Home
http://www.faz.net/-gyq-u6ab
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausbildung Examen mal zwei

23.02.2007 ·  Noch ein Studium? Warum wieder büffeln, in überfüllten Hörsälen sitzen und von einem Seminar zum nächsten hetzen? Die Motive der Begeisterten sind so verschieden wie der Nutzen ihres Zweitstudiums.

Von Uta Bittner
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

„Für mich ist das Zweitstudium in erster Linie die Erfüllung eines kleinen Traumes, eine Art Luststudium“, sagt der Volkswirt Christian Schunck, der mit 34 Jahren noch einmal ein Jurastudium in Angriff genommen hat. Schunck ist einer von rund 2500 Zweitstudierenden an der Universität zu Köln. „Ich studiere neben meinem Vollzeitjob“, sagt Schunck, der zusätzlich zu seinem Diplom schon einen Abschluss als Master of Business Administration (MBA) in der Tasche hat.

Die Kombination von Wirtschafts- und Rechtswissenschaft ist durchaus beliebt bei den Kölner Zweitstudenten. Viele studierten aber auch auf Lehramt, sagt Patrick Honecker, Pressesprecher der Uni: „Besonders Absolventen eines natur- oder geisteswissenschaftlichen Erststudiums streben mit dem zweiten Studium das Staatsexamen an, um später Lehrer zu werden.“

Punkte für jeden guten Grund

Auch im Süden Deutschlands gibt es sie, die Begeisterten, die ein zweites Mal den akademischen Weg gehen. Derzeit sind im Wintersemester 2006/07 an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München über 1200 Zweitstudierende eingeschrieben. Zur Zeit sind von 3245 Jurastudenten in der Bayern-Metropole 116 Zweitstudierende, immerhin 3,5 Prozent, berichtet die Pressestelle.

Im Studiengang Katholische Theologie blicken gar mehr als 18 Prozent der insgesamt 152 eingeschriebenen Studenten auf ein schon absolviertes Erststudium zurück. Auch beliebt bei Zweitstudierenden: Kunstgeschichte, ein Magisterstudium, bei dem mehr als 5 Prozent der 522 Studenten mit einem Abschluss in der Tasche eingeschrieben sind.

Wie wird man Zweitstudent? Nicht jeder, der willens ist, ein Zweitstudium zu absolvieren, bekommt die Zulassung dafür. Die Hürde ist mitunter hoch, das Bewerbungsverfahren nicht ohne Anspruch. Nur maximal 3 Prozent der Studienplätze an der Freien Universität (FU) Berlin stehen für Zweitstudienbewerber zur Verfügung. „Zudem müssen Bewerber, die an der FU Berlin ein zweites Mal komplett studieren wollen, konkrete Gründe für das Zweitstudium angeben“, sagt Hans-Werner Rückert, Leiter der Allgemeinen Studienberatung der FU. Für jeden angeführten Grund werden Punkte verteilt, genau wie für die Abschlussnote des Erststudiums. Die Summe aller Punkte ergibt die Messzahl. Sie entscheidet, ob ein Zweitstudienbewerber zugelassen wird.

Zweimal ins Medizinstudium

Weshalb tut man sich das an - ein zweites Studium? Ist ein Zweitstudium wichtig für die Karriere? Pauschal lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Es herrscht Uneinigkeit bei Personalexperten, Zweitstudierenden und den Beratern der Universitäten. „Die Zeiten, in denen hochrangige Wirtschaftsvertreter mit einem Doppelstudium wie zum Beispiel Betriebswirtschaftslehre und Jura auftraten, sind vorbei“, sagt Personalexperte Wolfgang Jäger.

Das Zweitstudium habe als Instrument der Karriereentwicklung ausgedient, erklärt der an der FH Wiesbaden Personalmanagement lehrende Professor. „Das typische Doppelstudium wird nicht mehr honoriert und auch nicht mehr gesucht.“ An die Stelle des Zweitstudiums seien Aufbau- und Ergänzungsstudiengänge wie etwa das Masterstudium oder spezielle postgraduierte Studiengänge getreten.

