Es dauert ganz schön lange: Bevor sich deutsche Juristen Anwälte nennen dürfen, verbringen sie neun Semester an der Universität, zwei Jahre im Referendariat, und sie schreiben je nach Bundesland Dutzende Klausuren und diverse Hausarbeiten. Es geht auch schneller - jedenfalls für Juristen aus dem europäischen Ausland. Die Niederlassungsfreiheit und Dienstleistungsfreiheit in der Europäischen Union öffnen ihnen den deutschen Rechtsmarkt - wenn sie eine Eignungsprüfung bestehen. Auf dem Weg zu dieser Prüfung machen viele Anwälte aus Portugal, Frankreich oder Finnland Station in Baden-Baden.
Dort lernen sie nicht nur das Leben in einem beschaulichen Kurort kennen mit seinen Rentnern, Russen und Rennpferden. Dort lernen sie vor allem das deutsche Recht, in einem Crashkurs über fünf Wochen. Ihr Lotse ist Axel Grannemann, er bereitet sie auf die Eignungsprüfung zum Anwaltsberuf vor.
In Saal K5 des Kongresshauses Baden-Baden erklärt Grannemann den Anwälten, was ein „Kannkaufmann“ ist, wie Kommanditisten haften und wie man sich aus Kaufverträgen löst. Seine zwölf Zuhörer kommen aus Frankreich, Polen, Spanien und den Niederlanden. Es ist ihre fünfte und letzte Unterrichtseinheit in Baden-Baden, in den Wochen dazwischen haben sie sich durch 1200 Seiten Skript gekämpft und zahllose Übungsklausuren geschrieben.
Zwei Klausuren und eine mündliche Prüfung
Seit 1991 können Juristen aus der EU, dem Europäischen Wirtschaftsraum und der Schweiz über eine Eignungsprüfung zu deutschen Anwälten werden. Dafür müssen sie zwei Klausuren - im Zivilrecht und in einem Wahlfach - und eine mündliche Prüfung bestehen. Das Modell klingt leicht: Keine Fristen, keine Mindestverweildauer im deutschen Rechtsraum, keine Noten. Die Kommissionen der Justizprüfungsämter entscheiden nur, ob ein Kandidat geeignet oder ungeeignet ist.
Die Realität sieht härter aus. So manche Kandidaten fallen durch. Beispiel Baden-Württemberg: 2007 meldeten sich zwei Kandidaten, beide scheiterten. 2008 kamen zehn, vier fielen durch. In diesem Jahr kam einer - und ging ohne Titel.
Ein Blitzreferat des deutschen Rechts
Axel Grannemann soll die Ausländer in fünf einwöchigen Seminaren fit machen für die Prüfung. Sein Kurs ist vor allem ein Blitzreferat des deutschen Rechts. Über sein Pult gebeugt, die Beine gespreizt, rattert der Anwalt die Voraussetzungen von Ansprüchen und ihren Abwehrmöglichkeiten herunter. Seine Schüler starren gebannt auf die Wand hinter ihm, auf die ein Overhead-Projektor das Prüfungsschema wirft. „Der Anspruch aus dem Vertrag könnte durch Rücktritt erloschen sein - es muss ein Rücktrittsgrund vorliegen -, der Rücktritt könnte durch Vertrag oder Gesetz ausgeschlossen sein...“ Vor den EU-Juristen fächert Grannemann das deutsche Schuldrecht auf.
Anne Brion, 27 Jahre alt, hat sich damit eigentlich schon zwei Jahre lang im Studium herumgeschlagen: Die Tochter französischer Eltern hat einen binationalen Studiengang in Köln und Paris belegt. Der deutsche Anwaltstitel soll ihre Tätigkeit in einer Kölner Kanzlei beflügeln, wo sie viele deutsche Mandanten im französischen Arbeitsrecht berät. Sie hätte auch einen entspannteren Weg zum deutschen Anwaltsstand nehmen können: EU-Anwälte, die sich drei Jahre lang in Deutschland niedergelassen und deutsches Recht praktiziert haben können verlangen, ohne Prüfung in den hiesigen Berufsstand „eingegliedert“ zu werden. „Das dauert mir zu lang“, sagt Brion.
