22.12.2008 · Eine Promotion im Ausland schiebt die Karriere an. Doch viele Stiftungen achten darauf, dass Geförderte auch wieder nach Deutschland wollen. Nur: Wer das Netzwerk zu Hause nicht pflegt, verbaut sich damit die Rückkehr.
Von Sarah SchuhenAls Lena Sappelt bei einer deutschen Stiftung anrief, traute sie ihren Ohren kaum. Höflich hatte sie sich nach Fördermöglichkeiten für eine Promotion im Ausland erkundigt. Doch die Frau am anderen Ende der Leitung antwortete mürrisch: "Das ist doch nur eine Modeerscheinung, dass gerade alle ins Ausland wollen." Förderung? Fehlanzeige. Dabei war Sappelts Vorhaben, am University College London (UCL) im Fach Menschenrechte zu promovieren, keineswegs nur eine Laune. Vielmehr hatte sie gute Gründe dafür. "In Deutschland gibt es einfach kein vergleichbares Institut", sagt die Fünfundzwanzigjährige, die im wirklichen Leben anders heißt. Zudem zähle die UCL zu den fünf britischen Elite-Unis. Eine Promotion hier mache sich hervorragend im Lebenslauf - vor allem, weil sie später in einer internationalen Organisation arbeiten will. "Ohne eine besondere Auslandserfahrung braucht man sich dort gar nicht erst zu bewerben", sagt Sappelt.
Ihr Politikstudium in Deutschland hatte sie zügig durchgezogen. Als sie dann auch eine Professorin der UCL von ihrem Promotionsvorhaben überzeugt hatte, dachte sie, die größte Hürde auf dem Weg zum "PhD" sei genommen. Von wegen. "Wenn meine Eltern nicht wären, dann wäre diese Promotion völlig unmöglich", sagt sie heute. "Selbst wenn ich Vollzeit als Kellnerin arbeiten würde, könnte ich davon nicht leben." Denn zu den hohen Lebenshaltungskosten in London kommen auch noch rund 3300 Pfund oder 4000 Euro Studiengebühren im Jahr.
DAAD-Stipendien sind rar
Für Benjamin Kohlmann sind es sogar 3500 Pfund. Doch der 27 Jahre alte Student der Englischen Literatur konnte eines der wenigen Doktorandenstipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) ergattern, um in Oxford über die Politisierung der englischen Literatur in den dreißiger Jahren zu promovieren. Ohne den Zuschuss könnte er seine Promotion nicht finanzieren. "Ich habe Kommilitonen, die müssen ihre Doktorarbeit immer wieder für Monate oder sogar ein Jahr unterbrechen, um in der Zwischenzeit Geld zu verdienen", berichtet er.
Die Daimler-Benz-Stiftung ist eine der wenigen deutschen Einrichtungen, die Stipendien für Promotionen vergibt, die komplett im Ausland geschrieben werden. "Wir legen Wert darauf, dass die Doktoranden eine längere Zeit im Ausland bleiben, damit sie dort Anbindung an internationale Netzwerke finden", erläutert Thomas Schmitt, der Sprecher der Stiftung, das Konzept. Voraussetzung für eine Förderung sind exzellente Abschlussnoten, nach einem Auswahlseminar entscheidet eine Kommission dann über die endgültige Aufnahme. 800 Auslandsstipendiaten hat die Stiftung seit 1987 gefördert.
Auch die Studienstiftung des Deutschen Volkes und der DAAD fördern Auslandspromotionen, allerdings nur in Ausnahmefällen. "Eine Auslandspromotion muss besonders gut begründet werden. Zudem muss man schon während des Studiums bei uns Stipendiat gewesen sein", sagt Hans-Ottmar Weyand von der Studienstiftung, die zurzeit rund 50 Auslandsdoktoranden fördert. Der DAAD achtet außerdem darauf, dass die geförderten Doktoranden langfristig nach Deutschland zurückkehren wollen.
Unternehmen suchen ander als Stiftungen
Genau das Gegenteil suchten viele internationale Konzerne, sagt Jürgen Bühler von der Personalberatung "Alma Mater", die sich auf die Vermittlung von Hochschulabsolventen spezialisiert hat. "Wenn ein Neuling nach drei Jahren beschließt, dass er doch nicht von zu Hause wegwill, ist das verlorenes Geld für das Unternehmen." Die Personalverantwortlichen werteten eine Promotion in der Fremde deshalb oft als Indiz dafür, dass ein Kandidat auch auf Dauer im Ausland arbeiten wird. "Diese Bewerber beweisen, dass sie ein Gefühl für andere Kulturen haben", sagt Bühler.
Noch besser, wenn sie außerdem auch ihr Netzwerk zu Hause regelmäßig pflegen. Denn sonst, davor warnt auch Jürgen Bühler, laufen sie Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Der 40 Jahre alte Molekularbiologe Christoph Schorl, der zurzeit an der Brown University in Providence im amerikanischen Bundesstaat Rhode Island arbeitet und zuvor in Schottland seine Doktorarbeit geschrieben hat, hat diese schmerzliche Erfahrung gemacht. "Als ich mein Hauptstudium in Biologie in Bochum abgeschlossen hatte, konnte man mit Biologen die Straße pflastern", berichtet er. "Ich wollte etwas Besonderes machen und ging deswegen für die Diplomarbeit und dann auch für die Promotion ins Ausland." Jetzt, zwölf Jahre später, würde er gerne zurückkommen. Doch ihm fehlen die Kontakte zu deutschen Instituten und das Vertrauen potentieller Arbeitgeber in seine Qualifikationen. Dass er etwa gelernt habe, ein Team zu führen, nähmen viele nicht ernst. "Die wiegeln da ab, weil sie denken, die Aufgaben hier seien ganz andere gewesen."
Es mag sich also noch als weise Voraussicht herausstellen, dass Benjamin Kohlmann, der Literaturstudent in Oxford, die Verbindung zu dem Lehrstuhl in Freiburg hält, an dem er seine Magisterarbeit schrieb. "Der Moment der Wahrheit kommt, wenn ich eines Tages nach Deutschland zurückkommen will", sagt er. "Ein sicheres Rückfahrtticket habe ich nicht." Zweifel am Schritt ins Ausland lässt er aber nicht aufkommen. "Hier habe ich einfach die besten Vorausetzungen und die Literatur, die ich brauche." Auch das Verhältnis zu den Professoren sei geradezu paradiesisch. Lena Sappelt ihrerseits denkt dennoch über ein Forschungssemester in Amerika nach - diesmal allerdings nicht nur der Wissenschaft wegen: Ihr Freund arbeitet in Washington.