Auf ein solches Ergänzungsstudium hätte auch Michael Jennen gerne zurückgegriffen. Der Diplom-Kaufmann, der nach seinem ersten Studium in Gießen noch das Steuerberaterexamen ablegte, merkte erst im Laufe seiner Berufstätigkeit, dass für ihn als Steuerberater eine juristische Ausbildung sehr hilfreich wäre. „Ich darf beispielsweise als Steuerberater keine Vertragsgestaltungsberatung durchführen“, sagt der 38 Jahre alte Zweitstudent.

Ein Geschäftsführer im Hörsaal

Diese Kompetenzen hätte er nur allzu gerne in einem komprimierten Aufbaustudium erworben. Doch ein solches werde in Deutschland für die Rechtswissenschaft noch nicht angeboten, sagt Jennen. So erhofft er sich nun von seinem Jura-Zweitstudium die nötigen Qualifikationen. Allerdings wird es noch eine ganze Weile dauern, bis er sein zweites juristisches Staatsexamen ablegen kann. „Ich hatte eigentlich zehn Semester für das Zweitstudium einkalkuliert“, sagt Jennen, der noch immer in Vollzeit als Geschäftsführer seiner Steuerberatungsgesellschaft arbeitet. „Doch die 15 Stunden pro Woche, die ich mir für das Studium vorgenommen hatte, schaffe ich derzeit nicht. Daher wird sich das Zweitstudium wohl in die Länge ziehen“, schätzt er.

Nochmals - als etablierter Geschäftsführer mit Ende dreißig - die Studienbank zu drücken, darauf habe sein Umfeld irritiert reagiert. „Oft wurde ich auch gefragt, warum ich nicht gleich eine andere Reihenfolge - etwa erst ein Jurastudium und dann eine betriebswirtschaftliche Weiterbildung - gewählt hätte“, sagt Jennen. Im Nachhinein sei man eben meistens schlauer, resümiert er.

Dass es manchmal gar keine Alternative zu einem Zweitstudium gibt, davon kann der 28 Jahre alte Daniel Moll ein Liedchen singen. Er ist promovierter Zahnmediziner - mit dem Berufsziel: Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg. „Die Approbationsordnung in Deutschland schreibt vor, dass man bei diesem Beruf sowohl ein abgeschlossenes Zahnmedizinstudium als auch ein komplettes Studium der Humanmedizin vorweisen muss“, sagt Moll, der parallel zum Zweitstudium seine Dissertation in Zahnmedizin schrieb. „Ich finanziere mir mein Studium zum großen Teil selbst, indem ich zwei Tage die Woche in einer Zahnarztpraxis arbeite.“

„Es nervt, alles noch mal durchzukauen“

Insgesamt würden seine beiden Studiengänge 11 Jahre dauern, plus einer Facharztausbildung von 4 Jahren. In seinen Augen sei das Zweitstudium „eine reine Zeitverschwendung“, sagt Moll. Denn viele Inhalte der Humanmedizin kenne er schon aus dem Erststudium. „Es nervt mich, das alles noch mal durchkauen zu müssen“, sagt der in Köln studierende Moll.

Er nehme diese Strapazen und Kosten der langen Ausbildung nur deshalb in Kauf, weil er sich später einen gutbezahlten Arztberuf in einem noch nicht so überlaufenen Medizinbereich erhofft. In Deutschland gebe es derzeit nur rund 2000 bis 4000 Kiefer- und Gesichtschirurgen. Auch sei man mit dieser in Deutschland erworbenen Qualifikation im Ausland ein gerngesehener Arzt. So überlegt der Zahnarzt, nach seiner Studiumsodyssee nach Dubai auszuwandern. Dort locke man mit attraktiven Einstiegsgehältern.

Fraglich bleibt jedoch, ob ein Zweitstudium einen Blankoscheck für einen guten und sicheren Arbeitsplatz darstellt. „Diejenigen, die noch ein Zweitstudium absolvieren wollen, sollten sich bewusst die Frage stellen: Was will ich mit dem Zweitstudium erreichen?“, sagt der Berliner Studentenberater Rückert. Häufig stelle ein Zweitstudium auch nur eine Notlösung dar, um der drohenden Arbeitslosigkeit zu entfliehen.

