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Arbeiten und Experimentieren Professoren zu vermieten

 ·  Die Dozenten der Technischen Fachhochschule Berlin haben Sendungsbewusstsein. Mit einer freiwilligen Initiative wollen sie Schüler für ein Technikstudium begeistern.

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„Schalte mal eben jemand das Licht aus, bitte!“ Für Friedrich Veuhoff muss es jetzt dunkel sein. Wegen der Wirkung. Erst dann drückt der Mann am Schaltpult auf den Startknopf. Sofort leuchtet warnend über ihm eine rote Lampe auf. „Achtung, Hochspannung!“ 45 Augenpaare spähen in der Dämmerung nach dem großen Glaskreis, der hinter einem deckenhohen Gitterzaun im Keller der Technischen Fachhochschule (TFH) in Berlin aufgebaut ist und aussieht wie eine futuristische Zielscheibe für Messerwerfer.

Rund um den schwarzen Knubbel in ihrer Mitte beginnt es zu leuchten. Erst schwach, dann immer stärker, bis schließlich lange, grellweiße Blitze in einem wahren Veitstanz über die Glasscheibe zucken. Es zischt und brutzelt und riecht nach Ozon. Die Zuschauer hinter dem Absperrgitter, allesamt im fortgeschrittenen Teenager-Alter, reißen Augen und Münder auf, einige halten ihre Fotohandys hoch, um das blitzende Schauspiel auf den Speicherchip zu bannen. Das ist lebendige Wissenschaft! Das ist Elektrotechnik!

Das ist Elektrotechnik?

Das ist Elektrotechnik? Friedrich Veuhoff, ein schlanker Mann Anfang sechzig, mit dünnem Haarkranz und feinem Lächeln, nickt. Er ist Professor für Elektro- und Feinwerktechnik an der TFH, wo ab dem vierten Semester im E-Technik-Studienplan auch das Arbeiten und Experimentieren im Hochspannungslabor vorgesehen ist. Wie beim Parcours in einem Fitness-Studio stehen in dem elektromagnetisch abgeschirmten Kellerraum große Prüf- und Anlagenteile herum - aber nicht um die Muskeln der Studenten zu trainieren, sondern um ihnen für Tests verschiedene Prüfspannungen zur Verfügung zu stellen. Während es bei den seminarbegleitenden Experimenten zum Beispiel um die Frage geht, ob Schalter ihre genormten Prüfspannungen halten können, damit sie den Anforderungen im Hochspannungsnetz gerecht werden, hat es Veuhoff bei seiner Vorführung heute auf das Gegenteil angelegt. Die Versuchsanordnung ist so gebaut, dass die Oberflächenspannungsfestigkeit der Glasplatte überschritten und so auf spektakuläre Weise elektrische Gleitentladungen hör- und sichtbar werden. Ein wahres Blitzlichtgewitter also, das Veuhoff da veranstaltet, um für seinen Studiengang zu werben. Zu Recht, findet er - schließlich sei die Elektrotechnik nach wie vor die Grundlage unserer modernen Welt, dementsprechend gut seien auch die Berufsaussichten der Absolventen: „Das dauert nach dem Abschluss keine zwei Wochen, dann haben die schon eine Anstellung in der Tasche.“

Um das endlich breiter bekannt zu machen, greift Veuhoff nun zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Er lässt sich vermieten. Mit einem Vortrag über erneuerbare Energien im Gepäck - denn auch die gehören zu den Tätigkeitsfeldern eines Elektrotechnikers - besucht er Schulen in und um Berlin, um die Jugendlichen für sein Fachgebiet zu begeistern, aber auch, um für die TFH und ihre aus seiner Sicht guten Studienbedingungen zu trommeln. „Bei uns gibt es seminaristischen Unterricht in kleinen Gruppen, kurze Studienzeiten und einen ausgeprägten Praxisbezug“, sagt der Diplom-Ingenieur. Er muss wissen, wovon er redet, schließlich hatte er schon ein Berufsleben vor der Professur - wie alle TFH-Dozenten. Bevor Veuhoff den Ruf an die TFH erhielt, arbeitete er zehn Jahre im Siemens-Hochleistungsprüffeld in Berlin, davor bei AEG in Kassel.

Doppeldeutig

Seine Kollegin, die Mathematikerin Angela Schwenk, arbeitete fünf Jahre als Software-Entwicklungsingenieurin bei Siemens, bis sie 1990 ihrem Herzenswunsch folgte und an der TFH eine Mathematik-Professur annahm. Die umtriebige Berlinerin, deren Augen hinter einer randlosen Brille unternehmungslustig funkeln, ist die Initiatorin von „Miet den Prof“. „,Miet‘ deshalb, weil da ja, wenn man es ausspricht, auch das englische Wort 'meet‘ also 'treffen‘, drinsteckt“, erklärt Schwenk die Namensgebung. Mit Nachdruck fügt sie hinzu: „Die Miet-Profs sind zum Nulltarif zu haben.“ Sie sind Überzeugungstäter - im doppelten Sinn.

Vor knapp zehn Jahren, als die Mathematik-Professorin mit ihrer Idee im Kollegenkreis und bei der Fachhochschulleitung hausieren ging, stieß sie nicht überall auf offene Ohren. Das ist heute anders. „Wir müssen ja auch für unsere Fachhochschule werben und Absolventen klarmachen, warum sie ausgerechnet hierher kommen sollen“, erklärt sie. „Vor allem Abiturienten können sich ja aussuchen, ob sie an einer Universität oder an einer Fachhochschule studieren wollen.“

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09.05.2008, 00:01 Uhr

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