Viele finden dieses Modell auch riskant: Schließlich müssen sie sich dafür in der Regel unter die Fittiche eines deutschen Kollegen begeben, weil sie sonst kaum an deutsche Fälle kommen. Und sie müssen der Justizverwaltung ihre Tätigkeit im deutschen Recht nachweisen, mit Fall-Listen und diversen anderen Dokumenten. Also wagen immer wieder einige den Schnelldurchlauf.
„Am schwersten tun sich französische Männer“
Seit 1992 ist Grannemann der einzige Anbieter für Vorbereitungskurse auf die Prüfung, vorher war er 15 Jahre lang Repetitor für deutsche Studenten. 2005 verkaufte der 61-Jährige sein Konzept an den Fachverlag Wolters Kluwer, blieb aber neben seinem Anwaltsjob Dozent. Die EU-Anwälte zahlen für sein Skript, die Klausuren und den Präsenzkurs 5600 Euro, dazu kommen Kost und Logis in Baden-Baden. Nur ein gutes Dutzend Kandidaten zählt das Repetitorium im Jahr. „Das Interesse am deutschen Rechtsmarkt ist sicher größer“, ist Grannemann überzeugt. „Aber die Leute sind fertige Anwälte, oft ist ihnen der Stress neben der Arbeit zu viel.“ Sie warteten lieber drei Jahre - oder kämen gar nicht erst. Insgesamt erlangten 2008 nur 291 europäische Anwälte die deutsche Zulassung.
Die spanischen Frauen seien in der Prüfung am erfolgreichsten, hat Grannemann beobachtet, „und am schwersten tun sich französische Männer. In Frankreich wird an der Uni eben nur auswendig gelernt.“ Sein Schüler Tomasz Gaj hat in seiner Sammlung schon zwei Anwaltstitel, aus Polen und Österreich. Seine ganze Ausbildung hat Gaj generalstabsmäßig auf eine europäische Anwaltslaufbahn ausgerichtet. „Am 1. Mai 2004 ist Polen der EU beigetreten, am 2. Mai habe ich die österreichische Zulassung beantragt“, sagt der Pole zufrieden. Ein Büro in Köln haben er und sein Kompagnon schon eröffnet. „Der deutsche Titel ist definitiv ein Wettbewerbsvorteil. Mandanten können sehen, dass ich den polnischen Markt und das deutsche Recht kenne.“ Abends und am Wochenende paukt Gaj für die deutsche Prüfung. „Zum Glück kenne ich das österreichische Recht, die Fachbegriffe sind praktisch identisch.“
Jeder Fünfte fällt im ersten Anlauf durch
Viele Kandidaten scheitern an der Sprache. Von Grannemann Schäflein fällt jeder Fünfte im ersten Anlauf durch. „Eine Italienerin ist mal in Ohnmacht gefallen, als sie die Klausur im Zivilrecht sah“, erinnert sich der Repetitor mitleidig. So leicht gibt der deutsche Staat den Anwaltstitel eben doch nicht her. „Wir müssen auch an die Interessen der künftigen Mandanten denken“, sagt der Stuttgarter Beamte Stauß. „Aber wir bemühen uns wirklich, die Prüfung lösbar zu gestalten.“ Zweimal darf man sie wiederholen, und der zweite Grannemann-Kurs ist gratis. Vorher verlieren aber viele den Mut.
„Wenn man schon im Berufsleben steht, ist es schwer, sich an die Lernerei zu gewöhnen“, sagt Friederike Henke, eine niederländische Anwältin. Nach Baden-Baden hat sie ihr Kanzlei-Chef geschickt, der selbst Grannemann-Alumnus ist. „Die Stimmung hier ist wie im Erasmus-Austausch im Studium. Wir arbeiten nur mehr und gehen früher schlafen.“ Das Repetitorium Grannemann hat auch schon manche Ehe gestiftet. Die fünf gemeinsamen Wochen schweißen eben zusammen.
Sprache
(Piesel_W)
- 16.08.2009, 14:38 Uhr
