07.04.2007 · Soziologen sehen in der zunehmenden Individualisierung einen Trend der Gesellschaft. Doch Berufseinsteiger machen ganz andere Erfahrungen. Sie müssen sich anpassen. Manchmal extrem.
Von Anna LollHochschulabsolventen erleben die Notwendigkeit, eigene Vorstellungen zurückzustellen. Gibt das eine Generation der Anpassung? Von den Chancen der Selbstverwirklichung in der modernen Gesellschaft spüren viele Hochschulabgänger wenig. Die zunehmend flexiblen Strukturen des Arbeitsmarktes bringen nicht immer Wahlmöglichkeiten mit sich, sondern den Zwang sich anzupassen.
„Man überlegt sich schon, ob man sich es erlauben kann, überhaupt eine Stelle abzulehnen“, sagt ein Soziologe aus Berlin, der seinen Namen nicht gedruckt sehen möchte. Übermäßig viele Wahlmöglichkeiten hat er trotz Einserdiplom nicht. Denn er will in die Wissenschaft und dort sind Arbeitsplätze dünn gesät. Dessen ist er sich wohl bewusst und bereit bei seinen Wünschen Abstriche zu machen.
Jedoch haben auch die ihre Grenzen. „Mit einer halben Stelle kommt man schon über die Runden. Doch ist die Frage, ob man nebenbei noch Zeit hat, seine eigenen Arbeiten zu machen“, sagt der Achtundzwanzigjährige. Vor allem dürfe das zu bearbeitende Forschungsgebiet nicht zu weit von seinen Interessen entfernt liegen und seine Partnerin müsse in der Nähe seines neuen Arbeitsplatzes eine Stelle finden können. Ein Angebot hat er aus diesen Gründen bereits abgelehnt. „Da gibt es schon die Angst: Was mache ich, wenn ich in einem halben Jahr immer noch keine Stelle habe?“, sagt der angehende Wissenschaftler.
Ortswechsel und lange Fahrten
Er ist mit solchen Bedenken nicht allein. Nach Zahlen des letzten Studierendensurvey vom Bundesministerium für Bildung und Forschung rechnen nur 22 Prozent der Hochschulabsolventen damit, ohne Schwierigkeiten eine adäquate Stelle nach dem Studium zu finden. Für einen guten Arbeitsplatz würden 80 Prozent Belastungen wie lange Fahrtzeiten oder einen Wohnortswechsel in Kauf nehmen, 79 Prozent sich auf finanzielle Einbußen einlassen. Dabei sind die Ängste statistisch gesehen relativ unbegründet. Fast jeder vierte von fünf Arbeitssuchenden mit Universitätsabschluss findet laut des Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln, eine Anstellung.
Kritik und Ideen sind unerwünscht
Allerdings ist nicht jeder Arbeitsplatz gleich das Richtige. „Auf der Arbeit bin ich so eine Art ausführendes Organ des Vorgesetzten. Dafür hätte ich keinen Studienabschluss machen müssen“, berichtet ein Geisteswissenschaftler frustriert. Nach dem Studium sah es eigentlich sehr gut für ihn aus. Die Stelle in dem Marktforschungsunternehmen bekam er schnell. Aber bald lernte er, dass an seinem neuen Arbeitsplatz weder Kritik noch eigene Ideen erwünscht sind.
Deswegen bewirbt er sich nun diskret bei anderen Unternehmen. Im letzten Vorstellungsgespräch bei einem Personalunternehmen hätte ihn zwar die Aufgabe sehr interessiert. Nur das Gehalt war niedrig, der Vertrag auf freiberuflicher Basis, die Arbeitsstunden hoch. „Die Unternehmen wälzen das Risiko auf den Arbeitnehmer ab ohne viel zu bieten. Sicher ist dabei nichts“, sagt er. Er selbst behält deswegen lieber vorerst seine Arbeit, auch wenn sie ihm nicht gefällt.