Promotion als bessere Alternative

„Man sollte immer den Sinn und Nutzen des Zweitstudiums prüfen und sich fragen, inwiefern es überhaupt der richtige Schritt in der eigenen Bildungskarriere ist“, rät Rückert. Ob ein Zweitstudium tatsächlich die Chancen auf einen Arbeitsplatz erhöht, müsse individuell gedanklich durchgespielt werden.„Ein absolviertes Zweitstudium ist nicht allein entscheidend darüber, ob ein Bewerber ein Arbeitsangebot von uns erhält“, sagt Verena Müller, bei Daimler-Chrysler im Bereich Unternehmenskommunikation zuständig für die Personalthemen.

Wichtig seien vor allem ein erfolgreich abgeschlossenes Studium, Praxiserfahrung und Fachwissen. Ein Pauschalurteil, ob ein Zweitstudium die Karriere fördert oder hemmt, könne man nicht fällen, sagt Müller. Dabei ist die Lage unübersichtlicher geworden. Durch die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge, die in den meisten Universitäten eingeführt worden sind, ist nicht mehr eindeutig, was alles unter den Begriff des Zweitstudiums fällt. „Durch die Reform der Studienstruktur wird auch die Kategorie ,Zweitstudium' neu definiert“, erklärt Goran Krstin, Pressesprecher des FU-Präsidenten.

Wer etwa ein Bachelorstudium absolviert hat und nun ein Masterstudium anschließen will, der ist kein Zweitstudiums-Anwärter. Würde ein Student mit Bachelorabschluss jedoch ein zweites Bachelorstudium starten wollen, so fällt er in die Kategorie Zweitstudent. Allerdings muss man fragen, welchen Mehrwert zwei Bachelorabschlüsse bringen. Denn die konsequenteste Weiterqualifizierung würde in einem Masterstudium liegen, sagt Rückert. „Es gibt Situationen, in denen ein Bachelorstudium als Zweitstudium nach einem Magisterabschluss wenig sinnvoll ist“, gibt Rückert zu bedenken. Fraglich sei auch, inwiefern ein zweites Studium der richtige Weg sei, wenn man einfach nur weiter in der Wissenschaft bleiben wolle, sagt Rückert. „Absolventen, die ihre wissenschaftliche Laufbahn intensivieren wollen, sollten sich überlegen, ob nicht eventuell eine Promotion die bessere Alternative ist“, sagt Rückert.

Zweitstudium in Kürze

Wer wissen will, was alles unter den Begriff des Zweitstudiums fällt, dem hilft ein Blick auf die Homepage der Freien Universität Berlin. Dort heißt es: „Von einem Zweitstudium spricht man, wenn auf einen ersten Hochschulabschluss, der an einer Hochschule in Deutschland erworben wurde, ein zweites grundständiges Studium folgen soll. Studiengänge, die speziell als postgraduale Aufbau-, Zusatz-, Ergänzungs- oder Weiterbildungsstudien konzipiert sind, fallen nicht unter die Kategorie ,Zweitstudium'. Bachelor-Absolventen, die sich für einen Master-Studiengang bewerben, sind deshalb auch keine Zweitstudienbewerber.“

Ob jemand Zweitstudiumsgebühren zu zahlen hat, hängt von den Regelungen der Universitäten ab. An der LMU in München beispielsweise bezahlen die Zweitstudierenden - wie ihre Kommilitonen, die zum ersten Mal studieren - in den ersten beiden Semestern 300 Euro. Ab dem dritten Semester fallen dann Semestergebühren in Höhe von 500 Euro an.

Wer ein zweites Mal studieren will, bekommt in Berlin keine Wartezeiten angerechnet. Auch sein Abiturzeugnis ist unwichtig. Worauf es ankommt, sind die Note des Erststudiums sowie die Begründungen, die der Bewerber für sein zweites Studium liefert. Für jeden Grund gibt es Punkte. Die höchste Punktzahl erhalten Bewerber, die ihr Zweitstudium für die Ausübung ihres Berufs benötigen.

Quelle: F.A.Z., 17.02.2007, Nr. 41 / Seite C6
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge