26.10.2007 · An der Universität Leipzig lernen Mediziner mit Hilfe von Schauspielern, sich auf Patientengespräche besser einzustellen - offensichtlich mit Erfolg.
Von Lucia SchmidtWas führt Sie zu mir? So lautet die Frage des jungen Manns am Tisch. "Ich habe ganz schreckliche Nackenschmerzen, so dass ich kaum noch arbeiten kann", antwortet die schmale Frau, die ihm gegenüber sitzt und dabei mit leidendem Gesicht ihren Nacken streichelt. Nach wenigen Minuten und einigen weiteren Fragen, die die Situation und das Befinden der Dame präzisieren, findet ihr Gegenüber die aufbauenden Worte: "Zur akuten Schmerzbekämpfung verschreibe ich Ihnen gerne schmerzlindernde Massagen, aber wir brauchen danach auch eine langfristige Lösung für Ihr Problem."
Dies ist kein Ausschnitt aus einer der vielen Ärztesendungen in unserem Fernsehen oder eine Liveübertragung aus einem der tausend deutschen Ärzte-Sprechzimmer. Der junge Mann ist vielmehr Medizinstudent an der Leipziger Universitätsklinik und die von Schmerzen geplagte Frau eine Schauspielerin. Denn in Leipzig üben junge Medizinstudenten des dritten und vierten Semesters Arzt-Patienten-Gespräche in Rollenspielen.
Fremdwörterfreie Aufklärung
Ein ausführliches Gespräch, eine fremdwörterfreie Aufklärung über die eigene Erkrankung und eine empathische Reaktion von Seiten des Arztes ist beim Arzt-Patienten-Kontakt keineswegs so selbstverständlich, wie das sein müsste. Der Arzt selbst steht oft zwischen Patientenwunsch und Gesundheitssystem. Stumpft er während seines Berufsalltags ab? Steht für ihn nur noch das Wirtschaftliche im Vordergrund? Dies sind immer wieder gehörte Fragen, die leider oft allzu pauschal und auf der Ebene von Vorurteilen beantwortet werden. Tatsache ist jedoch, dass ein Heranführen an die Kommunikation mit dem Patienten und eine psychologische Schulung im Lehrplan des Medizinstudiums an fast allen deutschen Hochschulen fehlen.
An der Leipziger Universität allerdings ist das Kommunikationstraining seit drei Jahren fester Bestandteil der Medizinerausbildung. Das Ziel von Diplompsychologe Oliver Decker und seinen Mitarbeitern aus der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie ist es, den Studenten bewusst zu machen, aus welchen Elementen sich ein Gespräch zusammensetzt und welche Erfolge es, richtig ausgeführt, erzielen kann. Denn obwohl ein gutes Gespräch dem Arzt wichtige Informationen zur Diagnosestellung liefert und Vertrauen für Behandlung und Therapie schafft, in manchen Fällen sogar Therapie ist, "wird das Diagnostikmittel Gespräch immer mehr vernachlässigt", so Katrin Rockenbauch, Diplompsychologin an der Leipziger Universität: "Das hat sowohl historische wie wirtschaftliche Aspekte, und natürlich trägt auch die moderne Gerätemedizin ihren Teil dazu bei." Deshalb werden in Leipzig Fertigkeiten wie aufmerksames Zuhören, klare Mitteilung und vor allem nonverbale Kommunikation während des Kurses praktisch geübt.
„Er ist halt ein Checker“
Der junge Mann gegenüber der Dame mit den Nackenschmerzen war da, nach Meinung seiner acht Kommilitonen, die in dem kleinen Seminarraum im Keller bei dem Gespräch mit der Schauspielpatientin dabei waren, schon sehr gut. Jeder der Kursteilnehmer hatte die Aufgabe, einen bestimmten Aspekt des Gespräches zu beobachten, und sowohl für die Gesprächsstruktur als auch für das aktive Zuhören bekommt der groß gewachsene Student viel Lob. "Er ist halt ein Checker", kommt es aus der einen Ecke, "durch seine Rehaugen hat er eine wunderbar warme und verständnisvolle Art während der Unterhaltung gehabt", ergänzt ein Mitstudent, worauf eine junge Studentin herausplatzt: "Seht ihr, Kommunikation kann man nicht lernen, entweder man kann's und hat die Augen oder nicht!"
Zwischen den Studenten entbrennt eine Diskussion darüber, ob Kommunikationsfertigkeiten nicht doch in die Wiege gelegt sind. Aber in einem sind sie sich einig: Ganz gleich, ob großes Talent oder eher unkommunikativ, die Übungen mit dem Schauspielpatienten haben für alle einen großen Lerneffekt, denn von "echten" Patienten bekomme man später als Arzt so gut wie nie eine Rückmeldung, wird in der Runde angemerkt. Das Wichtigste sei tatsächlich die Rückmeldung der Schauspielpatienten, denn danach denke man über Dinge nach, die man sonst einfach hingenommen hätte. Die Rollenspiele mit Kommilitonen, die auch Bestandteil des Kurses sind, kommen nach Meinung der Studenten nicht an den Lerneffekt der Übung mit den Schauspielpatienten ran.
