13.10.2011 · Immer mehr Unternehmen unterstützen ihre Mitarbeiter, wenn sie den Master machen wollen. Sie beteiligen sich an den Kosten und bieten Teilzeitarbeit an, um sich Fachkräfte zu sichern.
Von Nina TrentmannDie Sache war klar, völlig klar. Nach seinem Bachelorabschluss und zwei Jahren im Unternehmen wollte Florian Kumb den Master machen - neben dem Beruf. Entschlossen ging der 23-Jährige in die Verhandlungen mit seinem Arbeitgeber, einem Fernsehsender. „Ich hätte gekündigt, wenn mein Arbeitgeber mir den Master nicht erlaubt hätte“, sagt Kumb. Doch sein Chef war einverstanden. Nun beginnt Kumb ein zweijähriges Masterstudium in Medien und Kommunikationswirtschaft an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW). „Dass man solche Qualifikationen berufsbegleitend erwerben kann, empfinde ich inzwischen als ein Merkmal für einen guten Arbeitgeber“, sagt Kumb und fügt hinzu: „Wer die besten Mitarbeiter haben will, muss schon was bieten.“
So selbstbewusst wie er treten inzwischen viele Bachelorabsolventen auf. Sie wissen, dass Unternehmen schon heute Schwierigkeiten haben, Stellen mit gut ausgebildeten Kandidaten zu besetzen und dass sich der Mangel noch verschärfen wird. „Berufsbegleitende Master- und Promotionsprogramme sind heute ein absolutes Muss für Unternehmen, wenn sie die richtigen Bewerber anlocken wollen“, sagt Michael Donat von der Managementberatung Bearing Point in Frankfurt. „Auch wenn viele Firmen es noch nicht wahrhaben wollen: Die Bewerber bestimmen die Bedingungen, nicht umgekehrt“, sagt Donat. Nicht nur Dax-Konzerne, sondern auch immer mehr mittelständische Unternehmen legten Masterprogramme auf und würben damit, dass man bei ihnen nicht nur arbeiten, sondern auch studieren dürfe.
Die Telekom zum Beispiel hat seit 2009 ein fest etabliertes Masterprogramm. Es sei ein Bonus im starken Wettbewerb um gute Bewerber, sagt Ingo Dahm von der Telekom. Der Autozulieferer Bosch hat mit seinem „Pre-Master-Programm“ ähnliche Erfahrungen gemacht. „Es ist eine der Möglichkeiten, dem Fachkräftemangel zu begegnen“, sagt Vera Winter, die in der Abteilung Mitarbeiterbindung arbeitet. „Wir wollen frühzeitig Kontakt zu Nachwuchskräften knüpfen, und das geht nun mal am besten nach dem Bachelorabschluss.“
Das Angebot an berufsbegleitenden Programmen ist üppig: Mehr als 700 zählen die Forscher des Hochschul-Informationssystems (HIS) in einer aktuellen Studie. Auch der Waschmaschinenhersteller Miele hat ein eigenes Programme aufgelegt. „Für uns als mittelständisches Unternehmen macht es Sinn, möglichst früh an die potentiellen Bewerber zu kommen“, sagt Meike Wacker, Referentin für Personalentwicklung. „Wir wollen unsere Mitarbeiter auf lange Sicht binden.“
Dabei gestalten die Unternehmen ihre Masterangebote ganz unterschiedlich. Florian Kumb zum Beispiel wird 35 Tage im Jahr freigestellt, um Seminare zu belegen und um Klausuren zu schreiben. Er trägt die Kosten seines Studiums selbst, geht dafür aber auch keine Verpflichtung gegenüber dem Fernsehsender ein, im Unternehmen zu bleiben. Die Telekom bietet sowohl einen berufsbegleitenden Bachelor als auch einen Master an; auch eine Promotion ist möglich. „Zwischen den Abschlüssen müssen aber immer zwei Jahre liegen, in denen der Mitarbeiter Vollzeit arbeitet“, erklärt Dahm. 200 Telekom-Mitarbeiter machen derzeit in Deutschland ihren Master, rund 50 schreiben an der Doktorarbeit.
