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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Ausbildung plus Studium Erstmal was Solides

 ·  Erst eine berufliche Ausbildung, danach ein Studium. Das alte Modell wird wieder beliebter. Zunehmend wird die Lehre sogar zum Schlüssel für den Hörsaal.

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© Peter v. Tresckow

Aus vielen Lebensläufen heute vergleichsweise hochstehender Menschen ist ein anfängliches Bemühen abzulesen, auch praktische Berufserfahrungen zu sammeln und nicht ganz in schulisch-akademischen Sümpfen zu versickern. Jürgen Fitschen, der Ko-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, ist so ein Beispiel. Er machte erst einmal eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, ehe er Wirtschaft studierte. Auch viele Sparkassen- oder Genossenschaftsbankchefs haben am Anfang ihrer Vita die Banklehre stehen. Auch aus anderen Branchen gibt es Beispiele, wie etwa Philip von dem Bussche, Vorstandsvorsitzender eines der größten Saatgutunternehmen der Welt, KWS: Er machte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Landwirt.

Abiturienten wählen heute die „klassische“ Reihenfolge einer Berufsausbildung vor Studienbeginn weniger häufig als noch vor Jahrzehnten. Dennoch ist sie in vielen Fächern weiter beliebt und vielversprechend. Und berücksichtigt man, wie viele duale Studiengänge in den vergangenen Jahren entstanden sind, die Ausbildung und akademische Lehre kombinieren, gilt sogar der umgekehrte Befund: mehr Praxis im oder vor dem Studium war nie.

Kein Auslaufmodell

Auch die neuesten Zahlen zeigen, dass eine Ausbildung vor dem Studium kein Auslaufmodell ist. 27 Prozent der Studienanfänger zum Wintersemester 2009/2010 verfügten über eine Berufsausbildung, geht aus einer Auswertung des Hochschul-Informationszentrums Hannover (HIS) hervor. Der hohe Anteil erklärt sich allerdings dadurch, dass viele Fachhochschulstudenten - gerade diejenigen ohne Abitur - vor dem Studienbeginn eine Ausbildung machen (müssen). Aber auch etwa jeder zehnte Studienanfänger mit Hochschulreife hatte zuvor eine betriebliche Ausbildung gemacht. Insgesamt nimmt der Anteil der ehemaligen Azubis unter den Erstsemesterstudenten wieder zu. Unter Fachhochschulstudenten hatte zuletzt etwa jeder zweite eine Lehre vorangestellt. Von den Universitätsstudenten waren es 14 Prozent - mit wieder steigender Tendenz, nachdem der Trend zuvor über Jahre zurückgegangen war.

Die Studenten mit beruflicher Vorerfahrung werden als zielstrebiger und disziplinierter beschrieben. Ein Beispiel ist Florian Nebel, der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Vor seinem Wirtschaftsstudium machte er eine Lehre als Hotelfachmann. Er musste an Wochenenden arbeiten, morgens das Frühstücksbuffet decken, sich mit quengeligen Gästen an der Rezeption herumärgern und Überstunden bis spät in den Abend schieben. „Das Grundstudium, das andere als Tortur erlebten, empfand ich als harmlos“, erinnert er sich. „Man weiß dann die Freiheiten an der Uni zu schätzen und hat kein Problem mehr mit der Selbstorganisation.“ Heute ist er Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre.

Vor allem Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaftler machen vor dem Studienbeginn eine Ausbildung. Die knappe Mehrheit aller Ingenieurstudenten lernte zuvor einen technischen oder Fertigungsberuf. Ebenso lernten Wirtschaftswissenschaftler (an Universitäten und Fachhochschulen) zu mehr als 50 Prozent vor dem Studienbeginn Handels-, Bank- oder Versicherungskaufmann/frau oder einen Verwaltungs- oder Büroberuf, zeigen die HIS-Daten.

Drastisch ist auch die Zahl der ehemaligen Azubis im Medizinstudium gestiegen. Er betrug zuletzt 51 Prozent, vor zehn Jahren waren es erst 17 Prozent gewesen. Der Grund hierfür sind die langen Warteschleifen, die angehende Medizinstudenten in Kauf nehmen müssen, wenn sie den Numerus Clausus nicht erfüllen. Die Wartezeit überbrücken sie oft mit einer Ausbildung, etwa in einem Pflegeberuf. Unter Juristen oder Geisteswissenschaftlern hingegen kommt das Modell, erst eine Ausbildung zu machen, selten vor.

Effekt auf den Studienerfolg ist umstritten

Es gibt kaum Untersuchungen darüber, ob eine Ausbildung den Studienerfolg beeinflusst. „Berufserfahrung hat einen konstant positiven Effekt“, heißt es in einer Untersuchung der Bildungssoziologin Margret Bülow-Schramm vom Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung der Universität Hamburg. Allerdings maß sie nicht den Effekt auf Studiendauer oder Noten, sondern den „Kompetenzerwerb“. „Berufspraktische oder überhaupt lebenspraktische Erfahrung“ führe zu einem erfolgreichen Studium, sagt sie. Das Gegenteil legen Zahlen des HIS nahe. Es wertete den Zusammenhang zwischen einer vorherigen Lehre und den Studiennoten und der Studiendauer für die F.A.Z. aus. Das Ergebnis: Unter den Fachhochschul-Absolventen gab es keine nennenswerten Unterschiede, und unter den Universitäts-Absolventen waren diejenigen mit vorangegangener Ausbildung sogar etwas langsamer und erzielten schlechtere Noten. Es seien aber „keine großen Unterschiede“, sagt der Bildungsforscher Kolja Briedis. Der Notendurchschnitt der vormaligen Auszubildenden war um 0,15 schlechter, das Studium dauerte im Durchschnitt ein halbes Semester länger.

Das kann auch daran liegen, dass die Studenten mit Berufserfahrung mehr nebenher arbeiten. So war es bei den Kommilitoninnen von Eva Winter, die wie sie erst eine Schneiderlehre machten, und dann Bühnenbild fürs Theater studierten. Wer zuvor schon im Beruf gearbeitet hatte, hatte Kontakte zum Theater - und bekam Anfragen für Engagements. Das Studium, sagt Eva Winter, sei ihr sehr leicht gefallen nach der harten, dreijährigen Lehre, die man - anders als das Studium - nicht ohne Pünktlichkeit und Disziplin durchstehen könne: „Dagegen waren die Seminararbeiten Peanuts.“

Studieren ohne Abitur

Das Modell wird seit einigen Jahren wohl auch deshalb wieder beliebter, weil es einfacher geworden ist, über den Umweg einer Berufsausbildung den Hochschulzugang zu bekommen - auch ohne schulisch erworbene Hochschulreife. Seit einem Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2009 ist das in Deutschland einfacher als zuvor möglich. Meister aus Handwerksberufen haben freien Hochschulzugang, und unter bestimmten Voraussetzungen, die je nach Bundesland anders sind, können Menschen mit Berufserfahrung ein Studium beginnen, das fachlich nahe an ihrer Ausbildung ist. Einen Überblick gibt es auf der Internetseite studieren-ohne-abitur.de.

In den vergangenen Jahren gab es nach Angaben des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) einen „sprunghaften Anstieg“ der Studienanfänger ohne Abitur auf 2,3 Prozent (1997: 0,6 Prozent). Gerade Praktiker aus kleinen oder mittelständischen Unternehmen raten zu diesem Modell oder zum dualen Studium.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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