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Ausbildungszeit Die Turbo-Praktikanten

 ·  Seit der Einführung des Bachelor- und Mastersystems planen Studenten weniger und kürzere Praktika ein. Unternehmen erhalten weniger Anfragen für klassische Langzeitpraktika. Die ersten reagieren darauf.

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Die Gründe für die Umstellung der klassischen Studiengänge auf das Bachelor- und Mastersystem waren zahlreich. Das Thema Internationalisierung spielte eine Rolle, insbesondere die Verkürzung der Ausbildungszeit. Deutschland wollte nicht mehr das Land mit den alten Absolventen sein. Also sechs Semester, strafferer Studienplan, klarere Prüfungsordnung. Doch langsam, aber sicher offenbart sich ein kleines Problem in dem hübschen Plan: Die Beschäftigungsfähigkeit der Bachelorstudenten, auf Neudeutsch unter dem Stichwort "Employability" gefasst, gerät ins Hintertreffen, weil die Studenten in ihrem engen Zeitkorsett weniger und kürzere Praktika absolvieren.

"Unternehmen wissen oft noch gar nicht, was durch die Umstellung auf Bachelor und Master auf sie zukommt", sagt Sörge Drosten, Partner der Unternehmensberatung Kienbaum Executive Consultants. Dieser Unsicherheit könne nur mit einem Lernprozess begegnet werden. "Es ist schließlich mehr als logisch, dass sich Veränderungen im Anfrageverhalten der Studenten bei Praktika abzeichnen", sagt Drosten. "Einen strafferen Studienplan mit schweren Mathe- oder Physikscheinen bewältigt man eben nicht nebenbei." Nichtsdestotrotz bräuchten die Unternehmen nach wie vor Absolventen, die bereits fit für den Arbeitsmarkt seien und die sie mit Praktika früh an sich binden könnten. "Über kurz oder lang bleibt den Unternehmen aller Wahrscheinlichkeit nach deshalb eine Umstrukturierung ihrer Praxisangebote für Studenten nicht erspart", sagt der Berater.

„Die Verkürzung von Praktika ist alles andere als optimal“

Es ist ein Trend, der die Wirtschaft vor bisher kaum beachtete Herausforderungen stellt. "Wir stellen ein verändertes Anfrageverhalten von Studenten bei Praktika fest und überlegen nun, wie wir auf diesen sich abzeichnenden Trend reagieren", sagt Christoph Anz, zuständig für die Nachwuchssicherung des Autoherstellers BMW. Es gebe zwar nach wie vor Bewerbungen für Sechs-Monats-Praktika, vor allem von jungen Menschen aus Diplomstudiengängen. Aber die Anfragen für acht- bis zwölfwöchige Praktika nähmen deutlich zu. Eine Entwicklung, die der Arbeitgeber seit etwa knapp zwei Jahren sieht.

Auch Nestlé spürt Veränderungen. "Die Verkürzung von Praktika ist alles andere als optimal. Weder für die Studenten noch für uns", sagt Alexander Antonoff, Unternehmenssprecher von Nestlé Deutschland. Nur wenn der Praktikant lange genug im Unternehmen sei, könne er auch richtig eingearbeitet werden und aktiv an Projekten teilnehmen. Airbus stellt dagegen noch keine Veränderungen in der Nachfrage nach Praktika fest. "Bei uns hat die Umstellung auf Bachelor und Master noch nicht wirklich zu Buche geschlagen", sagt eine Sprecherin. Man stelle sich aber auf Veränderungen ein und werde die Praktikumsmodelle zu gegebener Zeit anpassen.

Bosch kommt mit dem „Pre Master Programm“

Bosch Rexroth hat damit schon begonnen. "Im letzten Jahr haben wir erkannt, dass wir zukünftig nicht mehr in der schönen Welt leben werden, in der viele Studenten für Praktika von vier bis sechs Monaten zu uns kommen", sagt Albrecht Schneider, Referent für Personalmarketing und Führungskräfte der Tochtergesellschaft von Bosch. Deswegen hat das Technologieunternehmen für Antriebs- und Steuerungstechnologien nach Alternativen gesucht, wie es weiterhin längere Praxisphasen bieten kann. Marktforschung wurde betrieben, Studenten von den Hochschulen und Universitäten befragt. Herausgekommen ist das "Pre Master Programm" für Bachelor-Absolventen.