Bis hin zur Selbstausbeutung
Vom immer wieder von Soziologen konstatierten Trend der Individualisierung in der modernen Arbeitsgesellschaft scheinen Hochschulabsolventen, die in gefragte Berufe wollen, wenig zu spüren. Flexibilisierung und Mobilität bringt nicht für jeden das Gefühl mit sich, besonders viele Wahlmöglichkeiten zu haben. „Die wahrgenommene Unsicherheit kann gerade für die jungen Leute zu einer Einengung der Perspektive führen, die je nach Ausgangslage von einer gesunden Selbstanpassung bis hin zur Selbstausbeutung gehen kann“, beobachtet Helmut Klages, emertierter Professor für empirische Sozialwissenschaften an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer und Experte für die Forschung zum Wertewandel in der Bundesrepublik.
Leistungsbereitschaft statt Resignation
Von einer „Generation der Anpassung“ könne jedoch keine Rede sein, meint er. Vielmehr habe sich durch die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt ein robuster Individualismus entwickelt. Die Betroffenen reagierten in der Regel auf die Probleme nicht mit Resignation, sondern mit erhöhter Leistungsbereitschaft. Für Klages ist dies keine überraschende Entwicklung. „Es wäre doch irrational, sich nicht mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen und sich nicht bis zu einem gewissen Grad anzupassen“, findet er. Anstrengungen für bestimmte Karriereziele gelten dabei nicht als Unterdrückung von Selbstverwirklichung, sondern für viele gerade als ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.
Durchlauferhitzer für die Karriere
Ähnliches beobachtet auch Georges T. Roos, Gründer und Leiter von Roos Büro für kulturelle Innovation in Luzern. „An der Stelle, an der in den Fünfziger Jahren Disziplin und in der Achtundsechziger Generation Selbstentfaltung stand, gibt es heute einen neuen Realismus“, sagt er. Der Individualismus als Kennzeichen der Moderne aber wäre selbst durch konjunkturelle Schwächen auf dem Arbeitsmarkt nicht so leicht rückgängig zu machen. Man dürfe ihn eben nur nicht als eine Art der Selbstverwirklichung verstehen, die sich ausschließlich an inneren Maßstäben orientiert und sich gegen alle äußeren Widerstände durchsetzt. Vielmehr sei heute die Entfaltung persönlicher Wünsche häufig mit dem Willen zum Erfolg verbunden. „Ein Praktikum kann durchaus zur Verwirklichung der Individualität passen. Wie eine Art Durchlauferhitzer für die Karriere, den man benötigt, damit die Rakete später richtig zündet“, sagt Roos.
„Herausragende finden ihren Weg“
Doch freiwillig schließen wohl nach wie vor die wenigsten einen Vertrag zu schlechten Konditionen ab. „Die Existenzängste treiben Jobwechsler oder Berufseinsteiger dazu, Jobs anzunehmen und sich an Situationen anzupassen, die sie nicht machen würden, hätten sie die Wahl“, sagt Thomas Rübel vom Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader. Dem Einzelnen stehe ein mächtiges Prinzip der Wirtschaftswelt gegenüber: „Unternehmen wollen so wenig wie möglich investieren und gleichzeitig einen möglichst hohen Ertrag erzielen“, sagt der Berater. Da habe der Arbeitnehmer schlechte Karten, wenn ein Überangebot an Arbeitskraft bestehe. Die Verwirklichung persönlicher Vorstellungen könne unter diesen Umständen nicht für jeden Priorität Nummer eins sein.
„Herausragende Menschen finden immer ihren Weg. Aber wenn ich keiner bin, muss ich dies annehmen und schauen, welche Forderungen ich mir leisten kann“, sagt Rübel. Eines dürfe jedoch trotz aller anscheinend gebotenen Anpassung nicht passieren: „Wer ohne nachzudenken alles macht, gewinnt nichts. Man darf seine Würde nicht verlieren.“
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