Die Telekom unterstützt das berufsbegleitende Studium auch, wenn sie davon auf den ersten Blick nicht profitiert. So promoviert eine Mitarbeiterin in Kriminologie. Die Telekom hätte in diesem Jahr jeden der Master- und Promotionsplätze doppelt besetzen können, so groß war das Interesse. Die Teilnehmer können selbst entscheiden, ob sie in einem Fernstudium nur stundenweise am Tag lernen, ob sie wochenweise studieren oder ob sie gleich mehrere Monate am Stück an die Hochschule gehen. „Die Arbeitsorganisation hat der Studienorganisation zu folgen“, sagt Dahm. Auch Sonderurlaub und Freistellungsphasen sind möglich.
Damit Beruf und Studium vereinbar sind, haben die rund 9000 Mitgliedsunternehmen der Dualen Hochschule Baden-Württemberg ein Mitspracherecht, wenn es um die Gestaltung der Studiengänge geht. „Die Unternehmen sagen uns, was sie brauchen und bekommen die passenden Studienangebote“, erklärt Ulf-Daniel Ehlers, Vizepräsident der Hochschule. Auch Ehlers betont die Bedeutung des berufsbegleitenden Masterangebots für die Wirtschaft: „Wenn die Unternehmen heute keinen Master nebenher anbieten, kriegen sie die Top-Leute nicht mehr“, sagt er. Ein Arbeitgeber, der ein tolles Gehalt, aber keine Möglichkeit zur Weiterbildung biete, sei inzwischen „ziemlich uninteressant“ für Berufseinsteiger.
Das Master-Programm von Bosch trennt klar zwischen Arbeit und Studium. So ist der Mitarbeiter sechs bis zwölf Monate Vollzeit beschäftigt und wird danach für maximal zwei Jahre zum Vollzeitstudenten. 180 Pre-Master hat das Unternehmen derzeit, sie alle sollen bleiben, wenn sie denn wollen. Diese Perspektive war es auch, die Stefanie Roßbach zu Bosch gebracht hat. Die 24-Jährige hatte einen Bachelor in Betriebswirtschaft in der Tasche, als sie sich bewarb, und studiert nun Wertschöpfungsmanagement. „Vorher wusste ich noch nicht, dass ich hier bleiben will“, sagt sie, „jetzt bin ich mir sicher.“
Miele, der Waschmaschinenbauer aus Gütersloh, bietet seinen Mitarbeitern seit knapp eineinhalb Jahren den „Master@Miele“ an. Anders als bei Bosch und der Telekom gibt es die Möglichkeit, „echt“ in Teilzeit zu arbeiten, also zum Beispiel zwei Tage in der Woche in die Universität zu gehen und drei Tage zu arbeiten. Bezahlt wird allerdings nur die Zahl der Stunden, die der Mitarbeiter im Unternehmen verbringt. Elektrotechnik und Maschinenbau sind derzeit die am stärksten nachgefragten Studiengänge.
Die finanzielle Unterstützung der Studierenden variiert. So trägt die Telekom die Hälfte der Studiengebühren, maximal 12.000 Euro, wenn der Mitarbeiter an einer privaten Hochschule studiert. Ist er dagegen an der firmeneigenen Hochschule für Telekommunikation in Leipzig eingeschrieben, finanziert die Telekom das gesamte Studium. Bei Bosch bekommen die Teilnehmer während der Praxisphase 1900 Euro brutto im Monat. „Wenn ein Mitarbeiter einen Kredit aufnimmt, tragen wir die Zinsen“, sagt Winter. Im Schnitt kostet ein berufsbegleitender Master zwischen 20.000 und 40.000 Euro, weiß Michael Donat von der Managementberatung Bearing Point. Erfahrungsgemäß werde etwa die Hälfte vom Arbeitgeber getragen.
Der berufsbegleitende Abschluss nicht nur etwas für junge Mitarbeiter. Die 45 Jahre alte Simone Gottschling arbeitet bei der Telekom-Tochter T-Systems. Sie ist Elektroingenieurin und macht nun nach jahrelanger Berufserfahrung einen Master of Science in Wirtschaftsinformatik. „Ich arbeite seit drei Jahren in einem Bereich, in dem ich, was das theoretische Wissen angeht, Nachholbedarf habe“, sagt sie.