31.08.2007 · Seit einem Jahr kann man in Bad Saarow Pferdekommunikationswissenschaft studieren. Andrea Kutsch, eine Schülerin des Pferdeflüsterers Monty Roberts, hofft, dass ihre Akademie bald als private Fachhochschule anerkannt wird.
Von Nina BrodbeckAndrea Kutsch hat einen wichtigen Gesprächstermin. In Jeans und rosa Hemd steht sie in der Mitte eines sandigen Rondells, "Round Pen" genannt, und wartet auf Timido. Er wird hereingeführt und lässt erst mal ein paar Pferdeäpfel fallen. Andrea Kutsch sieht darin ein Zeichen für Nervosität. "Indem er äppelt, macht er sich leicht", deutet sie das Verhalten des Wallachs. "Das heißt, er bereitet sich auf die Flucht vor." Und tatsächlich, als Kutsch ihn von der Trense lässt, sucht Timido schleunigst das Weite. Da er aber im Round Pen nicht weit kommt, beginnt er, im Kreis zu traben.
Darauf hat Andrea Kutsch gewartet. Nun kann sie beginnen, die Unterhaltung von Mensch zu Pferd. In ihrem Verlauf wird die Pferdetrainerin versuchen, Timido die Angst zu nehmen, und versuchen, sich sein nonverbales Kommunikationssystem zunutze zu machen: Kutsch spielt sozusagen die Leitstute und zeigt dem zehnjährigen Wallach durch Gesten, Blicke und Bewegungen, dass sie seine Sprache spricht. Auf diese Weise gewinnt sie Timidos Vertrauen, er akzeptiert sie als Anführerin und ordnet sich ihr freiwillig unter. Ab diesem Moment ist der Wallach bereit für die eigentliche Ausbildung.
Unterricht beim Pferdeflüsterer
"Join-up" heißt diese Form des gewaltfreien Dominanztrainings. Die nonverbale Sprache des Pferdes, die dabei angewendet wird, hat Andrea Kutsch von Monty Roberts gelernt. Der kalifornische Cowboy, der für Redfords Film "Der Pferdeflüsterer" Pate stand, suchte seinerzeit nach einer Möglichkeit, Pferde ohne den Einsatz von Sporen oder Peitschen einzureiten. Er beobachtete deshalb das Herdenverhalten wildlebender Pferde, lernte dabei die Körpersprache der Leitstuten und setzte deren besondere Art der Kommunikation, die er "Equus" nennt, fortan bei seiner Arbeit als Pferdetrainer ein. Bekannt wurde Roberts vor allem deshalb, weil es ihm offenbar auch gelingt, traumatisierte oder verhaltensauffällige Pferde zu "heilen". "Laut einer französischen Studie müssen von 3000 Pferden 66,4 Prozent im Alter von zwei bis sieben Jahren getötet werden, weil sie sogenannte inakzeptable Verhaltensweisen entwickelt haben", erläutert Kutsch. Sie ist davon überzeugt, dass das vermeidbar wäre, wenn Roberts' Erkenntnisse bei der Ausbildung von Pferden Anwendung finden würden.
Für die einstige Turnierreiterin war die Begegnung mit dem Kalifornier ein Schlüsselerlebnis. "Als ich 1999 auf seiner Ranch das erste Join-up gemacht habe, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich das Pferd in seiner Welt tatsächlich erreiche und wirklich mit ihm sprechen kann. Ich dachte mir: Das ist ja unglaublich toll! Warum weiß man das denn in der Pferdewelt nicht? Durch diese Kompetenz kann man ja so wahnsinnig viel machen." Im Bruchteil einer Sekunde, sagt sie rückblickend, war ihr klar, dass sie ihr Leben diesem Thema widmen würde. Der gewaltlose Umgang mit Pferden sollte endlich in der traditionellen Reiterei Einzug halten. Die Ausbildung dort sei einfach veraltet. Kutsch hat Wort gehalten. Ihr bislang größter Erfolg lässt sich im brandenburgischen Bad Saarow besichtigen: Mit Unterstützung der Eigentümer des Strabag-Baukonzerns hat sie dort eine private Akademie gegründet, an der seit vergangenem Wintersemester "Pferdekommunikationswissenschaft" gelehrt wird. Ein ernstzunehmender, innovativer Studiengang, betont sie: "Das ist im Prinzip so, als würden Sie den ersten BWL-Studiengang im wirtschaftlichen Bereich ins Leben rufen."
