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Auswahltests Assessment für Abiturienten

07.08.2009 ·  Jeder siebte Studienanfänger stellt sich vor dem ersten Semester dem Auswahlverfahren seiner Wunschhochschule. Manche sind echte Konditionstests. Und manche sind ziemlich selektiv.

Von Alex Westhoff
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Abitur ist gut, Auslese ist besser. Die Zeiten, in denen sich die deutschen Hochschulen auf das Urteil der Schulen verlassen und die von der ZVS (Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen) sortierten Ströme von Studienanfängern in Empfang genommen haben, sind vorbei: 60 Prozent ihrer Studenten dürfen Unis und Fachhochschulen selbst aussuchen. Wo früher nach Abiturnote und Wartezeit entschieden wurde, sind jetzt nicht nur an privaten Hochschulen ausgefeilte Auswahlverfahren angesagt. Jeder siebte Studienanfänger hat im vergangenen Jahr ein solches mitgemacht.

Manche dieser Tests haben es in sich: Besonders hart nimmt die Bucerius Law School in Hamburg ihre Bewerber ran. Wer sich jährlich mit etwa 600 Konkurrenten um einen von 100 Studienplätzen an der ersten privaten deutschen Jura-Hochschule mit Habilitationsrecht balgen will, benötigt vor allem eins: Kondition. Ohne sehr gutes Abitur und ebensolche Englischkenntnisse braucht man sich außerdem gar nicht erst zu bewerben. Los geht der Testtag an der Alster mit dem Verfassen eines Essays zu einem von zwei vorgegebenen Themen, dafür sind 45 Minuten vorgesehen. Im folgenden Multiple-Choice-Test (21 Minuten) werden logisches Denken und Abstraktionsfähigkeit kontrolliert, ehe anhand von Diagrammen und Tabellen der Umgang mit quantitativen Relationen erfasst wird (50 Minuten).

„Das ist hammerhart, einfach nur hammerhart“

„Das ist hammerhart, einfach nur hammerhart“, sagt eine Studentin aus Wuppertal, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will - die Zwanzigjährige ist im vergangenen Jahr an den Einstiegshürden für die Law School gescheitert. „Das hat gar nicht mehr aufgehört. Man steht ja die ganze Zeit total unter Strom während der Prozedur.“ In weiteren 46 Minuten wird noch überprüft, ob der Anwärter komplexe Informationen auf das Wesentliche reduzieren kann. Dann schließen sich zwei weitere Tests an, die über eine Stunde dauern. Damit wäre immerhin der schriftliche Teil geschafft.

Doch die Marathonbewerbungsveranstaltung nimmt erst richtig Fahrt auf: Nun geht es für den Bewerber an die Entwicklung eines fünfzehnminütigen Thesenvortrags, der ebenso lang in der Gruppe diskutiert wird. In zwei jeweils halbstündigen Einzelgesprächen mit dem Studierwilligen gehen die Beurteiler der Sache dann auf den Grund: Ist der Bewerber den Anforderungen des Studiums an der Law School gewachsen? Aufschluss gibt vielleicht der letzte Bewerbungs-Tagesordnungspunkt: Gruppendiskussion (100 Minuten). Ein Thema wird vorgegeben, bearbeitet, präsentiert und diskutiert.

Plötzlich geht es um die Person

Nicht nur in Hamburg werden die Auswahlverfahren der Universitäten den Assessment-Centern von Unternehmen immer ähnlicher. Für viele Abiturienten ist es neu, dass es plötzlich sehr konkret um ihre eigene Person geht. In Klausuren und Prüfungen in der Schule wurde schließlich nur Fachwissen abgefragt. Doch nach dem Abitur wird in der weiterführenden Bildungswelt nicht mehr der Wissensstand sondiert. Es geht stattdessen um das Potential. In Motivationsschreiben werden die angehenden Studenten auf den schmalen Grat zwischen Sichdarstellen und Sichaufplustern getrieben, dazu kommen Interviews, Essays, Präsentationen und Fallstudien. Jede Uni kocht ihr eigenes Süppchen, lässt sich weitgehend selbständig eigene Aufnahmekriterien einfallen - so glaubt man das eigene Profil zu schärfen. Die ZVS ihrerseits vergibt derzeit nur noch Plätze für die Fächer Biologie, Medizin, Pharmazie, Psychologie sowie Tier- und Zahnmedizin.

Der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann hält die Vergabe von Studienplätzen nach dem Numerus clausus hingegen für gerechter als hochschulinterne Auswahlverfahren. Was die soziale Zusammensetzung angeht, sei die ZVS weniger selektiv als die Verfahren in der Universität. Der Elitenforscher glaubt, dass hochschulintern persönliche Vorlieben der Professoren und Beurteiler den Ausschlag geben - so würden Kinder aus bürgerlichen Familien Arbeiterkindern vorgezogen.

