Der „Dipl.-Ing.“ ist ein Markenzeichen für deutsche Qualität wie der Mercedes-Stern oder die TÜV-Plakette. Das meinen zumindest die neun Technischen Universitäten, die sich zur TU9-Allianz zusammengeschlossen haben. Seit geraumer Zeit dringt das Bündnis darauf, dieses Gütesiegel zu retten - trotz der Bologna-Reform, die es als solche nicht in Frage stellt. Vielmehr solle es den Hochschulen freigestellt werden, den Absolventen von ingenieurwissenschaftlichen Masterstudiengängen weiterhin den Titel „Diplom-Ingenieur“ zu verleihen. Eine Forderung, die unter anderen der Landesverband Hessen des Rings Christlich-Demokratischer Studenten unterstützt.
Nötig wäre dazu nach Ansicht der TU9-Geschäftsführung die Erlaubnis der Landesgesetzgeber. Mecklenburg-Vorpommern habe mit den Stimmen von CDU und SPD einen solchen Beschluss schon gefasst: Dort könnten die Hochschulen entweder den Mastertitel oder das Diplom vergeben. Hessen sieht dagegen erst einmal keinen Grund, in der Sache tätig zu werden. Die Kultusministerkonferenz habe sich auf den Master als Regelfall festgelegt, und über eine Beibehaltung des Diploms müsse ebenfalls in dieser Runde entschieden werden, meint der Sprecher des Wissenschaftsministeriums in Wiesbaden, Ulrich Adolphs: „Wir werden hier keinen Alleingang unternehmen.“
Dergleichen hat auch die zu den TU9 gehörende Technische Universität Darmstadt nicht vor, obwohl sie als „Modellhochschule“ einen besonderen Autonomiestatus genießt. Andererseits äußerten Studenten immer wieder den Wunsch, potentiellen Arbeitgebern deutlich machen zu können, dass ihr Master dem früheren Diplom entspreche, berichtet TU-Sprecher Jörg Feuck. Also habe sich das Präsidium für eine leicht realisierbare Lösung entschieden: Den ingenieurwissenschaftlichen Fachbereichen sei es künftig erlaubt, auf der Master-Urkunde eine kleingedruckte Erklärung anzubringen, aus der die Gleichwertigkeit des neuen mit dem alten Abschluss hervorgehe. Allerdings müsse die Praxis innerhalb einer Fakultät einheitlich sein: Entweder bekomme jeder Absolvent ein Zeugnis mit Zusatz oder keiner. Frisch graduierte TU-Ingenieure, deren Fachbereich auf den Ergänzungstext verzichten will, oder Abgänger anderer Unis müssen sich bei Bewerbungen dennoch nicht ausschließlich auf die Strahlkraft ihres Masters verlassen. Nach Auskunft von Ministeriumssprecher Adolphs sind die Hochschulen gehalten, auf Wunsch Bescheinigungen auszustellen, mit denen klargestellt wird, dass Master und Diplom äquivalent sind.
Wie groß ist die Sehnsucht nach dem alten Abschluss?
Dass die Sehnsucht der Studenten nach dem alten Abschluss wirklich so groß ist, glauben indes nicht alle. Sebastian Ankenbrand vom AStA der TU zum Beispiel will davon noch nichts mitbekommen haben. Für ihn lenkt die Diskussion um den Titel nur von den Schwierigkeiten ab, die die Umstellung der Studienstruktur mit sich gebracht habe. Entsprechend wenig hält er von einer Wiederbelebung des Diploms, die auch ein Versuch sei, sich von anderen Hochschulformen abzugrenzen.
Den gleichen Verdacht hegen offenbar die sechs Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, die sich in dem Verbund HAWtech zusammengeschlossen haben. Auch die Hochschule Darmstadt ist Mitglied in diesem Bündnis. Bachelor und Master seien „erfolgreich etabliert“, meinen die Fachhochschulen; eine Wiedereinführung des Diploms würde nur zu „Verwirrung“ führen.
Unerwähnt bleibt dabei, dass die FHs von der Verwirrung profitieren, die dadurch entsteht, dass sich Universitäten und Fachhochschulen einander immer mehr annähern - und nicht nur bei den Abschlüssen: Dass die Hochschule Darmstadt öfter mit der Technischen Universität verwechselt wird, seit sie das „Fach“ aus ihrem Namen gestrichen hat, dürfte in der FH nicht allzu viele Leute stören.
IHK hält das „Diplom“ für ein Auslaufmodell
Die Wirtschaft steht in der Titeldiskussion eher an der Seite der Fachhochschulen, wie die Worte von Roland Lentz nahelegen. Der Hochschulbeauftragte der hessischen Industrie- und Handelskammern hält nichts davon, das Produkt „Diplom“ weiter zu bewerben - er sieht darin ein Auslaufmodell. Die Bedeutung als Gütesiegel werde überschätzt, und Personalchefs wüssten mit Bachelor und Master inzwischen sehr wohl etwas anzufangen.
An der TU Darmstadt scheint man das ähnlich zu sehen, weshalb auch dort das Diplom jenseits des Kleingedruckten auf den Masterurkunden wohl keine Zukunft haben wird. Sprecher Feuck meint: „Entscheidend wird künftig nicht mehr sein, wie der Abschluss heißt, sondern von welcher Uni er ist.“
Diplom oder Master?
Leo Bronstein (juvog)
- 07.12.2010, 17:58 Uhr
Ich kann locker damit leben:
Wilh. Kaiser (hoppla181)
- 07.12.2010, 20:53 Uhr
