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Bachelorstudium „Für ein Bier mit Freunden war immer Zeit“

28.10.2008 ·  Studenten und Professoren stöhnen über die neuen Studiengänge: Sie lassen keine Zeit für Auslandserfahrungen, keinen Raum zur Entwicklung der Persönlichkeit. Aber es gibt auch Gegenbeispiele.

Von Ruth Neumann
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Für Jasper Bittner sieht eine ganz normale Uniwoche ungefähr wie die eines Managers aus: Achtzehn Semesterwochenstunden. Vor- und Nachbereitung von Seminaren. Klausuren. Vier Stunden als Hiwi seines Geschichtsprofessors. Montagabend Planungssitzung des studentischen Wirtschafts- und Kulturclubs. Mittwochabend dreieinhalb Stunden Orchesterprobe der akademischen Philharmonie. Freitags Klavierunterricht. Die Semesterferien verbringt er teilweise auf Seminaren der Studienstiftung. Den Rest seiner Zeit nutzt er für Hausarbeiten.

Doch Verdrossenheit ist dem 22 Jahre alten Studenten, der an der Universität Heidelberg für den Bachelorstudiengang in Geschichte und Politikwissenschaft eingeschrieben ist, trotz diesem Pensum nichts anzumerken. Er ist also eines jener „Versuchskaninchen“ aus der ersten Generation der Studenten in Detuschland, die mit der im Zuge des Bologna-Prozesses umgestellten Studienstruktur auskommen müssen. Das bedeutet sechs Semester straffes Programm mit wenig Freiraum für private Interessen. Hinzu kommt, dass es den Bachelor-Studiengang in Heidelberg erst seit zwei Semestern gibt, das bringt die typischen Anlaufschwierigkeiten mit sich. Doch Jasper Bittner scheint den Stress gut abfedern zu können. Wie geht das, wo doch der Bachelor angeblich der persönlichen Entfaltung junger Akademiker entgegensteht? „Manche schultern mehr, manche weniger – wie das eben so ist“, sagt er selbst. „Der Bachelor nimmt wenig Rücksicht auf die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Studenten. Die Uni ist eben keine Spielwiese mehr, wie das vielleicht bei unseren Eltern noch war.“ Seinen Auslandsaufenthalt aber plant auch er erst nach dem Bachelor-Examen, vorher passt es kaum in die verkürzte Regelstudienzeit.

Ausgleich mit Musik und Vereinsarbeit

Private Inseln aber gibt es neben all den universitären Pflichten immer noch. Seine Freiräume füllt er mit Musik, aber auch mit viel Verantwortung: Im Vorstand des Heidelberger Clubs für Wirtschaft und Kultur ist er für die Organisation des jährlichen Symposiums zuständig. In der heißen Vorbereitungsphase klingelt ununterbrochen das Telefon, das Büro muss besetzt sein, Referenten springen ab, die Planung muss kurz vor knapp noch geändert werden – und all das oft parallel zu anstehenden Prüfungen.

Das Engagement lohnt sich dennoch, findet Jasper Bittner. „Der Club bietet eine soziale Plattform. Man ist ständig gefordert, in der Gruppe zurechtzukommen, gemeinsam etwas zu entwickeln. Außerdem wird die eigene Organisationsfähigkeit enorm geschult.“ Ähnlich sei es im Orchester. Diese Alternativen zum „Einzelkämpfertum“ an der Uni, wie er es nennt, wiegen den Stress seiner Ansicht nach bei weitem auf.