Mit im Kreis sitzt auch Henriette Reinecke. Sie ist eine von siebzehn Tutoren, die solche Gesprächskurse leiten. Die siebenundzwanzigjährige studiert selbst noch Geschichte und Germanistik. Von Medizin hat sie ihrer eigenen Aussage zufolge keine Ahnung über das hinaus, was sie selbst im Kurs mitbekommen habe. Für dieses Konzept des sogenannten "Peer Assisted Learning" haben Oliver Decker und sein Team sich bewusst entschieden, denn durch die vielen jungen fachfremden Tutoren rückt nicht die richtige fachgerechte medizinische Behandlung in den Mittelpunkt des Gesprächs, sondern die Kommunikation als Sinn und Zweck der Übung. Es wird aneinander und miteinander gelernt und nicht von Dozenten oder Professoren vorgeschrieben. "Dadurch gibt es auch einmal Momente, in denen man nicht weiterkommt, bei denen weder ich noch die Studenten die richtige Antwort wissen, wodurch sich aber die Arbeit bereichert", sagt Reinecke. Die Tutoren haben die Freiheit, beim Gestalten des Unterrichts sehr individuell und oft spielerisch auf die jeweilige Gruppe einzugehen. Katrin Rockenbauch und ihre Kollegen bilden die Tutoren selbst in einem zweiwöchigen Kurs aus und begleiten diese auch während des Semesters mit regelmäßigen Treffen.
Diesmal ohne schmerzverzerrtes Gesicht
Nachdem die Studenten ihr Feedback zu dem miterlebten Gespräch abgegeben haben, holt die Tutorin die Schauspielerin in den Raum. Sie tritt diesmal ohne schmerzverzerrtes Gesicht durch die Tür. Auch sie ist sehr zufrieden mit dem Gespräch. Nur ein bisschen mehr Aufklärung darüber, wie es zu den Nackenschmerzen kommen konnte, hätte sie sich erhofft. "Obwohl ich im Semester dieselbe Rolle mehrere Male spiele, ist jedes Gespräch anders, denn es gibt eine Riesenbandbreite an Menschen, die Arzt werden wollen", meint Jan Grimmstein. Auch er ist Schauspieler und stellt ebenfalls die Rolle des von Nackenschmerzen geplagten Patienten dar. Insgesamt sind achtzehn Schauspielpatienten im Einsatz, vier davon sind Berufsschauspieler, die restlichen sind Laien, so wie Jan Grimmstein. Neben dem bekannten Patienten mit verspanntem Nacken können die Studenten auch auf eine alte Dame treffen, die sich scheinbar über abgelaufene Medikamente informieren will, aber eigentlich jemanden zum Reden sucht. "Natürlich verdient man auch etwas als Darsteller, aber man hat gleichzeitig das Gefühl, etwas sehr Sinnvolles zu tun und mit seiner Arbeit etwas zu bewegen", meint Grimmstein. Seit er diese Rolle spielt, achtet er bei eigenen Arztbesuchen viel eher auf die Qualität des Gespräches.
An deutschen Hochschulen wird das Lehren von kommunikativen Fähigkeiten oft unterbewertet und für schwer vermittelbar gehalten. Leipzig zeigt eine Möglichkeit, dieser Annahme erfolgreich zu begegnen, und gibt den Studenten die Möglichkeit, sich auf das vorzubereiten, was sie im kommenden Berufsalltag am häufigsten täglich beschäftigen wird. Dabei können sie feststellen, dass es später nicht nur auf fachliche Kompetenz, sondern eben gerade auf sehr viel Menschlichkeit ankommt. Natürlich ist das Leipziger Konzept noch ausbaufähig. Es schützt seine Studenten weder vor späteren Frustrationen im wirklichen Arzt-Patienten-Kontakt, noch liefert es ihnen die optimale Lösung für jede Art von Gespräch.
Aber ein guter Arzt zu sein ist eben keine Frage optimaler Technik. Ähnlich wie bei Anwälten oder Lehrern ist es vielmehr eine Frage der klugen, durchaus wissenschaftsgestützten, aber nicht von Wissenschaft allein bestimmten Interaktion mit dem Laien. Schließlich hängt in vielen Fällen weder die Diagnose noch die Heilung ausschließlich vom Arzt ab. Das Leipziger Modell ist ein vielversprechender Anfang, diesem Sachverhalt Rechnung zu tragen. Der Wunsch, dieses Modell auszubauen und auch in höheren Semestern des Studiums anzubieten, wird in Leipzig von allen Seiten geäußert.