzuweisen“, rät Drebes. „Gutwillige Arbeitgeber“ schalteten dann die Schwerbehindertenvertretung des Betriebes ein. Außerdem könne eine spätere Bekanntgabe der Behinderung das Verhältnis belasten. Eine Pflicht, auf die Behinderung hinzuweisen, gebe es aber nicht. „Diagnosen und Fachbegriffe sollte man vermeiden“, rät Drebes. „Man kann in der Anlage zum Lebenslauf lösungsorientiert beschreiben, wie sich die Behinderung bei der Arbeit auswirkt.“ Viktoria Przytulla geht noch weiter: „Man kann die Behinderung auch positiv verkaufen.“ So könne bei einer Beschäftigung im sozialen Bereich die Behinderung als wichtige Erfahrung dargestellt werden. Auch könne man dem Arbeitgeber erklären, dass jemand, der aufgrund seiner Behinderung gewohnt ist, dauerhaft Assistenzen zu beschäftigen, über Erfahrung in Personalmanagement verfügt. „Auch dass man gelernt hat, Hindernisse zu überwinden und kreativ zu sein, kann ein wichtiger Aspekt für die Bewerbung sein“, glaubt Przytulla.

Mark Heyden hat es geschafft: Der 33 Jahre alte Jurist, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist aufgrund eines Geburtsfehlers manuell und sprachlich eingeschränkt. Seit kurzem hat er aber nicht nur beide Staatsexamina in der Tasche, sondern auch eine Stellenzusage des Bundesgesundheitsministeriums. „Ausschlaggebend war wohl, dass ich im Ministerium einen Vortrag zum Thema ,Gewalt in der häuslichen Pflege' gehalten habe. Das Thema ist aktuell, und im Vortragen bin ich sehr gut“, sagt Heyden selbstbewusst. Zuvor hatte er sich freilich eineinhalb Jahre lang erfolglos beworben.

Technische Hilfe oder Assistenzen zahlen die Ämter nur bis zum Bachelor

Auf ein Problem der Bologna-Reform macht „Probas“ aufmerksam, das „Projekt zur Weiterqualifikation für schwerbehinderte Bachelor-AbsolventInnen“. Die Projektpartner, das Paul-Ehrlich- und das Robert-Koch-Institut, sowie der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, erklären, dass der Bachelorabschluss oft für eine akademisch anspruchsvolle Tätigkeit nicht ausreiche. „Der Bachelor ist kein wissenschaftlicher Abschluss. Ein Biologie-Bachelor steht höchstens auf einer Stufe mit einem Laboranten“, sagt Probas-Sprecherin Annetraud Grote. „Damit ist keine wissenschaftliche Karriere möglich.“ Nun gibt es aber eine Schwierigkeit: Behinderte Studenten benötigen oft technische Hilfe oder Assistenzen; die zahlen ihnen die Ämter in der Regel aber nur bis zum ersten berufsqualifizierenden Abschluss. Der Master wird als Luxus betrachtet, für den es keine Hilfe mehr gibt. „Das entspricht überhaupt nicht der beruflichen Realität“, empört sich Grote.

Die Juristin ist selbst auf den Rollstuhl angewiesen. „Wer weiß, ob ich unter den heutigen Umständen so weit gekommen wäre. Behinderte standen bei der Studienreform nicht im Fokus“, kritisiert sie. Auch der strikte modulare Studienaufbau stelle die meisten Betroffenen vor große Schwierigkeiten. Wer Reha-Maßnahmen brauche oder Krankengymnastik machen müsse, könne verpassten Stoff nur schwer nachholen. Die Folge seien schlechtere Noten. „Ein Spiegel für die Intelligenz“, sagt Grote, „ist das aber nicht.“

Einstiegshilfen

Die Informations- und Beratungsstelle „Studium und Behinderung“ des Deutschen Studentenwerks veranstaltet für Menschen mit Behinderung Seminare zum Berufseinstieg. Es gibt ein Bewerbungscoaching und Tipps zu finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten. Mehr Infos: http://www.studentenwerke.de/behinderung

Speziell für schwerbehinderte Akadademiker gibt es die Beratungsstelle in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit in Bonn. Derzeit werden dort 300 Bewerber betreut

Bewerber mit Handicap haben der ZAV zufolge gute Chancen in Ministerien, Behörden und Wohlfahrtsorganisationen sowie in Hochschulen, Selbsthilfeorganisationen und Verbänden, zunehmend aber auch in der Privatwirtschaft.

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