Die Entwicklungsmöglichkeiten im Bachelorstudium seien geringer als in den alten Magister- oder Diplomstudiengängen, das aber glaubt auch Jasper Bittner. Dass die Belastung durch das Studium zugenommen hat, hält er jedoch für ein Märchen. „Schnellebigkeit, Effizienzdenken und ständiger Wandel sind Anforderungen, mit denen jeder Student heute zurechtkommen muss. Das hat aber mit dem Abschlussziel eigentlich nichts zu tun.“

Bei aller Last: Sicherheit und Struktur

Die Studenten, die anders als Jasper Bittner Rat und Unterstützung für ihren Studienalltag suchen, kommen in Heidelberg zu Hedi Blumer. Sie ist Abteilungsleiterin der Zentralen Studienberatung der Universität. Es wird noch etwas dauern, bis die neuen Studiengänge sich eingespielt haben, glaubt sie. Die Hochschulen, darauf setzt sie, werden aber schon bald genauer sehen, wo die Probleme liegen, werden ihre Erfahrungen auswerten und die Studienprogramme klarer gestalten. „Viele Menschen tun sich mit Veränderungen schwer“, sagt Blumer. „Das geht den Studenten genauso wie dem Lehrkörper.“ Viele junge Leute seien überbelastet. Ob das allerdings mit dem Bachelor zusammenhängt, sei zweifelhaft. Jeder verkrafte Druck unterschiedlich. Derzeit werde außerdem noch oft außer Acht gelassen, dass die neuen Studiengänge auch Sicherheit und Struktur schafften.

Leistung und Effizienz spielen im Studium heute eine größere Rolle als vor einem Jahrzehnt, so viel dürfte sicher sein – immerhin sollen Bachelor- und Masterstudiengänge explizit auf die Arbeitswelt vorbereiten, und die hat sich schließlich auch verändert. Gravierender als den tatsächlichen Arbeitsaufwand empfinden viele Studenten aber das Chaos bei der Umstellung des Studiensystems.

Ein Auslandsaufenthalt aber lässt sich auch heute schon in den sechs Semestern Bachelor-Regelstudienzeit unterbringen. Das hat jedenfalls Axel Wodrich geschafft, der als einer der ersten an der Universität Rostock Politikwissenschaft und Recht auf Bachelor studiert hat. Er hat alle Pflichtscheine in nur vier Semestern gemacht und danach ein Jahr in Frankreich verbracht. In den Semesterferien hat er Praktika im Bundestag sowie in den deutschen Botschaften in Thailand und in Iran absolviert. Viel Organisation war dafür notwendig, aber es hat immer irgendwie geklappt. „Chaosphasen muss man in Kauf nehmen“, sagt der Fünfundzwanzigjährige. „Wenn man in einem fremden Land mit acht Leuten ein Zimmer in der Jugendherberge teilt, die Landessprache nicht spricht und am Montag die Uni beginnt, dann will man schon manchmal alles hinschmeißen.“

Flexibel und belastbar geworden

Rückblickend aber habe sich der Aufwand gelohnt. Vor allem, weil er mit der Zeit flexibel und belastbar geworden sei. „Und für ein Bier mit Freunden hatte ich trotzdem immer Zeit.“ Seiner Ansich nach trauen sich viele Studenten Auslandssemester oder Praktika zu Unrecht nicht mehr zu. „Es gibt so viele Möglichkeiten, sein Studium selbst zu gestalten. So gibt es auch viele Stipendienprogramme, die man gar nicht kennt.“ Wodrich selbst sattelt jetzt ein Masterprogramm auf seinen Bachelor auf. Die Abschlussarbeit schreibt er als Forschungsstudent zum Teil an der Harvard University. Wo er danach sein wird? „Überall auf dieser Welt“, sagt er. Trainiert dafür hat er jedenfalls schon.

Sind Axel Wodrich und Jasper Bittner krasse Ausnahmen von der Regel? Silke Rodenberg vom Akademischen Auslandsamt der Uni Heidelberg zumindest kennt viele Studenten, denen die neue Studienstruktur Angst macht. „Die meisten empfinden ein Auslandssemester heute als verlorene Zeit, weil sie dann ein oder zwei Semester länger für ihren Abschluss brauchen“, sagt sie. Das Auslandsstudium stelle aber eine Zusatzqualifikation dar, die eine längere Studienzeit in jeder Hinsicht wettmache. „Die Studenten sind ohnehin viel jünger als früher. Ein Auslandsjahr ist eine hervorragende Möglichkeit, den Horizont zu erweitern. Viele brauchen in dem Alter auch noch Zeit, um sich etwas auszuprobieren.“

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