Bis 2009 wird es in einer Pilotphase an acht Standorten von Bosch Rexroth getestet. Ende Juli begannen die Ausschreibungen von inzwischen über 30 Stellen. Neun bis zwölf Monate dauert in der Regel die Unternehmensphase des Programms, 1900 Euro Gehalt gibt es im Monat. Einen Abschied vom "Modell Praktikum" würde man damit aber nicht veranstalten, betont Schneider. Das Programm sei ein zusätzliches Angebot neben den gängigen Praktikamöglichkeiten. Man rechne allerdings eben damit, dass es für Studenten zunehmend zum Problem werden könnte, Praktika in dem straffer durchorganisierten Studium wahrzunehmen.

BMW gibt sich flexibel

BMW setzt in erster Linie auf eine Flexibilisierung der Angebote wie Kurzzeitpraktika oder studienbegleitende Praxistage. "Es wird eine Vielfalt und es wird einige Ergänzungen von unserer Seite geben", sagt Personalfachmann Christoph Anz. "Von den Berufseinsteigern werden wir jedoch weiterhin erwarten, dass sie sich Praxiserfahrung während der Universitätszeit angeeignet haben." Nestlé hingegen will an dem bisher geläufigen Sechs-Monats-Modell festhalten.

"Die Wirtschaft wird nicht in die siebziger und achtziger Jahre zurückkehren und Akademien für Absolventen aufmachen, um ihnen dort Berufserfahrung nach dem Studium beizubringen", sagt Steve Riedel, Geschäftsführer und Gründer der Karriere- und Einstiegsplattform praktika.de. Unternehmen würden nicht auf den Anspruch verzichten, dass die Absolventen Praxiserfahrung bereits mitbrächten. "Die jungen Leute müssen sich durch Praktika selbst veredeln", sagt Riedel.

Von Veränderungen rund ums Praktikum geht er trotzdem aus. Dynamischer werde sich das Ganze entwickeln: "Insbesondere werden sich die statischen Praktikablöcke auflösen", vermutet er. Was seine Internetplattform für die Praktikavermittlung betrifft, will der Unternehmer zukünftig die Kategorie Projektarbeit anbieten, Tätigkeiten für Studenten mit unregelmäßigen Anwesenheitszeiten im Unternehmen. Ein Modell, das Riedel sich für die Praktikanten wie auch für die Wirtschaft interessant vorstellt. "Projektarbeit zum Beispiel bedeutet ja nicht weniger Praxiserfahrung, sondern einfach eine andere Form", sagt er.

Die Unternehmen scheinen die Flexibilisierungsansätze nicht mit sonderlich großer Begeisterung aufzunehmen, eher notgedrungen. Ein im Frühjahr veröffentlichtes Thesenpapier des DAPM, des Arbeitskreises Personal Marketing, ein Zusammenschluss großer deutscher Arbeitgeber, hält fest: "Die Unternehmen haben die Erwartung an die Hochschulen, ihre Programme so zu strukturieren, dass die Zeit, die während des Bachelorstudiums in der Praxis verbracht wird, mindestens sechs Monate beträgt, von denen mindestens drei Monate am Stück absolviert werden sollten."

Durchmarsch in Literatur und Philosophie

Studenten quittieren solche Forderungen mit ungläubigem Kopfschütteln. Mit dem Wort "Durchmarschieren" beschreibt etwa der Berliner Student Alexander Heinrich sein Bachelorstudium in Literatur und Philosophie. "Man hangelt sich von Schein zu Schein. Viel Raum dafür, links oder rechts zu gucken und wie früher im Magisterstudium leicht mal ein längeres Praktikum zu machen, gibt es nicht", sagt er.

"Die verbindlicheren Studienpläne schränken die Flexibilität der Studenten stärker ein, als es früher der Fall war", sagt auch Gero Federkeil, am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) Leiter einer Studie zum Thema, wie die Hochschulen ihre Studenten auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Zwar seien in einigen Studiengängen ein oder zwei Praktika oder auch Praxissemester Pflicht. Besonders an den Universitäten aber werde das Thema Arbeitserfahrung häufig der Selbstorganisation der Studenten überlassen. In Regelstudienzeit zu studieren, vielleicht noch einen Teil seines Lebensunterhalts und die Studiengebühren zu verdienen sowie qualifizierte Praktika zu machen, bringt viele Studenten in Schwierigkeiten, vor allem, wenn das Praktikum nicht im Studienplan verankert ist.

"Ich denke, dass eine Zeit um die drei Monate vielleicht auch reicht, um einen guten Einblick in ein Unternehmen zu bekommen", meint Julia Propp, Bachelorstudentin in VWL an der Humboldt-Universität zu Berlin. "Wer länger dort arbeiten möchte, ist nun im Vergleich zu früher schneller mit dem Studium fertig und kann sich danach voll bewerben."

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