An der Seite der Uni Zürich
Universitärer Kooperationspartner der Andrea-Kutsch-Akademie ist die Uni Zürich, für die wissenschaftliche Qualität des Unterrichts sorgt ein interdisziplinäres Dozententeam, zu dem, neben Professoren der tiermedizinischen Hochschule Hannover, auch Pädagogen, Psychologen und Monty Roberts höchstpersönlich gehören. Innerhalb von sechs Semestern sollen die Studenten in dem an den Bachelor angepassten Studiengang nicht nur die Natur des Pferdes und seine "Sprache" kennenlernen, sondern auch Methoden des artgerechten und gewaltfreien Umgangs mit Pferden. "In der Pferdekommunikationswissenschaft vereinen wir das Wissen der traditionellen Reitlehre mit modernsten naturwissenschaftlichen, ethologischen und medizinischen Erkenntnissen", erklärt Andrea Kutsch. Das Curriculum, das sich an den Bologna-Richtlinien orientiert, beinhaltet deshalb neben Pferdetraining, Pferdewissenschaft und Gestütspraxis auch Psychologie, Pädagogik, Tiermedizin, BWL und Recht.
Mit ihrer Akademie, die, wie sie hofft, bald als private Fachhochschule anerkannt sein wird, will Andrea Kutsch eine Bildungsplattform zur Verfügung stellen, die nicht nur eine neue Generation von Pferdefachleuten heranbildet, sondern gleichzeitig die Reitlehre auf wissenschaftlicher und praktischer Ebene weiterentwickelt - eine Revolution der Pferdewirtschaft sozusagen. "Der Markt braucht so ein Studium", ist die 39-Jährige überzeugt. "Immer mehr Reitschulen und Gestüte suchen händeringend nach Leuten, die zügig, aber ohne Gewalt Pferde anreiten und trainieren können." Springreiterlegende Paul Schockemöhle etwa wolle unbedingt zehn von Kutschs ersten Absolventen als Pferdetrainer für sein Gestüt Lewitz haben. "Die sind schon fest versprochen." Bereits jetzt kooperiert Schockemöhle mit der Akademie. Immer wieder fahren Studenten nach Lewitz, um dort das gewaltfreie Anreiten zu trainieren.
Gute Aussichten also für die angehenden Pferdeflüsterer von Bad Saarow. Franziska Görwitz ist eine von ihnen. "Ich bin schon von klein auf geritten. Meine Oma züchtet Pferde, allerdings auf sehr traditionelle Weise." Die 29-Jährige wäre gern in ihre Fußstapfen getreten. "Aber so schön ich das Zusammensein mit den Pferden fand, so hatte ich doch dabei immer das unangenehme Gefühl, dass es für das Tier eigentlich nicht okay ist, dass da immer auch etwas Gewaltvolles und Unterdrückendes da ist." Also hat sie ihren Traum von der Reiterei erst einmal aufgesteckt und Jura studiert. Doch als sie erfuhr, dass Kutsch eine Akademie eröffnen würde, war ihr sofort klar: "Da will ich hin!" Wie 4000 andere Pferdeliebhaber bewarb sie sich, überzeugte im Aufnahmegespräch und ist seit Oktober eine von 24 Pionier-Studenten der Pferdekommunikationswissenschaft. Das bedeutet zunächst einen randvollen Stundenplan und viel Arbeit. Kutsch stellt hohe Anforderungen, geht sie doch davon aus, dass die angehenden Pferdefachleute vom gleichen Enthusiasmus angetrieben werden wie sie selbst. "Ich erwarte, dass alle gut funktionieren", sagt sie. "Denn da draußen müssen sie ja später auch volle Leistung bringen." Da draußen, das sind die Reitschulen und Gestüte, wo sich Roberts' Reitlehre erst einmal etablieren muss.
Abäppeln und Vorlesungen
Disziplin ist also angesagt in der Akademie. Treffpunkt ist jeden Morgen um 6.50 Uhr in der Mensa. Nach einer kurzen Besprechung geht es los mit dem Ausmisten der Ställe und dem Abäppeln der Koppeln. Um neun Uhr beginnen die Lehrveranstaltungen. Es gibt jede Menge Vorlesungen und Seminare. Im ersten Semester steht eine Einführung in die Pferdewissenschaft auf dem Stundenplan, und natürlich werden auch die theoretischen Grundlagen von "Equus" vermittelt.
Deren praktische Umsetzung erweist sich allerdings als Herausforderung. Mit Schaudern erinnert sich Franziska Görwitz an ihre ersten Join-ups. "Am Anfang ist es sehr schwer, die Körpersprache gezielt einzusetzen. Man muss im richtigen Moment reagieren und genau rechtzeitig das Zeichen geben." Das Schwierigste sei, bestimmt aufzutreten und dabei gleichzeitig in sanften Bewegungen zu bleiben. Auch die anderen Studenten hatten dabei Schwierigkeiten. "Nach meinem ersten Join-up bin ich in Tränen ausgebrochen", berichtet Christiane Möller. "Weil es einfach nicht so geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt hatte." Aber schließlich seien sie ja da, um zu lernen, beruhigt sich die Tierarzthelferin selbst. Kutsch nickt. Beim Join-up mit Timido hat sie gemerkt, dass ihre Pioniere auf einem guten Weg sind: "Das war für mich echt bewegend mitzukriegen, dass die Studenten das schon so toll weiterführen. Ich kann ja am Pferd sehen, dass alles stimmt. Der Dialog ist völlig in Ordnung."