Wenn es die 1,0-Abiturienten am schwersten haben

„Am schwersten haben es bei uns oft die Abiturienten mit einem Schnitt von 1,0“, sagt Rainer Böhme, der Sprecher der privaten Zeppelin-Universität am Bodensee. Die Friedrichshafener wollen „keine Streber und Einzelkämpfer, sondern sozialverträgliche Studenten“, so Böhme. Karrieren von Schülern, die sich über die Hauptschule zur mittleren Reife und später noch zum Abitur durchgebissen haben, seien deshalb keine Seltenheit. Etwas im Kopf müssen die Bewerber aber haben, um unter 1600 Gleichgesinnten einen von 130 Studienplätzen zu erreichen. Vierzehn Tage lang wird ausgesiebt.

Als „eines der subjektivsten Verfahren in der deutschen Bildungslandschaft“ bezeichnen die Verantwortlichen selbst ihr Vorgehen. Denn die Gruppe der Entscheider - neben Wissenschaftlern gehören ihr auch Journalisten und Unternehmer an - wird von Jahr zu Jahr neu zusammengesetzt. Die Aufnahmekriterien stehen auch nicht in einem Katalog, sondern werden individuell in der Kommission besprochen. „Eine Abbrecherquote von unter 3 Prozent zeigt, dass wir meist richtig liegen“, sagt Böhme.

Acht Stunden Aufmerksamkeit bekommt jeder Bewerber, der es zu den Testtagen an der Zeppelin-Universität schafft. Teil des Prozedere ist auch eine Fallstudie, für die die angehenden Studenten direkt in die wahre Wirtschaftswelt geschickt werden. Dann gilt es zum Beispiel, innerhalb von 150 Minuten ein Marketingkonzept für einen regionalen Schnapsbrenner zu entwickeln. Es kann aber auch eine Aufgabe in der Bahnhofsmission oder im Gefängnis der Stadt Ravensburg sein. Präsentiert wird dann vor den Chefs oder leitenden Mitarbeitern. Da haben Blender einen schweren Stand.

„Studienrelevante außerschulische Leistungen“

Die Leuphana Universität in Lüneburg, eine unabhängige Stiftung öffentlichen Rechts, sortiert ihre Bewerber ihrerseits nach einem Katalog namens „Studienrelevante außerschulische Leistungen“. So zählt beispielsweise ein Erfolg bei „Jugend forscht“ sieben Punkte, eine bayerische Jugendmeisterschaft im Hochsprung bringt fünf Punkte. Diese Extrapunkte werden auf die Abiturnote angerechnet. So kann ein solides Abi zu einem sehr guten veredelt werden. Damit ist aber noch nichts gewonnen: Auch Einserschüler müssen an den Testtagen in Lüneburg noch beweisen, wie es um ihre Teamfähigkeit und ihr soziales Verhalten bestellt ist. Dazu muss sich jeder, der es in die engere Auswahl geschafft hat, eine halbe Stunde lang von einer Jury vermessen lassen, ein Kurzreferat halten und eine Gruppendiskussion leiten. Im schriftlichen Test werden Auffassungsgabe, logisches Denken und Sprachgefühl unter die Lupe genommen.

Die Auswahl für die Hochschulen nimmt zu. In den nächsten vier Jahren wird wegen der doppelten Abiturjahrgänge, die das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium in vielen Ländern bringt, die Zahl der jährlichen Studienanfänger steigen - und damit die Zahl derer, die von den Unis auf den Prüfstand gestellt werden. Die sogenannten Soft Skills spielen dabei eine immer größere Rolle. Praktika, Auslandserfahrung und soziales Engagement während der Schulzeit sind vielerorts gefragt. Vorbild sind die Vereinigten Staaten, wo Auswahlverfahren an den Unis gang und gäbe sind und Berater als „College Counsels“ Schülern zu Hilfsdiensten in Obdachlosenheimen raten, um ihren Lebenslauf aufzupolieren - so weit ist es hierzulande noch nicht gekommen.

Weder auf die Abiturnote noch auf den Lebenslauf hingegen achten die Sport-, Musik- und Kunsthochschulen, die seit jeher in Eignungstests die besondere Begabung ihrer Bewerber überprüfen. Geradezu berüchtigt ist etwa der Eignungstest der Sporthochschule Köln. In zwanzig Disziplinen müssen die Studienanfänger ihre physischen Fähigkeiten beweisen. Nur eine Übung darf vermasselt werden, sonst war's das. Die Prüfer in Köln haben die verrücktesten Geschichten zu erzählen: Kreislaufkollaps, Heulkrampf, Schimpftiraden. Im Schwimmbecken über 100 Meter und auf der Tartanbahn spielen sich regelmäßig wahre Dramen ab. Mancher coole Typ beherrscht zwar ein Rückschlagspiel, scheitert aber an fünf Klimmzügen oder spätestens an der Gymnastik-Tanzkür.

Erst mal sich selbst überprüfen, bevor man sich den professionellen Beurteilern der Hochschulen stellt: Im Internet finden sich verschiedene kostenlose Tests, mit denen Studenten die Anforderungen eines Faches kennenlernen können. „Self-Assessment“ heißt dieses Vorgehen auf Neudeutsch. Unter www.assess.rwth-aachen.de bietet die Technische Hochschule Aachen Tests für Interessierte an den Fächern Informatik, Maschinenbau und Physik an. Ein Test des Verbunds Norddeutscher Universitäten findet sich unter: www.selfassessment.uni-nordverbund.de.

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